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Israelischer FußballWeit weg von Normalität

Nach dem Terrorangriff der Hamas hat sich auch im israelischen Fußball viel verändert. Es gibt mehr Unsicherheit, Zerrissenheit und Rassismus.

Von Heimspielen im herkömmlichen Sinne kann keine Rede mehr sein, denn die Heimatstadt ist weit weg. Aus Sicherheitsgründen muss der Fußballklub Hapoel aus Kirjat Schmona, der nördlichsten Stadt Israels, seine Heimspiele in Netanja bestreiten, 150 Kilometer weiter im Süden gelegen. „Wir fühlen uns wie Flüchtlinge im eigenen Land“, sagt Yehiam Cohen, der in Kirjat Schmona aufgewachsen ist und seit der Kindheit Fan von Hapoel ist. „Unsere Gemeinschaft ist getrennt und im ganzen Land verteilt.“

Der 7. Oktober 2023 war eine Zäsur für Israel. Beim Angriff der Hamas wurden mehr als 1.200 Menschen getötet und über 250 verschleppt. Auch heute, drei Jahre später, prägen dieses Trauma und der folgende Krieg die israelische Gesellschaft und die palästinensischen Gebiete. Für viele zivilgesellschaftliche Gruppen ist das Gedenken an die Opfer zu einem zentralen Anliegen geworden – auch im Fußball.

Deutlich wurde das auch im Norden. Nach der Eskalation im Oktober 2023 griff die Hisbollah aus dem benachbarten Libanon mit Raketen und Drohnen israelische Städte an. Besonders unter Beschuss: Kirjat Schmona mit seinen 23.000 Einwohnern. In wenigen Tagen wurden dort Hunderte Wohnungen, öffentliche Gebäude und Straßen beschädigt oder zerstört. Die israelische Regierung ordnete die Evakuierung der nördlichen Gemeinden an. 60.000 Menschen wurden in Hotels, Wohnungen und Notunterkünften im ganzen Land untergebracht.

Betroffen war auch Hapoel Ironi Kirjat Schmona, der israelische Fußballmeister von 2012 und Pokalsieger von 2014. Das Stadion mit seinen rund 5.000 Plätzen wurde von sieben Raketen getroffen und stark beschädigt. Innerhalb von wenigen Tagen musste der Klub seine Evakuierung organisieren. „In den ersten sechs Monaten musste unsere Mannschaft fast jeden Tag auf einem anderen Platz trainieren“, sagt Yehiam Cohen. „Zum Glück haben uns viele Klubs ihre Anlagen kostenfrei zur Verfügung gestellt.“

Großer Koordinierungsaufwand

Yehiam Cohen ist ein prägender Kopf der Blue Lions 07, der größten Fan-Vereinigung von Hapoel Ironi Kirjat Schmona. Er verbringt täglich mehrere Stunden am Handy und in sozialen Medien, um das Netzwerk aktiv zu halten. Vor den Spielen koordiniert er Busse und Fahrgemeinschaften zwischen vier oder fünf Städten, sodass möglichst viele Fans in das Ausweichquartier nach Netanja reisen können. Wenn es gut läuft, kommen 200 Zuschauer, sagt Cohen.

Von Normalität kann auch an anderen Standorten keine Rede sein, auch nicht bei Hapoel Be’er Scheva, einer Stadt, die 40 Kilometer von Gaza entfernt liegt. Am 7. Oktober 2023 waren unter den Opfern der Hamas auf dem Nova-Musikfestival auch Fans von Hapoel. In den Wochen danach kamen Anhänger zusammen, um über ihren Schock zu sprechen.

Aber die Stimmung blieb angespannt. Im September 2024, knapp ein Jahr nach dem 7. Oktober, hatte die israelische Militäroffensive in Gaza bereits rund 40.000 Leben gefordert. Zu diesem Zeitpunkt empfing Hapoel Be’er Scheva in der israelischen Liga den FC Bnei Sachnin, den wichtigsten arabisch geprägten Klub Israels. Während der israelischen Hymne drehten sich Fans von Bnei Sachnin mit dem Rücken zum Spielfeld und buhten. Daraufhin stürmten Dutzende Anhänger von Be’er Scheva mit Stangen den Rasen. Das Spiel wurde gar nicht erst angepfiffen.

„Der Schock des 7. Oktober saß einfach zu tief und jeder ging damit unterschiedlich um“, sagt Yaron Alfi, ein langjähriger Ultra von Hapoel Be’er Scheva. „Heute wäre ein solcher Platzsturm undenkbar.“ Alfi und seine Freunde haben in Be’er Scheva Formate für das Erinnern etabliert.

Zunehmender Rassismus gegen arabische Menschen

Fans wie Yehiam Cohen und Yaron Alfi waren im September in Berlin zu Gast, auf Einladung der Koordinationsstelle Fanprojekte KOS. Dort sprachen sie mit deutschen Fans und Experten über Solidarität und Gedenken, über Politik und Rassismus. Und schnell wurde deutlich, dass die Grenzen zwischen diesen Themen oft fließend sind.

Studien des israelischen Antidiskriminierungsnetzwerks „Kick It Out“ belegen, dass der Rassismus gegen arabische Menschen in den israelischen Stadien nach dem 7. Oktober so stark angestiegen ist wie nie zuvor. Deutlich wurde das beim Traditionsklub Beitar Jerusalem. Mehrfach haben Beitar-Fans den rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir gefeiert, der sich für Massentötungen von Palästinensern ausgesprochen hat. Mehrfach haben sich israelische Soldaten mit Beitar-Fahnen vor Ruinen in Gaza fotografiert. Matan Segal, früherer Leiter von „Kick It Out“, betont, dass weder Beitar noch der israelische Fußballverband angemessen gegen Rassismus vorgehen würden.

Aber auch bei Beitar ist die Gemeinschaft nicht homogen. Da ist zum Beispiel der junge Fan Bar Shimon Levi. Auch gegenüber einem ausländischen Journalisten möchte er La Familia, die größte rechtsextreme Ultra-Gruppe von Beitar, lieber nicht verurteilen, denn dann würde er Probleme im Stadion bekommen. Stattdessen möchte er die sozialen Projekte erwähnen, die er mit einigen Freunden angestoßen hat.

In Kirjat Schmona, im Norden des Landes, sind inzwischen rund 16.000 Menschen zurückgekehrt, aber die Sicherheitslage bleibt fragil. Ein Drittel der ursprünglichen Einwohnerzahl haben sich woanders ein neues Leben aufgebaut.

Die Rückkehr der Fußballmannschaft ins alte Stadion ist vorerst nicht möglich. So muss der Verein pro Jahr fast eine Million Euro zusätzlich aufbringen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Wir wollen unsere Gemeinschaft wiederaufbauen“, sagt der Fan Yehiam Cohen. „Das ist das Wichtigste.“

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