Sommerpause für den „Tatort“: Und täglich grüßt das Mördertier
Der „Tatort“ verabschiedet sich in die frühen Sommerferien. Warum es sich trotzdem lohnt, den Fernseher sonntagabends anzuschalten.
D er „Tatort“ geht in die Sommerpause und sendet nun Wiederholungen älterer Sendungen. Es ist die bis dato längste Sommerpause in der Geschichte von „Tatort“ und „Polizeiruf“. Keine Sorge, die viereinhalbmonatige Pause liegt, zumindest nach Aussage der ARD, nicht am allgemeinen Sparzwang der Zeit, sondern habe „planerische Gründe“ und bleibe eine Ausnahme.
Im vergangenen Jahr gab es zwei Tatorte mehr. Dieses Jahr gibt es durch die Doppelfolge, mit der sich das Team in München verabschiedete, eine Folge weniger im Sommer. Dazu kommt die Fußball-WM in Nordamerika, während der natürlich jedes andere Fernsehprogramm stillzustehen hat. Was alles zusammen dazu führt, dass wir ganze neunzehneinhalb Wochen ohne Mord und Totschlag auskommen müssen, liebe Krimifans.
Also zumindest ohne neuen, denn getötet, geforscht und aufgeklärt (und nebenbei Lieben und Trieben nachgegeben) wird ja immer. Nur eben mit altbekannten Fällen. Die Wiederholung ist auch eine gute Metapher für den Zustand der Welt im Allgemeinen: Wir sind alle gefangen in einem Loop der Gewalt. Das ist jetzt natürlich nichts Neues, aber fühlt sich dieser Tage besonders perfide an.
Jeden Tag, an dem ich die Zeitung aufschlage, frage ich mich, ob eigentlich schon wieder das Murmeltier grüßt: Merz beleidigt die Bevölkerung, die Straße von Hormus ist mal zu, dann offen und dann wieder zu, Trump sagt, es ist Waffenruhe und Krieg gleichzeitig, und Mojtaba Khamenei sagt gar nix, denn es hat ihn immer noch niemand gesehen.
Verzweiflung, Tod und Verderben in Dauerschleife und die Nachrichten von heute fühlen sich an wie eine Wiederholung von vergangener Woche. Passend also, dass uns die Sommerpause, ein Best-of der vergangenen paar Jahre liefert. Den Anfang macht der Münsteraner Klassiker „Man stirbt nur zweimal“ aus dem Dezember 2024.
Eine Noir-Satire, deren Todesfall – ein in einer museumsähnlichen Villa vom Speer einer Kriegerfigur durchbohrter Anwalt – es an Absurdität durchaus mit den herrlich bizarren Morden bei „Inspektor Barnaby“ oder den Kolleg*innen der „Rosenheim-Cops“ aufnehmen kann.
In der Eröffnungsszene sehen wir, wie Blut lasziv den betreffenden Speer herunterrinnt, kurz darauf werden einer trauernden Witwe (Tatort- und Polizeiruf-Faktotum Cordelia Wege) mehrere Millionen Euro aus der Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes zugesprochen. Die Folge trägt alles in sich, was die Münsteraner Comedy-Krimi-Hybride so ausmacht, ein arroganter Boerne (Jan-Josef Liefers), ein gutmütiger Thiel (Axel Prahl), Thrillerelemente, skurrile Nebenfiguren, und sowieso ist alles ganz, ganz anders als gedacht.
Es geht um Gier, Schwindel, Versicherungsbetrug – und psychische (und physische) Gewalt in romantischen Beziehungen, finanzielle Ausbeutung und Manipulation. Nichts als irrwitziger Eskapismus also, wie immer genau das Richtige, um den Sommer einzuläuten.
Aber seien wir ehrlich, sind wir damit nicht gar nicht mal so weit weg von der Tagespolitik? Wir alle sind in einer toxischen Beziehung mit einer Bundesregierung, die Fakten und Wahrheit verdreht, und Gier und Schwindel bestimmen die Weltpolitik. Nur, dass im Tatort Bösewichte natürlich nicht mit ihrem Lügenkonstrukt durchkommen, sondern von der Wahrheit oder dem Schicksal oder beidem aufgespießt werden. In der Realität aber gewinnt aktuell, wer seine Lüge am stoischsten durchzieht. Schade eigentlich.
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