Institution Schule: „Ein Widerspruch in sich“

Immer wieder sind Schü­le­r:in­nen von Mobbing betroffen. Oft fehle Zeit für die Betroffenen, sagt die Autorin und Vertrauenslehrerin Ursula Pickener.

Drei Schülerinnen schauen auf ein Tablet

Immer wieder mit Problemen konfrontiert: Schü­le­r:in­nen in der Schule Foto: Martin Schutt / dpa

taz: Frau Pickener, die Unesco legte beim diesjährigen Internationalen Anti-Mobbing-Tag den Fokus auf Cybermobbing. Wie finden Sie das?

Ursula Pickener: Nicht so sinnvoll. Denn Cybermobbing verläuft im Prinzip nach den gleichen Mustern wie Mobbing allgemein. Und die psychischen Folgen für die Betroffenen sind sehr ähnlich. Deshalb fände ich es sinnvoller, wenn insgesamt gründlicher geguckt werden würde, was Menschen dazu bringt zu mobben und welche Wege es für die Betroffenen gibt, sich zu verhalten.

Welche Muster meinen Sie denn?

Meiner Erfahrung nach mobbt jemand, weil er nicht gelernt hat, mit eigenen Konflikten und Problemen so umzugehen, dass er sie sieht und Strategien zur Bewältigung hat. Er projiziert seine Schwierigkeiten nach außen und möchte sich selber stärken, indem er andere schwächt.

Aber der Kanal ist bei Cybermobbing ein anderer.

Genau, und die Folgen sind schlechter wieder zu beheben: Selbst wenn eine Intervention gelingt und die beiden Parteien ihren Konflikt bereinigen können, bleiben ja die Ausdrücke dieses Prozesses – Schmähungen, Fotos, Videos – im Netz. Wenn es analog passiert, dann haben das zwar auch andere mitbekommen, aber es steht nicht mehr so in der Welt. In einer Schulklasse kann man sich dann die Hände schütteln und sagen: „Okay, das war jetzt schlecht, wie es gelaufen ist, und wir wollen beide, dass es anders läuft.“ Das hilft im Netz nicht.

Wie hat sich Mobbing, von Cyber­mobbing mal abgesehen, in Ihrer Laufbahn verändert?

66, ist Autorin, Bauingenieurin, Lehrerin. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete sie als Vertrauenslehrerin am Schulzentrum in der Alwin-Lonke-Straße in Bremen-Grambke. Dort hat sie als Mediatorin Mobbingbetroffene begleitet, Präventionsprogramme entwickelt und Kol­le­g:in­nen geschult. Seit zwei Jahren ist sie hauptberuflich Autorin. 2019 wurde ihr Kriminalroman „Utopia war gestern“ veröffentlicht. Sie lebt in Bremen-Vegesack.

Mobbing hat es immer gegeben. Aber der Umgang damit hat sich verändert. Ich glaube nicht, dass es wirklich mehr geworden ist, sondern dass die Aufmerksamkeit mehr geworden ist. Es wurde früher vielleicht nicht ernst genug genommen.

Wie sieht der Umgang damit an Ihrer Schule aus?

Bei uns an der Schule gibt es zwei Vertrauenslehrer:innen, von denen eine ich bis vor zwei Jahren war. Wir haben versucht, ein System in unserer Schule zu implementieren, in dem klar ist, an wen man sich wenden kann und wie man mit Betroffenen umgehen kann, ohne sie zu überfahren. Es ist häufig der Fall, dass jemand etwas mitbekommt und den Prozess an sich reißt, über den Kopf des Betroffenen hinweg. Was dann im Grunde genommen mehr vom Selben ist: Wieder wird mit demjenigen etwas gemacht.

Und wie genau vermitteln Sie den Schü­le­r:in­nen dieses System?

In der Schü­le­r:in­nen­ver­tre­tung ist das ein Thema, und am Anfang jeden Schuljahres werden die neuen Ver­trau­ens­leh­re­r:in­nen und die Schü­le­r:in­nen­ver­tre­tung vorgestellt und es wird darauf hingewiesen, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen und wer ansprechbar ist – nicht nur bei Mobbing, sondern auch bei anderen schulischen Schwierigkeiten, häuslichen Problemen, Drogenproblemen. An der Schule gibt es auch Plakate, auf denen die privaten Nummern der Ver­trau­ens­leh­re­r:in­nen stehen. Sodass klar ist, dass fast jederzeit jemand ansprechbar ist.

Wenn es dann zu einem Mobbingfall kommt: Wie sieht eine Intervention aus?

Ich würde zunächst nachfragen: „Was ist wann passiert, wie geht es dir?“ Und dann genau hinhören und zusammen überlegen, wie es weitergehen kann. Eine Möglichkeit ist, den Mobber mit ins Boot zu holen, ohne ihn als Täter zu stigmatisieren und zu schauen, wie er in den Prozess eingebunden werden kann, sodass er seine Macht, die er ja über andere hat, im Positiven einsetzt. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, den Täter klar zu konfrontieren: „Wir wissen davon und haben ein Auge auf dich.“ Im Laufe der Zeit versucht man herauszufinden, was ihn dazu bringt zu mobben; welches Bedürfnis also im Mangel ist.

In Ihrem Buch erscheint die gemobbte Protagonistin tagelang nicht zum Unterricht, an die Eltern kommt man schlecht ran. Haben Sie so etwas selbst erlebt?

Ja. Ich war bei den ersten Malen erstaunt, dass das überhaupt geht. Als ich an die Schule kam, dachte ich: Wenn jemand nicht kommt, passiert sofort etwas. Das ist aber nicht so. In der Sekundarstufe zwei gibt es keine Klassenverbände mehr – bis da überhaupt auffällt, dass jemand fehlt, dauert es eine Weile. Und die Kol­le­g:in­nen sind zum Teil so überfordert, dass sie selbst dann gar nicht ständig dran sein können. Obwohl es den Wunsch gibt, fürsorglich und achtsam zu sein. Die Betroffenen selber ziehen sich zudem zum Teil ganz stark zurück. Manche kommen zwar zur Schule, sind aber eigentlich gar nicht da. Die Kolleg:innen, die nicht zusätzlich geschult sind, haben kaum eine Chance, an so jemanden heranzukommen.

Die Schule wäre eigentlich der ideale Ort, um zu lernen, mit diesen Ängsten, Wünschen und Konflikten umzugehen

Sie schreiben, dass es die Protagonistin schafft, wieder selbstbestimmter zu handeln. Wie macht sie das?

In dem Fall dreht sie die Rollen um und wird selbst zur Mobberin. Es endet damit, dass sie ihre Peiniger in Lebensgefahr bringt und sich selbst tötet. Die wiedererlangte Selbstbestimmtheit trifft also nur auf einen ganz schmalen Bereich ihres Lebens zu. Sie merkt, dass diese Umkehr ein Weg ist, der ihre Isolation und Einsamkeit nur noch stärker macht.

Warum haben Sie dieses schlimme Ende gewählt?

Die Täterin, die zuerst gemobbt hat, wird gerettet. Dann stand ich vor der Frage: Was passiert mit Jana, also der Protagonistin, die zuerst gemobbt wurde? Ich hätte sie am liebsten auch gerettet und alles hübsch aufgelöst. Aber so ist es nicht im Leben. Durch Mobbing gehen wirklich viele Menschen kaputt, sie leiden ihr Leben lang. Ich wollte das auf keinen Fall beschönigen und eine einzelne engagierte Lehrerin alle retten lassen. Die Möglichkeit, Menschen rechtzeitig und langfristig zu helfen, ist zwar gegeben, aber sie liegt in den seltensten Fällen in der Hand einer aktiven und achtsamen Heldin – sondern sie liegt im System: im Elternhaus, in der Schule, in der Gesellschaft.

In einem System, in dem es vor allem um Leistung geht.

In dem Konflikt stehen alle Lehrer:innen. Wir sind Pädagog:innen, möchten Menschen helfen zu wachsen. Gleichzeitig müssen wir aussortieren. Aber das geht nicht: Ich kann nicht jemanden wertschätzen und ihn gleichzeitig an anderer Stelle abwerten. Diese Institution ist ein Widerspruch in sich. Und die Schü­le­r:in­nen können nicht sagen: „Das ist mir zu blöd, da geh ich nicht mehr hin.“ Es gibt die Schulpflicht. Das macht es noch mal brisanter. Die Dynamiken, Ängste und Bedürfnisse sind die gleichen wie bei allen Zusammentreffen von Menschen. Unser Leben ist so strukturiert, dass wir dem nicht ausweichen können. Also wäre die Schule eigentlich der ideale Ort, um zu lernen, mit diesen Ängsten, Wünschen und Konflikten umzugehen.

Aber dafür ist wenig Zeit.

Das ist ja sowieso das Problem. An unserer Schule haben wir für 2.000 Schü­le­r:in­nen zwei Vertrauenslehrer:innen; und je­de:r hat eine Stunde pro Woche Unterrichtsermäßigung. Schätzungen sagen, dass zwischen zehn und 25 Prozent der Schü­le­r:in­nen Mobbingerfahrungen haben – also hier mindestens 200. Und wir sind normal für Pausenaufsichten eingeteilt, obwohl dann natürlich die Schü­le­r:in­nen kommen. Die Ressourcen sind absolut nicht da! Am Anfang hatte ich nicht mal ein Büro – mindestens zehn Jahre lang wurden Gespräche auf dem Flur geführt. Da soll ein Jugendlicher kommen und darüber sprechen, dass er gemobbt wird – und die Mobber stehen zehn Meter weiter und gucken.

Ist das Problem doch noch nicht so bewusst?

Doch. In Artikel eins des Grundgesetzes geht es um die Würde des Menschen, in Artikel zwei steht ein Diskriminierungsverbot. Es gibt die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Es gibt die Antidiskriminierungsstelle beim Bund und unendlich viel Material zum Thema, Absichtserklärungen, schöne Worte. Sprich: eine Übereinkunft darüber, dass es wichtig ist, Diskriminierung zu bearbeiten. Aber unten kommt es nicht an, die Arbeit soll einfach so nebenbei passieren.

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