In der Corona-Krise: Wenn nur eigene Sorgen zählen

Wir feiern Skype-Partys, für die Wirtschaft soll es Milliardenhilfen geben, Supermärkte bleiben voll. Doch Geflüchtete in Lagern lassen wir sterben.

Kinder stehen am Zaun im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

Kinder im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos Foto: Elias Marcou/reuters

Es ist untergegangen, wie auch nicht, in all den Nachrichten dieser Tage: Sehr viel weist darauf hin, dass griechische Polizisten in den letzten Wochen mehrere Menschen an der Grenze zur Türkei getötet haben. Es ist nur eine Facette einer flächendeckenden Entrechtung von Flüchtlingen in Griechenland in diesen Wochen.

Und die EU? Sie müsste ihr eigenes Recht durchzusetzen, das die Flüchtlinge schützen soll. Doch ein Verfahren gegen Griechenland wird es nicht geben. Man sei sich „der schwierigen Situation“ auf den Inseln bewusst und versuche sie zu bessern, hieß es dazu nur am Donnerstag aus Brüssel. Denn wir haben jetzt eigene Sorgen.

Viele Menschen hierzulande fragen sich, wie sie die soziale Isolation aushalten sollen. Sie sorgen sich um ihre älteren Verwandten oder um ihre wirtschaftliche Existenz, oft nicht zu Unrecht. Und trotzdem: Was wir hier erleben, ist ein Ausnahmezustand de luxe. Es gibt Gra­tis­kon­zerte im Internet und Sondersendungen mit der Maus für die Kinder. Wir feiern Skype-Partys, der Staat hat eine Art Garantie für volle Supermarktregale ausgesprochen. Es wird Milliardenhilfen für die Wirtschaft geben, auch wenn noch nicht ausgemacht ist, wer letztlich etwas von diesen haben wird.

Es geht auch anders. Während hier leere Hallen und Hotels als Notfallkrankenhäuser aufgebaut werden, betreibt das Gesundheitsministerium von Griechenland im Lager von Moria auf Lesbos eine Krankenstation mit zwei Ärzten und einem Psychologen pro Schicht – für über 20.000 Menschen.

Abstand sollen wir hier halten voneinander, zwei Meter am besten. Und in Moria teilen sich teils fünfzehn Menschen ein Zelt, das aus ein paar löchrigen Planen besteht. Hände waschen sollen wir, dreißig Sekunden lang, und ordentlich einseifen. In den Lagern in Griechenland gibt es oft nicht einmal genug Wasser zum Trinken. Der einzige Weg hinaus führt im Moment – in den Knast. Dorthin kommen Flüchtlinge, die die Regierung in Athen von den Inseln evakuiert, um die Lage zu entspannen.

Die Krise, zeigt, was alles möglich ist. Und zwar nicht nur im Schlechten. Es wird auf die Wissenschaft gehört und danach im Großen und Ganzen gehandelt, egal, was es kostet. Unsere Sorgen werden ernst genommen. Die der anderen nicht. In den Lagern in der Ägäis warnen Hilfsorganisationen vor einem Massensterben. Aber dort sterben die anderen. Unternommen wird deshalb: nichts.

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Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek). Bis Februar 2021 als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg.

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