Indigene Rechte in Kanada: „Eine einzige offene Tür kann alles verändern“
Jocelyn Formsma ist prominente Aktivistin für die Rechte indigener Gruppen. Die Kanadierin kämpft für Erinnerung und Innovation.
Jocelyn Formsma hatte nicht vor, eine der prominentesten Fürsprecherinnen der indigenen Bevölkerung Kanadas zu werden. Aufgewachsen in Chapleau, einer 3.000-Einwohner:innen-Gemeinde im Norden Ontarios, spielte sie als Kind viel draußen und kletterte auf Bäume.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Als Kind der Moose Cree First Nation war sie Teil einer indigenen Gemeinschaft, die seit Langem mit den Auswirkungen der Kolonialisierung zu kämpfen hat und gleichzeitig ihre Kultur und Identität vehement bewahrt. Es war eine Kindheit, die mehr von Freiheit und weniger von Chancen geprägt war. „Die Welt schien begrenzt“, sagt sie schlicht.
Das änderte sich für Formsma erst in der 11. Klasse, als ihre Familie in die Stadt zog. Durch ein Praktikum fand sie den Weg zu einem sogenannten Freundschaftszentrum. Das sind von Indigenen betriebene, nichtstaatliche Gemeinschaftszentren, von denen es über 100 in Kanada gibt. „Es bot mir die Möglichkeit, eine größere Welt zu sehen“, sagt sie. Seitdem weiß Formsma aus erster Hand, wie sehr eine einzige offene Tür den gesamten Lebensweg verändern kann.
Jocelyn Formsma
Essenziell waren für Formsma auch andere indigene Studierende während ihres Jurastudiums in Ottawa. „Ihre Anwesenheit hat mir gezeigt, dass es möglich ist.“ Und es war möglich. Es folgte eine steile Karriere: Erst arbeitete sie als Anwältin, dann wurde sie CEO der National Association of Friendship Centres. Genau jener Organisation, die ihr einst die Tür zu einer größeren Welt geöffnet hatte.
Formsma war die jüngste Vorsitzende des Aboriginal Peoples Television Network, hielt Reden zu den Rechten indigener Völker, vor den Vereinten Nationen und auf der Weltkonferenz. „Das war nichts, wovon ich geträumt hatte“, sagt Formsma heute, „sondern einfach eine Reihe von Gelegenheiten, die sich mir boten und die ich ergriff, und so lernte ich dazu und entwickelte mich weiter.“
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Heute ist sie Präsidentin der Organisation Indspire, die Stipendien für indigene Schüler:innen und Studierende vergeben. Bei all dieser Arbeit für indigene Rechte frustriert Formsma die anhaltende Kluft zwischen Absicht und Handlung. „Es gibt so viele Berichte, aber nichts davon wird umgesetzt“, sagt sie. Anstatt Finanzmittel in gemeindenahe Programme zu investieren, würden diese oft in Konferenzen fließen.
Insbesondere wegen der jungen Menschen bleibt Formsma aber optimistisch. Sie machen Hoffnung auf die Zukunft, auf die sie hinarbeitet: „Unsere eigene Version von Wakanda (ein fiktiver hochentwickelter Staat aus dem Marvel-Universum, Anm. d. Red.) sind Gemeinschaften, die innovativ und gesund sind und nach ihren eigenen Vorstellungen gedeihen.“ Sie hält inne und fasst nach: „Das Bild in meinem Kopf sind spielende Kinder, die ihre Sprache sprechen, sorglos, voller Liebe und Glück.“
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Wenn sie an feministische Solidarität denkt, fallen ihr die Frauen ein, die sie geprägt haben. „Während meiner Laufbahn gab es indigene Frauen, die mir all das beigebracht haben, was ich heute weiß, die mich ermutigt und mir Chancen eröffnet haben, bevor ich überhaupt bereit dafür war.“ Ihre Stärke und Ausdauer würden selten so gewürdigt, wie sie es verdienen. Auch das will Formsma ändern.
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