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Nahostkonflikt im irischen FußballVom geringen Wert jüdischen Kickens

In Irlands Fußball gibt es eine starke Anti-Israel-Bewegung. Jüdische Spieler fühlen sich hinausgedrängt.

D er Name Finn Isaac Azaz dürfte hierzulande nur wenigen etwas sagen. Er ist Fußballprofi beim englischen FC Southampton, dort ist er Stammspieler, und er gehört zur irischen Nationalmannschaft. Am vergangenen Sonntag, bei dem 3:0-Sieg Irlands über Israel, war Azaz nicht dabei. „Nicht fit genug fürs Spiel“, begründete Irlands Trainer Heimir Hallgrímsson dies und meinte damit auch seine mentale Verfassung.

Azaz‘ Mutter ist Israelin, sein Vater stammt aus Cork und ist Ire. Aufgrund seiner familiären Wurzeln hätte er auch für Israel spielen können, entschied sich aber für Irland.

Dass die Partie Israels gegen Irland stattgefunden hat (am Sonntag gibt es das Rückspiel), war lange Zeit unsicher. Irlands Team hatte über einen Boykott nachgedacht, und auch irische Fans forderten eine Absage. Sie begründeten es mit ihrem Protest gegen die israelische Regierung und auch, weil sie es für Widerstand gegen das halten, was von manchen Menschen recht laut als Genozid bezeichnet wird, nämlich Israels Kriegsführung in Gaza. Vielleicht wollen einige auch einen Boykott, weil sie überhaupt eine militärische Reaktion Israels auf den über tausendfachen Mord am 7. Oktober 2023 für falsch halten. Einige stören sich generell daran, dass es einen jüdischen Staat gibt.

Debatte in der Kabine

Vier Stunden lang hatten die Spieler debattiert und votierten letztlich mit, so heißt es, „signifikanter Mehrheit“ dafür, doch anzutreten. Einzig Stammtorhüter Gavin Bazunu hatte sich schon vorab für einen Privatboykott entschieden – wegen seiner „persönlichen Überzeugung, dass das Töten unschuldiger Menschen falsch ist“. Dass dies auf die Morde der Hamas zu beziehen sei, sagte Bazunu nicht, sehr wohl betonte er, „dass sich meine Haltung nicht gegen das israelische Volk oder die jüdische Gemeinschaft richtet, sondern gegen die Gräueltaten in der Region“. Bazunus Kollegen kamen überein, mit Trauerbinde zu spielen, bei der israelischen Hymne den Kopf zu senken, keine Wimpel zu tauschen und ihren israelischen Berufskollegen den Handschlag zu verweigern.

Irische Medien berichten, dass Finn Azaz eine „leidenschaftliche Rede“ gehalten habe. Er setzte sich, berichten Insider, „gegenüber seinen Teamkollegen für Israel ein“ und votierte deutlich gegen einen Boykott. Nun spekuliert der irische Fußballverband, dass der erst 26-jährige Azaz aus der irischen Nationalelf zurücktreten wird. Zu diesem Gerücht gibt es von Azaz keine Äußerung, es wird von Verbandsquellen kolportiert.

Irlands Trainer Hallgrímsson fand für die letztlich doch erfolgte Ansetzung des Spiels gegen Israel martialische Worte: „Wir spielen nicht mit Völkermord, wir spielen gegen Völkermord.“ Für die Boykottdebatte zeigte er großes Verständnis. Einige Spieler „fühlen sich wirklich unwohl“, wenn sie gegen Israelis spielen müssten, sagte er. Davon, dass das Verständnis des Trainers, des Torwarts Bazunu oder des Gros’ der Kollegen auch Menschen wie Finn Azaz gelten könnte, der vielleicht für sich keinen Platz mehr sieht, ist nichts zu spüren. Solidarität mit bedrohten Juden scheint ein überflüssiges Ding zu sein.

Im Fußball, so formulierte es einst der Dichter Ror Wolf, „findet sich eine ganze Menge Welt“. Die Bereitschaft, einfach über die Sorgen und Empfindungen des Fußballprofis Finn Azaz hinwegzugehen, scheint eine Entsprechung in der politischen und gesellschaftlichen Realität vieler europäischer Länder zu finden. Dann ist der Jude halt nicht mehr dabei, wird es heißen, er hat eh nicht zu uns gepasst.

Es ist zu befürchten, dass große Teile der Öffentlichkeit nicht möchten, dass ihnen Finn Isaac Azaz etwas sagt.

Martin Krauss

Martin Krauss

Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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23 Kommentare

  • Neville Longbottom

    Danke an Martin Krauss für diesen einfühlsamen und empathischen Beitrag.



    Die Gefühlskälte anderer Kommentator:innen zu diesem Artikel hingegen ist mehr als erschreckend.

  • Westlahn

    Fussballnationalspieler sind für gewöhnlich junge gesunde Männer. Also in der Regel in Israel Wehrpflichtige. Waren die Spieler in der israelischen Armee und im Gaza oder auf der Westbank im Einsatz. Wenn ja, ist es nachvollziehbar, nicht gegen Täter in einem Genozid spielen zu wollen, die offensichtlich in Israel nicht zu Rechenschaft gezogen werden . Wer hätte in den 50er Jahren gegen Deutsche gespielt, die in der SS waren?

    • Kerstin Finkelstein , Autorin ,

      @Westlahn:

      Was für ein Vergleich! Die IDF ist eine Armee, die zum Einsatz kam, nachdem aus dem (zuvor 18 Jahre palästinensisch kontrollierten) Gazastreifen heraus ein Massaker geplant und ausgeführt wurde + mehr als 100 Menschen verschleppt wurden. Während die SS halt die SS war: eine paramilitärische Einheit mit führender Rolle unter anderem bei der Shoa.

      Danke dem Autor im übrigen für diesen Artikel!

      • Westlahn

        @Kerstin Finkelstein:

        Die IDF kam nicht zum Einsatz NACH DEM 7. Oktober. Sie war schon vorher im Einsatz, denn der krieg gegen die Palästinenser hat nicht am 7. Oktober begonnen. Das hatte der UN Generalsekretär gemeint, als er kurz danach sinngemäß von "nicht im luftleeren Raum" sprach. Und auch in der Verteidigung des Staates Israel sind die Vorgehensweisen der IDF systematisch mit Befehl der Führung begangene Kriegsverbrechen. Und keine Einzelfälle. Und diese werden von individuellen Menschen ausgeführt und begangen.

        • Kerstin Finkelstein , Autorin ,

          @Westlahn:

          Ich fasse Ihre Argumentationslinie zusammen: Die IDF war vor dem Hamas-Massaker im Gazastreifen aktiv im Krieg (allerdings ohne vor Ort zu sein). Während dieser kriegerischen Zeit hat sich die Anzahl der Einwohner dort vervielfacht. Dann führten Palästinensern an Israelis ein Massaker durch, die IDF marschierte (jetzt ganz offiziell) im Gazastreifen ein und verhielt sich dort nicht immer so, wie man sich das auf einem Sofa in Deutschland sitzend, vorstellt. Deshalb ist es richtig, einen Iren mit Israelischer Mutter aus der Nationalmannschaft zu entfernen.

      • O.F.

        @Kerstin Finkelstein:

        Gaza als palästinensisch kontrolliert zu bezeichnen, ist arg verkürzt: schließlich wurde Gaza, auch nach dem "Rückzug" Israels (der ja nur eine Auflösung der Siedlungen war und kein Ende der Kontrolle) sogar vom deutschen AA weiterhin als besetzt betrachtet - und welche Folgen das israelische Kontrollregime für die Menschen dort hatte, können Sie in etlichen Berichten auch israelischer Menschenrechtsorganisationen nachlesen. Man kann das Agieren einer Besatzungsarmee nicht einfach als Selbstverteidigung zu verklären (haben Sich die Briten gegen den Sepoy-Aufstand verteidigt?). Auf NS-Vergleiche wie in dem Beitrag oben würde ich verzichten, wenn man an einem geschmacklosen Vergleich mehr Anstoß nimmt als an einem Völkermord, stimmen allerdings die Maßstäbe nicht mehr.

      • EffeJoSiebenZwo

        @Kerstin Finkelstein:

        Ja, der letzte Satz ist BS.



        Aber ansonsten ist die Analyse ja richtig. Der eigentlich immer schon etwas cringe Marketingspin von der IDF als Most moral Army in the world hat sich in den letzten drei Jahren jedenfalls in Luft aufgelöst (um nicht zu sagen ins Gegenteil verkehrt), dass da keine Freude bei den Mitspielern aufkommt kann ich schon irgendwie nachvollziehen.

  • Semon

    Ich habe das noch nie verstanden, warum irische Menschen jüdischen Glaubens dafür verantwortlich gemacht werden, was die Regierung in Israel für Verbrechen begeht? Ist doch vollkommen unlogisch.

    • the real günni

      @Semon:

      ja, das ist unlogisch. aber das macht auch keiner. zumindest nicht in diesem fall.



      man kann aber durchaus seine ressentiments haben gegen irische menschen jüdischen glaubens (in diesen fall ist der glauben allerdings irrelevant), die das vorgehen der regierung in israel gutheißen oder unterstützen, weil sie das vorgehen der israelischen regierung gutheißen oder unterstützen, und nicht, weil sie jüdischen glaubens sind.



      es bestimmt das handeln, nicht das sein.

      • Westlahn

        @the real günni:

        Naja, ich als nachgeborener und damit per se nicht verantwortlicher Deutscher werde ja, nicht nur, aber nicht zuletzt, ebenfalls für Nazi verbrechen verantwortlich gemacht, wenn man von mir eine "besondere Verantwortung" im Umgang mit Juden hier, in Israel und anderswo verlangt. Von gebürtigen Russen verlangt niemand nach drei Sätzen zum Nahost eine Bestätigung zum Existenzrecht Israels. Ich verlange nur von jedem und jeder die das erwartet ein gleiches zum Existenzrecht Palästinas. Es war schließlich DIESELBE UN Resolution, die beides begründet hat.

      • MednaGora

        @the real günni:

        Sorry, aber genau das passiert hier.



        Ein irischer Jude wird verantwortlich gemacht für das Handeln der Regierung Netanjahu. Sogar wenn er das unterstützen sollte, was wir nicht wissen, ist er sehr wahrscheinlich als Ire nicht dafür verantwortlich.



        Wer das verwechselt, muss sich mit Vorwurf auseinander setzen, ein Antisemit zu sein.

        • Westlahn

          @MednaGora:

          Es ging eher um die israelischen Nationalspieler. Die sind keine Iren sondern Israelis und unterliegen formal dessen Wehrpflicht.



          Ich mach Mal darauf aufmerksam, dass hier in Deutschland nach Freigabe der ns Mitgliedspartei gerade die gesellschaftliche Erforschung läuft:Was hat dein Grossvater unter Nazis gemacht. (Nach den Großmüttern fragt kaum jemand...). Da liegen 80 Jahre dazwischen. Die Frage zu den Israelis betrifft heutige Taten. Und Täter.

      • rero

        @the real günni:

        Nur tauchen Menschen, die das Vorgehen der israelischen Regierung gutheißen, in dem Artikel überhaupt nicht auf.

        Offenbar ist dieser Fall doch anders gelagert, als Sie beschreiben.

        • the real günni

          @rero:

          ich bezog mich auf den kommentator. aber auch im text steht, der spieler habe seinen teamkollegen gegenüber israel verteidigt.



          hingegen wird im text nicht einmal erwähnt, dass der spieler jude sei, eben nur sohn einer israelin und wohl inhaber eines israelischen passes. der autor (die taz?) macht dann daraus die überschrift ´vom geringen wert jüdischen kickens´ - finden sie das nicht auch - gelinde gesagt - etwas polemisch? nach der IHRA definition ist sogar die gleichstellung von israel und judentum antisemitisch.

  • Wanderin

    "Sie begründeten es mit ihrem Protest gegen die israelische Regierung und auch, weil sie es für Widerstand gegen das halten, was von manchen Menschen recht laut als Genozid bezeichnet wird, nämlich Israels Kriegsführung in Gaza."



    -



    Nicht nur manche Menschen, die UN hat in einem Bericht in mehreren Punkten juristisch begründet, dass Genozid vorliegt:



    -www.ohchr.org/site...a-hrc-60-crp-3.pdf



    -



    Gezieltes Töten von Kleinkindern (S.63ff) war einer von mehreren Aspekten für die Beurteilung.



    "Medical professionals treated many children with direct gunshot wounds to their head and upper body, indicating the children were shot by snipers or drones or quadcopters. Medical professionals were informed by parents that the children were alone when they were shot or that the adults who were with the children were completely unharmed. (...)For example, one surgeon stated



    that, in the course of four hours, he saw “six children between the ages of 5 and 12, all with single gunshot wounds to the skull.”"

    • MednaGora

      @Wanderin:

      Haben Sie verstanden, dass es in dem Text um Antisemitismus gegen jüdische Iren geht? Dass sie auch dort, obwohl es nicht viele Juden in Irland gibt, ganz offensichtlich massiv verdrängt werden?



      Sie verstehen ganz offensichtlich den Unterschied zwischen Juden irgendwo auf der Welt und der israelischen Regierung nicht.



      Das ist, sowohl nach IHRA wie auch nach JDA ein klares Zeichen von Antisemitismus.



       

      (...)

      Der Kommentar wurde gekürzt. Die Netiquette können Sie hier nachlesen: taz.de/netiquette

      Die Moderation

      • Wanderin

        @MednaGora:

        Haben Sie den Kommentar verstanden? Nein. Weil Sie zu beschäftigt damit sind, die gleichen ausgestanzten Phrasen unter jeden Beitrag zu schreiben, inklusive Diffamierungen.

  • Anders Heister

    Der Autor möchte einen Text "Vom geringen Wert jüdischen Kickens" verfassen, schreibt aber tatsächlich sehr anschaulich vom sehr geringen Wert palästinensischen Lebens.



    Denn letztlich stellt er die mentale Befindlichkeit eines einzelnen irisch-israelischen Sportlers über den Protest gegen das Töten von 70.000 Palästinensern.



    Israel-Kritik ja, aber bitte so differenziert und nuanciert, dass sie - in diesem Fall wortwörtlich - niemandem weh tut...

    • MednaGora

      @Anders Heister:

      Sorry, Herr Heister,



      aber es geht im Artikel um einen jüdischen Iren, der in der irischen Nationalmannschaft spielt und antisemitisch ausgegrenzt wird.



      Verstehen Sie den Unterschied zu Israel?



      Anders herum: sind irische Katholiken verantwortlich für die Hexenverfolgungen der Inquisition?

      • the real günni

        @MednaGora:

        von der sache her sehe ich keine ausgrenzung des spielers durch sein team, dabei verlasse ich mich nur auf die ausführungen des autors. antisemitsch auch schon mal gar nicht, mit diesem begriff scheinen sie sehr lax umzugehen.



        der autor konstruiert hier mit seinem artikel anhand von sehr viel spekulation eine negative emotionale erfahrung des spielers durch die aktuellen politischen zusammenhänge.