In der Tatort-Sommerpause: Mit dem Nemec hinterm Batić
Wer einen Abend mit Miroslav Nemec verbringt, ist verwirrt. Wer spricht da: Der Kommissar oder der Autor?
Jetzt klingelt bestimmt gleich das Handy, er wird „Batić?“ und nach wenigen Sekunden „Ich komm sofort“ sagen und dann spurlos verschwinden. So dachte mein erhitzter Kopf, als ich kürzlich mit Miroslav Nemec alias „Tatort“-Kommissar Ivo Batić einen Abend im schwäbischen Langenau verbrachte.
Ich brauchte eine Weile, um die Vorstellung loszuwerden, dass der Mann gar nicht als Kommissar hier war, sondern als Autor, als Leser und Vorleser, als Rezitator. Meine hitzige Verwirrung lag aber nicht nur an meiner beschränkten Fähigkeit, die Rolle vom Schauspieler zu trennen.
Sie lag auch daran, dass der Schauspieler ziemlich genauso aussah und ziemlich genauso sprach wie seine Rolle und mir eigentlich nur eine Sache an ihm komisch vorkam: Er hatte noch mehr Humor als seine Rolle. Zudem stand er auch hier vor den Kameras, weil ständig wer vorbeikam, um mit ihm ein Selfie zu machen, selbst der ehemalige Polizeichef dieser Gegend.
Es war der letzte Junisamstag in diesem Jahr, der heißeste Samstag seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen in Deutschland. Gemeinsam mit der Autorin Alida Bremer bildeten Miroslav Nemec und ich die Bühnenbesetzung der „Kroatischen Nacht“, die die Buchhandlung Mahr gemeinsam mit dem Kulturbüro der Stadt organisiert hatte.
Ein toter Jugo
Alle nötigen Zutaten für einen guten Sommerkrimi waren versammelt: kriminelle Hitze, ein legendärer Kriminalhauptkommissar, viel Publikum, eine Bühne, drei Jugos (interessanterweise alle ohne ić).
Nach der ARD-„Tatort“-Statistik hätte ich in der Hitze der Nacht mit einigen toten Jugos gerechnet, denn in der Regel gibt es, wo ein Jugo im „Tatort“ auftaucht, mindestens drei weitere Jugos, allerdings tot.
Zwar kam es während des Abends zu einem Blaulichteinsatz, ein Mörder oder toter Jugo waren aber nicht der Grund, sondern nur ein Hitzschlag.
Als Miroslav Nemec aus Miljenko Jergovićs Roman „Freelander“ die Szene vorlas, in dem die Spieler eines bosnischen Regionalfußballteams als Fakebrasilianer enttarnt werden, kam es dann doch noch zu einem kuriosen Zwischenfall: Der Klapperstorch, der seine kleinen Babyklapperstörche auf dem Kirchendach mit irgendwas zu essen beglückte, begann mitten in der Lesung sehr laut zu klappern.
Offenkundig klapperte er seine Mitstörche aus der Gegend zusammen, denn im Folgenden überflogen immer wieder storchenbeinige Flugobjekte die Lesebühne vor der Kirche, um sich auf den umliegenden Dächern zu positionieren und über die falschen brasilianischen Bosnier zu lachen. Weder kam ein Storch noch ein Mensch an diesem Abend zu Schaden, und sämtliche Zweibeiner waren von dem grandiosen Rezitator Nemec begeistert.
Es gibt übrigens noch etliche Gelegenheiten, den Schauspieler live zu erleben, beispielsweise mit seinem Bühnenprogramm „Miroslav Jugoslav. Der Nemec hinter dem Batić“ auf Tour, in dem er aus seiner Autobiografie liest und aus seinem Leben erzählt und singt. Sie können sich aber auch die „Tatort“-Sommerpause versüßen und die 100 Folgen des nun in Rente gegangenen Münchner Kommissarenduos Batić/Leitmayr bingen. Meine Empfehlung: „Die letzte Wiesn“ (2015) und „Frau Bu lacht“ (1995), in der Regie von Dominik Graf.
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