Journalistin über Nachrichtenkompetenz: „Vielen jungen Menschen fehlt das Vertrauen in die Medien“
Woran erkennt man, ob eine Meldung falsch ist? Journalistin Lena Marie Haring gibt Workshops, um junge Menschen im Umgang mit Fake News zu schulen.
Foto: Marcus Brandt/dpa
taz: Frau Haring, was verstehen Sie unter Nachrichtenkompetenz?
Lena Marie Haring: Vor allem, Nachrichten nicht blind zu lesen, sondern zu hinterfragen und mehrere Quellen einzubeziehen. Dazu gehört auch, in das eigene Umfeld zu schauen und sich zu fragen, „Kann das sein?“, wenn etwas unglaubwürdig erscheint.
taz: Was kann denn passieren, wenn man Falschmeldungen vertraut?
Haring: Wenn mich eine Nachricht emotional stark mitnimmt oder mich vermeintlich privat angreift, kann das im schlimmsten Fall zu einer Radikalisierung beitragen. Man kann auch den Bezug zur Realität verlieren, wenn man nur auf Social Media scrollt und ungefiltert annimmt, dass alles stimmt, was einem dort begegnet. Auch im Wahlkampf kann es schlimme Folgen haben, wenn etwa eine Partei eine Falschmeldung verbreitet und ich diese an mein Umfeld weiterleite.
taz: Warum ist es für Jugendliche besonders wichtig, Nachrichtenkompetenz zu haben?
Haring: Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz werden wir überflutet mit Nachrichten aus diversen Social-Media-Kanälen, sodass es diesen Filter braucht, eine Unterscheidung zwischen dem, was stimmt, und dem, was nicht stimmt. Ich muss aber sagen, dass Jugendliche meiner Erfahrung nach ein geschultes Auge im Umgang mit KI haben und diese schneller erkennen, als ältere Leute. Wenn ich in unseren „NewsCamps“, also Workshops zur Nachrichtenkompetenz, Falschmeldungen zeige, erkennen die Jugendlichen diese in neun von zehn Fällen.
taz: Woran erkennt man denn eine Falschmeldung?
Haring: Das ist durch KI deutlich schwieriger geworden. Bei Bildern kann man sich anschauen, ob das Gezeigte wirklich Sinn ergibt und die Körperformen stimmen. Bei dem Inhalt der Meldung muss man schauen, ob es seriöse Quellen gibt, die das belegen. Damit meine ich vor allem öffentlich-rechtliche Medien. Da sollte es dann mindestens zwei bis drei unterschiedliche Quellen geben, die die Meldung belegen. Und man sollte sich den Kontext vor Augen führen. Auch bei politischen Meldungen hilft das. Wenn die AfD sagt, sie möchte mehr für die untere soziale Schicht machen, dann kann man fragen: Ergibt das Sinn? Gibt es dafür wirklich Belege?
Das Newscamp
Newscamp im Rahmen der Ausstellung „Nachrichten – News“ für Schulklassen: Mi, 14. 10., 8 bis 13 Uhr, Museum der Arbeit, Hamburg. Anmeldung per E-Mail an haring.lena-marie@usethenews.de
taz: Welche Falschmeldung hat Sie zuletzt richtig sauer gemacht?
Haring: Die Meldung, Wolodymyr Selenskyj hätte Hitlers Parade-Mercedes gekauft. Wenn man ein bisschen Hintergrundwissen hat, ist ja eigentlich schon völlig klar, dass das natürlich nicht stimmt. Da steckte eine russische Desinformationskampagne dahinter.
taz: Wie erreichen Sie die Jugendlichen am besten?
Haring: Tatsächlich nicht über Social Media, wie viele erst mal denken. Der direkte Kontakt ist viel ergiebiger und nachhaltiger. Jugendliche brauchen Vertrauen, um sich zu öffnen. In unseren NewsCamps merke ich, wie viele Nachfragen kommen. Und auch, wie viel Bock die Kids haben, ein eigenes Video zu drehen oder einen Fotoworkshop zu machen.
taz: Worüber sprechen Sie dann mit den Jugendlichen?
Haring: Ich stelle oft einfach Fragen zu dem, was sie von sich aus sagen. Manchmal rede ich eine Stunde lang mit Jugendlichen, die denken, dass die AfD uns regieren sollte, weil ihre Freunde das sagen. Und ich frage dann, warum sie das eigentlich denken. Es ist wichtig, die Meinung nicht zu verurteilen, sondern ernst zu nehmen und ins Gespräch zu gehen. Vielen jungen Menschen fehlt das Vertrauen in die Medien. Deswegen ist es wichtig, ihnen in den Workshops das Vertrauen wieder zu ermöglichen, und dafür muss man zuhören. Dann merkt man auch, wie groß der Redebedarf ist.
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