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Italienrundfahrt der RadprofisMasken auf und lüften!

Beim Giro d’Italia haben etliche Profis mit Virusinfektionen zu kämpfen. Auch die Angst vor Erkältungen grassiert im mittlerweile dezimierten Peloton.

Gegen den Berg und die Kälte: Giulio Pellizzari und Teamkollege Jai Hindley beim Anstieg zum Monte Blockhaus Foto: La Presse/imago

Aus Porcari

Tom Mustroph

Die Virusangst geht wieder mal um beim Giro. Man sieht mitunter Masken in den Teambussen. Top-Favorit Jonas Vingegaard setzte sicherheitshalber auch eine beim Flugtransfer von der Grande Partenza in Bulgarien nach Süditalien auf. Und auch bei den obligatorischen Pressekonferenzen als Etappensieger und amtierender Bergkönig bittet er regelmäßig darum, die Tür zum Interviewwagen für bessere Luftzirkulation offenzulassen.

Vingegaard ist allerdings kein Hypochonder. Erkältungen und Magen-Darm-Viren gehören zum Giro wie das rosa Trikot und die obligatorische Proseccoflasche auf dem Siegerpodium. Legendär sind etwa die Durchfallattacken, unter denen 2017 den Rosa-Träger Tom Dumoulin auf der Königsetappe litt. Auch in diesem Jahr erwischte es einige Fahrer.

Giulio Pellizzari musste beim Anstieg nach Corno alle Scale auf der 9. Etappe die Allerbesten ziehen lassen. Knapp anderthalb Minuten verlor er auf den Etappensieger Vingegaard. Im Ziel musste der Red-Bull-Profi sich gar übergeben. „Es ist schade. Da bereitet man sich so gut auf den Giro vor, und dann musst du abreißen lassen, weil dein Körper nicht zu 100 Prozent da ist“, sagte er der taz.

Froh war der Italiener über den Ruhetag danach. Und beim Zeitfahren am Dienstag lief es schon wieder besser. „Besser als befürchtet“, sagte Pellizzari sogar. Auf seinem Powermeter sah er aber, dass ihm über die gesamten 42 Kilometer etwa 25 Watt zum Normalniveau fehlten.

Kälteschlacht von Potenza

Eingefangen hat er sich die Erkältung wohl auf der fünften Etappe, vermutete er selbst. Die ging als Regen- und Kälteschlacht von Potenza in die Annalen ein. Tagessieger Igor Arrieta und Fluchtkollege Afonso Eulalio, der sich an diesem Tag das rosa Trikot holte, waren derart durchgefroren, dass sie vollkommen steif vom Rad stiegen und der ganze Körper vor Kälte zitterte.

Etappensieger Igor Arrieta zitterte im Ziel am ganzen Körper und kam kaum vom Rad

Auch andere Fahrer litten. Florian Stork war mit Platz 2 am zweiten Tag des Giro toll in die Rundfahrt gestartet. Die letzten Tage verbrachte er aber vornehmlich im Gruppetto. Auch er litt an einer Erkältung. „Geholt habe ich mir die wahrscheinlich schon in Bulgarien. Am ersten Tag in Italien habe ich es zumindest gespürt“, sagte er. Mittlerweile geht es dem Deutschen besser. Er hofft auf neue Fluchtgruppenabenteuer.

Das ist das Besondere an Grand Tours. Obgleich die Athletenkörper, vor allem die der Kletterer, ausgezehrt sind und deshalb wenig Widerstandskraft haben, schaffen sie es dennoch, sich trotz aller Strapazen derart zu erholen, dass die Leistungsfähigkeit zurückkommt – zumindest ansatzweise. Pellizzari hofft nun, erst mal keine weitere Zeit zu verlieren, um am Samstag anzugreifen.

Am schlimmsten hatte es bei diesem Giro allerdings den Lotto-Rennstall erwischt. Das Team musste seinen halben Giro-Kader schon vor dem Rennen austauschen, weil sich die Rennfahrer zuvor bei einem Rennen in Belgien offenbar eine Dungvergiftung zugezogen hatten. Einige mussten mit Magenbeschwerden, Durchfall und Erbrechen sogar ins Krankenhaus gebracht werden.

Radler versus Kuhscheiße

Vermutet wird, dass Bakterien aus Rinderdung durch schwere Regenfälle herausgespült wurden und irgendwie an die Trinkflaschen der Rennfahrer kamen. Zwei Lottofahrer, die zunächst keine Symptome aufwiesen und zum Giro fuhren, mussten mittlerweile aussteigen.

Sie sind bereits an Phase 1 des Radsports gescheitert. Laut Christian Pömer, dem sportlichen Leiter bei Red Bull-Bora-hansgrohe, definierte sein Road Captain und Alltagsphilosoph Gianni Moscon Radsport als Dreiphasenzyklus: „Erstens, du musst bis ins Ziel kommen.

Das heißt, man darf nicht stürzen oder krank werden. Zweitens muss man an den besten Rennfahrern dranbleiben. Nur wenn das möglich ist, kann man an die dritte Phase denken, nämlich selbst attackieren.“

Das von 184 auf 167 Fahrer geschrumpfte Peloton teilt sich also in Dreiphasenfahrer auf: Jene, die trotz Sturz oder Krankheit noch dabei sind und nur ans Erreichen des Zielstrichs innerhalb der Karenzzeit denken. Jene, die versuchen, mit den Besten mitzuhalten.

Und jene, die sich trauen können, die Besten zu attackieren. Es wäre doch mal was, wenn der datengetriebene Radsport während einer Übertragung eines Rennens visualisieren würde, wie viele Fahrer sich allein aufgrund ihrer Gesundheitsdaten aktuell in Phase 1, 2 oder 3 befinden. Die groben Verhältnisse kann man allerdings mit halbwegs geübtem Auge auch so erfassen.

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