Italians do it better: Nicht mal die Skandale haben hier Glamour
Korruption, Skandale und Zerfall, jetzt auch noch Rechte an der Regierung. Sie glauben, hier wäre es schlimm? Dann gucken Sie doch mal woanders.
Foto: Swen Pförtner/dpa
I mmer wenn es mir zu viel wird mit der Weltuntergangsstimmung in der deutschen Politik, denke ich an die E. Sie gehörte zu dem angeheirateten Freundes- und Verwandtenkreis in Italien, von dem ich mittlerweile bedauerlicherweise mitgeschieden bin.
Die Spezialität der E. war es jedenfalls, mir bei jeder Gelegenheit zu erklären, dass die Dinge in Italien ja grundsätzlich viel größer wären und in Deutschland quasi alles ein Klacks, ein müder Abklatsch oder einfach nicht so grandios. Das galt selbstverständlich nicht nur für die üblichen Klischees wie Wetter (besser!), Essen (leckerer!), Menschen (schöner!) und Mode (eleganter!). Sondern auch für alles Schlechte.
„Ihr Deutschen glaubt, ihr habt die Bürokratie erfunden. Das ist Blödsinn. Die stammt natürlich aus dem römischen Reich. Und bei uns ist sie auch viel schlimmer: Bei euch dauert bloß alles ewig lang. Bei uns auch, aber am Ende kommt nicht einmal etwas dabei heraus.“
Die E., da bin ich mir sicher, hätte auch zu den jüngsten Affären und Affärchen etwas zu sagen gehabt. Also zum Beispiel, die um Krach und Politze. So eine Aufregung und Hausdurchsuchungen wegen einer Spende, die nicht einmal fünfstellig ist! Pfff. Daran erkennt man ja geradezu ein System, das nicht einmal ordentlich korrupt sein kann.
Jeder weiß, wer wem was schuldet
In einem gut geschmierten System brauchst du keine großen Absprachen, hat sie mir bei anderer Gelegenheit mal erklärt. Jeder weiß, was zu tun ist. Jeder weiß, wer wem was schuldet. Der Austausch von Gefälligkeiten erfolgt mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie man eben ein Gastgeschenk mitbringt, wenn man eingeladen ist. Da gibt es dann auch nicht so viele verräterische Chatnachrichten.
Oder diese Clan-Nummer da in Berlin. Was für eine Idiotie! Da hätten diese Kriminellen möglicherweise einen Draht in die Politik haben können. Sie hatten zumindest einen Kontakt, einen Fuß in der Tür. Jeder Mafioso, der etwas auf sich hält, hätte den behutsam kultiviert, gehegt und gepflegt, um ihn dann irgendwann einmal zu nutzen.
Die Remmos ziehen es aber offensichtlich vor, ihn sofort zu verbrennen, und zwar möglichst öffentlich. Warum nur? Weil Rumgepimmel auf Instagram und Wahlpartys halt wichtiger ist? Aber gut, es gab ja auch bei den bekannt gewordenen Überfällen und Raubzügen, die dem Clan zugeschrieben werden, deutliche Indizien, dass hier nicht unbedingt kriminelle Masterminds am Werk sind. Oder um es mal mit E. zu sagen: Organisiertes Verbrechen könnt ihr auch nicht.
Auch politisch hinkt Deutschland Italien natürlich hoffnungslos hinterher. Da regieren die Rechten und Rechtspopulisten immerhin schon seit den 90er Jahren wieder mit. Berlusconi, Fini, Salvini, Meloni – auf die Entzauberung, die sich nach Auffassung mancher beim Regieren einstellen sollte, wartet man leider seit 30 Jahren vergeblich.
Andrerseits behaupten viele Italiener natürlich, dass es sowieso ziemlich egal sei, wer da oben rumregiert, weil sich im Land sowieso nichts ändert. Das wäre in Deutschland vielleicht anders. Für E. war das jedenfalls das einzige Feld, in dem sie den Deutschen einen gewissen Vorsprung bescheinigte: „Der Faschismus wurde zwar in Italien erfunden, aber von den Deutschen perfektioniert“, sagte sie immer.
Aber das muss ja nicht noch einmal so laufen. Vielleicht können wir uns auch einfach noch ein kleines bisschen an dem Gedanken festhalten, dass es anderswo bestimmt noch schlimmer geht. Zumindest vorläufig.
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