Impfung von sozial Benachteiligten: Keine falsche Fürsorge

Sozial benachteiligte Menschen sind schwerer von der Pandemie betroffen als andere. Sie müssen deshalb bei der Impfkampagne bevorzugt werden.

Menschen stehen in einer Schlange an - im Hintergrund Hochhäser

Menschen stehen am Montag im sozialen Brennpunkt Köln-Chorweiler für eine Impfung an Foto: Oliver Berg/dpa

Die Furcht davor, etwas Richtiges zu tun und dabei etwas Falsches auszulösen, kann dazu führen, dass gar nichts getan wird – mit fatalen Folgen. Im konkreten Fall geht es um die Frage, ob sozial schwächere und bildungsfernere Bevölkerungsschichten bei der Impfkampagne einer besonderen Zuwendung bedürfen. Das löst unangenehme Fragen aus: Sind das etwa Virenschleudern? Womöglich teilweise mit Migrationshintergrund? Das, so der Impuls, darf nicht ausgesprochen werden, denn es droht eine Stigmatisierung, am Ende gar Öl ins Feuer der AfD-Rassisten. Lieber nicht darüber reden.

Diese Haltung ist gefährlich. Dahinter steckt eine falsch verstandene Fürsorge, die für die Betroffenen tödlich enden kann. Und doch mussten erst konkrete Zahlen über turmhohe Inzidenzen in armen Stadtvierteln auf dem Tisch liegen, bis die Politik zu reagieren beginnt.

Dabei liegt es nahe, dass Menschen, die beengt wohnen müssen und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, die dazu als Packer, Fahrer oder Kassiererin mit viel Kundenkontakt arbeiten, schwerer von der Pandemie betroffen sind als jemand, der am Schreibtisch im Homeoffice verweilt. Vielleicht kommt dazu, dass die Ärmeren keine Zeitung lesen, das Studium von RKI-Berichten verschmähen und möglicherweise über nicht ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Und, ja, manche halten eine Impfung für gefährlicher als das Virus.

Deshalb ist es allerhöchste Zeit für das, was derzeit in Köln geschieht: die Bevorzugung dieser Menschen bei der Impfkampagne. Dabei werden ein paar Dosen mehr nicht reichen. Wenn man die Benachteiligten erreichen will, dann funktioniert das nur über ihre Medienkanäle und mithilfe ihrer Vorbilder. Dann hilft kein Günther Jauch mit viermal Ja, sondern Tuğçe Kandemir muss singen. Alles andere als eine groß angelegte Kampagne fürs Impfen, gerne auch bei kostenlosem Mittagessen, wäre unterlassene Hilfeleistung, die am Ende auch diejenigen trifft, die im Eigenheim sitzen. Denn das Virus kennt weder Arme noch Wohlhabende.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

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