Halluzinieren mit einem im Tee: Eingepflanzte Vorurteile
Wer vor Nussläden zu viel Zucker konsumiert, kann sein konspiratives Wunder erleben. Darauf einen Schluck!
D a steht er.
Hat seinen dunklen Hoodie tief ins Gesicht gezogen, Zigarette im Mund. Sie glimmt im Schatten rhythmisch auf.
Der Mann wippt auf den Fußballen. Er wartet. Er ist mir suspekt.
Wir sind in Kreuzberg.
Wir kommen von einer Demo.
Jetzt, als die Sonne langsam untergeht, liegt die Straßenschlucht in einem warmen Rotgold.
Wir sitzen nun vor diesem einen Nussladen, vor dem wir immer sitzen, wenn wir in der Gegend sind, und trinken starken süßen Tee. Der Suspekte steht auf der anderen Straßenseite.
Ich kann nicht weggucken.
„Siehst du den?“, frage ich L. Sehr leise.
L. folgt meinem Blick. Sie öffnet eine Tüte Mandeln, die wir eigentlich mit nach Hause nehmen wollten.
„Ja“, sagt sie. „Aber was kramt der in seiner Tasche?“
„Eine Waffe?“, mutmaße ich.
Und wieso bewegt der sich nicht?
Sein Blick, den wir unter der Kapuze nur ahnen können, ist starr zur Hauptstraße gerichtet. Dahin, wo vorher der Demonstrationszug langgezogen ist.
„Vielleicht isser ein Zivi“, sagt L.
Ich nicke. In meinem Kopf beginnt ein Film. In der Tasche steckt ganz schnell eine komplette Abhöranlage, und die Knarre? Sicher geladen.
Der Mann zündet sich schon wieder eine Zigarette an.
Warum ist der so nervös?
„Steht der nicht da, wo G. gewohnt hat?“, fragt L.
„Ja, richtig!“, sage ich. „Direkt über dem Laden, wo der Schmiere steht.“ Ich nehme noch einen Schluck Tee. Die Süße beißt an den Zähnen.
Als ich das Glas zurück auf den Tisch stelle, wache ich erschrocken auf.
Ein Bus schiebt sich ins Bild. Ich sehe, wie der Mann seine Kippe wegwirft, wie er die Tasche fester greift, wie er einen entschlossenen Schritt nach vorn macht.
Als der Bus vorbeirollt, sitzt er drin.
Das gelb-grüne Haltestellenschild sehe ich erst jetzt. Und die süße Mandel in meinem Mund schmeckt plötzlich nach Pappe.
„Oh Mann“, sage ich zu L. „Eindeutig zu viel Zucker für meine Fantasie.“
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