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Israels Regierungschef und die Shoah Nicht ewig Opfer, nicht ewig schuldig

Gastkommentar von

Amit Varshizky

Netanjahu instrumentalisiert den Holocaust. Sein Ziel ist die Legitimation aller Mittel und der Mythos, dass nur er sein Volk schützt.

I sraels noch amtierender Regierungschef Benjamin Netanjahu ist ein Meister, wenn es darum geht, die Erinnerung an die Shoah politisch zu instrumentalisieren. Diese Wochen sind kritisch für ihn. Das Ende seiner langen Amtszeit könnte bevorstehen, was ihn mit dazu bewegt haben dürfte, noch kurz vor den Wahlen erneut in seine Trickkiste zu greifen. Ein zweiter Holocaust stünde dem Land bevor, sollte er seinen Posten verlieren.

Über Jahrzehnte hinweg wurde die Shoah von einem singulären historischen Verbrechen und einer beispiellosen Tragödie zu einer politischen Ressource von enormer Wirkmacht. Israelische Politiker nutzten die Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden, um Kritik abzuwehren, Unrecht zu normalisieren und Unterstützung im In- und Ausland zu mobilisieren. Diese Instrumentalisierung erfüllte von Anfang an eine doppelte Funktion.

Im Inneren diente sie dazu, die Mentalität einer belagerten Nation zu stärken, das eine starke Führung braucht, die das jüdische Volk vor einer stets drohenden Vernichtung schützt. Nach außen fungierte sie als Quelle politischer und moralischer Legitimation. Insbesondere die Schuldgefühle Europas und Deutschlands wurden mobilisiert und in diplomatisches Kapital umgewandelt.

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Das Paradox besteht darin, dass der Staat Israel die Erinnerung an die Shoah für politische Zwecke mobilisierte, während viele ihrer Überlebenden im eigenen Land in Armut und gesellschaftlicher Vernachlässigung lebten. Politiker, die sich gern auf die Shoah beriefen, zeigten oft weit weniger Interesse am Schicksal jener Menschen, die Verfolgung und Vernichtung tatsächlich überlebt hatten. Dies nährt den Verdacht, dass nicht die Erinnerung selbst im Zentrum stand, sondern ihr politischer Nutzen.

Schuld als politisches Druckmittel

Netanjahu trieb diese Methode nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 auf die Spitze, als er die Hamas als „die neuen Nazis“ bezeichnete. Das traumatische Ereignis wurde schließlich auch von zahlreichen israelischen Politikern unmittelbar in ein Deutungsmuster eingebettet, das die Hamas mit dem Nationalsozialismus gleichsetzte und damit die Grenzen dessen verschob, was im Krieg im Gazastreifen als moralisch und politisch legitim galt.

Diese Strategie verschaffte Netanjahu enormes politisches Kapital und stärkte sein Image als unverzichtbarer Garant der israelischen Sicherheit. Zugleich förderte der Mythos des ewigen Opfers ein kollektives Anspruchsdenken, das nahezu jede Handlung zu legitimieren vermag. Gewalt, Unrecht und selbst Verbrechen können unter dem Banner des heiligen Versprechens „Nie wieder“ gerechtfertigt werden.

Amit Varshizky

ist Historiker, Schriftsteller und Essayist, lebt in Berlin. Er schreibt regelmäßig für die israelische Tageszeitung Haaretz.

Das nach dem 7. Oktober reaktivierte Trauma wurde zu einem Mechanismus der Selbstrechtfertigung und Vermeidung von Selbstkritik. Wer zur Reflexion aufrief, galt als Verräter; wer auf Komplexität bestand, wurde beschuldigt, die Narrative der Feinde Israels zu übernehmen. Dasselbe Opfernarrativ, das im Inneren zur Mobilisierung von Angst und politischer Unterstützung diente, wurde international zu einer Quelle politischer Legitimität.

Seit seiner Gründung profitierte Israel von einem außergewöhnlichen moralischen Kredit, der wesentlich aus den Lehren der Shoah und den Schuldgefühlen Deutschlands, Europas und des Westens insgesamt erwuchs. Doch je stärker die Erinnerung an die Shoah instrumentalisiert wird und je offener historische Schuld als politisches Druckmittel eingesetzt wird, desto mehr schwindet dieser moralische Kredit.

Die Shoah als universelle Warnung

Die Tragik besteht darin, dass diese Strategie letztlich das Gegenteil ihres ursprünglichen Zwecks bewirkt. Dieser Mechanismus schadet Israel und er belastet auch die deutsch-israelischen Beziehungen. Zu lange hat Deutschland sich an das Bewusstsein historischer Schuld gebunden und dabei bisweilen aktive historische Verantwortung durch eine Kultur permanenter Sühne ersetzt.

Statt Israel als lebendige, widersprüchliche und sich wandelnde Gesellschaft wahrzunehmen, ließ Deutschland es in seiner Vorstellung häufig zum ewigen Symbol jüdischer Opfergeschichte erstarren. Dadurch wurden tiefgreifende demografische, kulturelle und ideologische Veränderungen in Israel ebenso übersehen wie die zunehmende Stärke nationalistischer, rassistischer und illiberaler Strömungen.

Wenn jedoch Erinnerung zur Grundlage einer bedingungslosen politischen Loyalität wird, verliert sie ihren Charakter als Quelle moralischer Urteilsfähigkeit und verwandelt sich in ein politisches Dogma. In Deutschland nehmen Ermüdung und Widerstand gegenüber der Erinnerungspolitik zu. Paradoxerweise untergräbt gerade der Versuch, die Erinnerung an die Shoah mit bedingungsloser Unterstützung Israels zu verknüpfen, die Legitimität der deutschen Erinnerungskultur und liefert populistischen Kräften Munition, die sich von ihr vollständig lösen wollen.

Statt eine selbstbewusste Erinnerungskultur zu festigen, erzeugt er das Gefühl moralischer Bevormundung. Darüber hinaus verwischt er die Grenze zwischen tatsächlichem Antisemitismus und legitimer politischer Kritik an israelischer Politik. Wenn jede Kritik als Ausdruck eines versteckten Antisemitismus dargestellt wird, verliert der Begriff an Überzeugungskraft. Der Kampf gegen Antisemitismus wird also nicht gestärkt, sondern läuft Gefahr, an öffentlicher Glaubwürdigkeit einzubüßen und reale Erscheinungsformen des Judenhasses schlechter erkennen zu können.

Der Mythos des ewigen Opfers fördert ein kollektives Anspruchsdenken, das fast jede Handlung legitimiert

Eine reife Gesellschaft verleugnet ihre Vergangenheit nicht. Sie macht sich aber auch nicht zu ihrer Gefangenen. Die Entscheidung Israels und Deutschlands, die Shoah als offene Wunde zu bewahren, als Trauma, das niemals heilen darf, hält beide Gesellschaften in einer Dialektik von Opferrolle und Schuld gefangen: Israel in der Identität des ewigen Opfers, Deutschland in der Identität des ewigen Schuldigen.

In beiden Fällen erschwert dies die Entwicklung eines selbstbewussten demokratischen Bürgersinns. 82 Jahre nach Auschwitz ist es Zeit, der Shoah ihren eigentlichen Platz zurückzugeben: nicht als politisches Kapital, sondern als universelle Warnung an kommende Generationen.

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3 Kommentare

  • Arne Babenhauserheide

    > universelle Warnung an kommende Generationen

    Vielleicht erstmal an die heutige Generation.

    z.B. sich nicht erzählen zu lassen, Israel könne aktuell aus Deutschland nicht kritisiert werden, wenn diesen Sommer sogar Merz Kritik übte.

    Wenn jemand sagt "man darf ja nichts mehr sagen" während er gerade das in der Zeitung macht, ist misstrauen angebracht.

  • JK83

    Der Gastkommentar gibt meine Einschätzung wieder. Ich denke allerdings, dass er für viele noch lebende Generationen Deutscher einen unerhörten Frevel darstellt. Ein direkter Verstoß gegen "nie wieder Auschwitz", "wehret den Anfängen" und andere Parolen. Mich überzeugt das nicht und ich denke auch viele andere eher junge Menschen nicht (wohlgemerkt: unter jungen Menschen gibt es natürlich auch Anhänger der unbedingten Israelsolidarität und der Projezierung des Guten wie Schlechten auf beide Nationen bzw. Ethnien, aber in der Tendenz wird es mMn zunehmend offener). Das hat genau auch mit den beschriebenen Umständen und politisch-argumentativen Strategien zu tun und mit der Bevormundung demokratischen Austauschs und der durchaus noch verteidigten Abwehr eigenen Urteilens in Fragen zu Israel, Zusammenarbeit mit Israel usw., was - ebenso steht es auch im Beitrag - einer teilweisen Tabuisierung gleichkommt.

    Ich glaube, das Tabu kann und wird nicht die letzte Stufe der politischen Weisheit sein. Es wird eine Zeit kommen, da man erkennen wird, welch neue Schuld man durch Tabuisierung und bedingungslose Unterstützung auf sich geladen hat. Und die Gleichsetzung Israel = Gut wird zerrinnen.

  • Pawelko

    "7. Oktober...Wer zur Reflexion aufrief, galt als Verräter; wer auf Komplexität bestand, wurde beschuldigt,"

    Okay, da ist eine islamistische Terrorgruppe die in ihrer Charta drin stehen hatte die Juden zu vernichten weil sie Juden sind und der Prophet es angeblich so will...was sollen die Israelis reflektieren? Was ist komplex an muslimischen oder linken Antisemitismus?

    Faktisch griffen 1948 direkt nach der Staatsgründung Ägypten, Syrien, Jordanien, der Libanon und der Irak das Land an, unterstützt durch Truppen aus Saudi-Arabien und dem Jemen. Israel sollte von Anfang an von der Landkarte getilgt werden.

    1973 (Jom-Kippur-Krieg): Ein überraschender Großangriff Ägyptens und Syriens am höchsten jüdischen Feiertag.



    1991 (Zweiter Golfkrieg): Der Irak feuerte 39 Scud-Raketen auf israelische Städte ab, obwohl Israel nicht am Krieg beteiligt war.

    Israel ist ein belagertes Land.

    Fakt ist, Israel und seine Bevölkerung leben weil diese auch verteidigen können und müssen. Das lehrt uns die Geschichte.