Jüdische Polizisten im Dritten Reich: „Einige mussten Trümmer räumen“

Hamburgs Polizeimuseum zeigt eine Ausstellung über die Verfolgung jüdischer Polizisten im NS-Staat. Ex-Kommissar Bähr hat 47 Biographien recherchiert

Gruppe von Zwangsarbeitern mit dem ehemlaigen Polizlisetn Friedrich Müller im Jahr 1944

Zur Zwangsarbeit abkommandiert: der ehemalige Polizist Friedrich Müller (ganz rechts) Foto: Staatsarchiv Hamburg

Interview

Martin Bähr,63, Kriminal­direktor a.D., war nach 9/11 an den Ermittlungen zur Harburger Terrorzelle beteiligt.

taz: Herr Bähr, wie erging es Hamburger jüdischen Polizisten im Dritten Reich?

Martin Bähr: Es war ja damals ein reiner Männerberuf, und es erging ihnen unmenschlich. Der Grad ihrer Drangsalierung hing davon ab, wie viel „Jüdischsein“ ihnen das NS-Regime zuschrieb. Wer keinen „Ariernachweis“ erbringen konnte, wurde entlassen bzw. gedrängt, „aus gesundheitlichen Gründen“ darum zu ersuchen. Ausgenommen waren zunächst diejenigen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg bei der Polizei waren oder im Krieg gedient hatten. Sie wurden „erst“ 1935 entlassen. Bis 1940 hat man auch „Mischlinge“ mit einem jüdischen Eltern- oder Großelternteil entlassen, aber nicht deportiert.

Sondern zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Ja, ab 1944 mussten „Mischlinge“ Trümmer räumen und Gräber ausheben, unter anderem auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Hat sich niemand gegen die Entlassung gewehrt?

Der Widerstand war gering. Ein Kollege hat die Annahme des Entlassungsschreibens mit der Begründung abgelehnt, die Frist sei überschritten. Man hat dann drei Jahre gebraucht, ihn zum Entlassungsgesuch zu bewegen. Der Apparat war bemüht, im Rahmen der damaligen Gesetze rechtlich „sauber“ zu agieren.

Haben Kollegen gegen die Entlassungen protestiert?

Die Akten sagen darüber nichts. Generell agierte die Polizei willfährig gegenüber dem Regime. Es gab Versuche, „Mischlinge“ zu halten, weil sie wichtig für die Dienststelle waren, aber ohne Erfolg. Ein Denunziant ist nach 1945 entlassen worden. Das fanden selbst die PolizistInnen der damaligen Zeit schändlich, einen Kollegen anzuschwärzen.

Konnten einige emigrieren?

Ausstellung „Juden brauchen wir hier nicht!“ Hamburgs jüdische Polizeibeamte – verdrängt, verfolgt, vergessen: bis 21. 11., Polizeimuseum

Ja, der jüdische Jurist Oswald Lassally etwa wurde nach einer Haft wegen „Rassenschande“ – seine Frau war Nichtjüdin – vor die Wahl gestellt: KZ oder Emigration. Er ging nach Brasilien.

Gab es auch Deportationen?

Ja. Die Familie eines Büromitarbeiters wurde nach Minsk deportiert und dort ermordet. Und Gertrud Weidner, jüdische Ehefrau eines nichtjüdischen Polizeihauptwachtmeisters, war nach dessen Tod nicht mehr durch die „privilegierte Mischehe“ geschützt und wurde in Auschwitz ermordet.

Kehrten einige Überlebende nach 1945 zur Polizei zurück?

Ja, viele.

Täter und Opfer arbeiteten wieder zusammen?

Dazu habe ich in den Akten wenig gefunden. Tatsache ist, dass 1.500 Polizisten im Zuge der Entnazifizierung entlassen wurden. Die musste man ersetzen, und für die Kollegen war es eine Chance, wieder Geld zu verdienen.

Ist dies die erste Ausstellung über jüdische Polizisten im NS-Regime?

Vermutlich. Einzelfälle waren bekannt, aber eine systematische Durchleuchtung einer Behörde gab es wohl nicht. Für Hamburg ist das möglich, weil die Geschichte der Polizei besonders gut dokumentiert ist.

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