Judenfeindliche Codes und Slogans: Der Antisemitismus kennt keine Parteien
An Berliner Hauswänden finden sich Graffiti, die zum Mord an Juden aufrufen. Solcher Hass gedeiht nicht nur im rechtsextremistischen Lager.
P ankow ist schockiert. In der Nacht zum vergangenen Sonntag wurden mehrere Graffiti in dem Berliner Stadtteil angebracht. „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“, in großen schwarzen Lettern, in nächster Nähe an einem anderen Haus: „Kill all Jews“. Derselbe Satz stand an einer weiteren Wand in Kombination mit einem Hakenkreuz. An einer anderen Stelle stand: „271K“. Dieser Code, der auch in den sozialen Medien häufig benutzt wird, verbreitet die Verschwörungstheorie, dass das nationalsozialistische Deutschland „nur“ 271.000 Jüdinnen und Juden ermordet habe.
Wer macht so was? Wer ergötzt sich an dieser Machtdemonstration, Juden mit dem Tod zu drohen und den Holocaust zu leugnen? Lässt das Hakenkreuz darauf schließen, dass ein Neonazi der Täter war? Dass es genug Neonazis gibt, die Juden hassen, ist bekannt. „Taten wie diese finden nicht im luftleeren Raum statt“, lautet der Satz, den man in solchen Fällen gern sagt und schreibt. Man fragt nach den „geistigen Brandstiftern“. Die Brandstifter, die zu einem judenfeindlichen Klima beitragen, finden sich allerdings nicht exklusiv im rechtsextremistischen Lager. Der Antisemitismus kennt keine Parteien, er gedeiht überall.
Seit dem 7. Oktober 2023 steigt die Zahl antisemitischer Hassverbrechen stetig an. In Berliner Kneipenklos finden sich nicht selten Graffiti wie „All Zios are targets“. Alle „Zionisten“ gelten den selbsternannten „Antiimperialisten“ als Ziel. Antizionismus sei kein Antisemitismus, wird dann gern behauptet. Die Wirklichkeit spricht aber eine andere Sprache, in Wort und Tat.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Gesten der Solidarität
Als die Propagandaspezialisten der Sowjetunion in den späten 1960er Jahren aus imperialistischen Motiven jenen „Antizionismus“ erfanden, der als Untoter heute noch herumgeistert und die Hirne autoritär gestrickter Leute vernebelt, ging es ihnen auch darum, den Vorwurf des Antisemitismus abzuwehren – weil und obwohl sie mit uralten antisemitischen Bildernarbeiteten.
Seit geraumer Zeit lässt sich in westlichen Ländern beobachten, dass Judenhasser von rechts, von links, aus der sogenannten Mitte und aus islamistischen Kreisen es nicht mehr für nötig befinden, das Codewort „Zionist“ zu benutzen. Sie sagen jetzt offen, wen sie meinen, weil sie annehmen, es im gegenwärtigen Klima ungestraft sagen zu können: Juden.
Viele Pankower wollten das nicht stehen lassen und antworteten auf die terroristische Machtgeste mit zahlreichen Gesten der Solidarität im öffentlichen Raum. Ihre Botschaft lautet: Wir sind gegen diesen Hass – und wir sind mehr.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert