Hydrofeminismus: „Durch das Wasser sind alle miteinander verbunden“
Das Kollektiv Glitch AG sieht die Allgemeinheit beim Thema Wasser in der Verantwortung. Deshalb bringt es das Thema Hydrofeminismus auf die Bühne.
taz: Frau Emami Khansari, was hat Wasser mit Feminismus zu tun?
Raha Emami Khansari: Es gibt kein neues Wasser. Das ist ein banaler Gedanke, aber irgendwie auch total mindblowing. Wasser findet im Kreislauf statt, dadurch gibt es kein neues, sondern nur gemeinsames Wasser. Durch das Wasser sind alle Lebewesen auf diesem Planeten und auch die Ökosysteme miteinander verbunden. Es gibt ein schönes Buch, „Am Himmel die Flüsse“ von Elif Shafak, in dem beschrieben wird, wie der Regentropfen im Haar eines assyrischen Königs um 600 vor Christus zur Schneeflocke wird, die auf das Gesicht eines neugeborenen Babys in London im Jahr 1840 fällt. Diese Verbundenheit übersetzt sich dann in der hydrofeministischen Theorie.
taz: Was bedeutet Hydrofeminismus?
Emami Khansari: Feminismus ist aus unserer Perspektive nie losgelöst von anderen Aspekten. Im Hydrofeminismus wird diese Intersektionalität sehr erklärbar gemacht. Wer hat Zugang zu Wasser, wer nicht? Wer leidet darunter, dass Wasser nicht verfügbar ist? Dass Klimaveränderungen dazu führen, dass Landschaften austrocknen? Das sind vor allem Länder aus dem Globalen Süden. Hydrofeminismus ist eine Perspektive auf Feminismus, die eben sowohl geopolitische, koloniale als auch ökologische Aspekte umfasst. Und das aber auf eine Art und Weise, die einerseits sehr politisch konkret genommen werden kann, aber andererseits einen poetischen oder metaphorischen Zugang ermöglicht.
Raha Emami Khansari
Jahrgang 1987, ist zusammen mit Eva-Maria Glitsch, Anna Hubner und Christine Kristmann das Künstlerinnenkollektiv Glitch AG. Seit 2016 produzieren sie Theater- und Tanzperformances, Hörspiele, Beteiligungsformate und Interventionen mit einem feministischen Blick.
taz: Also quasi: Wasser ist keine Ressource, sondern ein Teil von mir, der mich mit dem Rest aller Lebewesen und Ökosysteme verbindet. Das ist schon sehr poetisch.
Emami Khansari: Und gleichzeitig eben auch ein Fakt. Es ist faktisch so, dass jegliches Leben auf diesem Planeten nur durch Wasser vorstellbar ist, dass wir alle aus dem Wasser kommen. Das ist, wie wenn man über den Kosmos spricht und sagt: Wir sind alle aus Sternenstaub. Wir sind eigentlich auch alle aus Sternenstaub! Das klingt sehr poetisch, aber es ist eben auch Wissenschaft. Was macht man jetzt mit diesem Wissen? Nimmt man das als reinen physikalischen Fakt oder nimmt man das als Aufgabe, sich um dieses Wasser und um uns zu kümmern?
taz: Das ist auch das Überthema eurer Vorführung: Fürsorge.
Emami Khansari: Diese Performance ist der Auftakt einer Trilogie namens „Open Water“, in der wir uns mit Wasser beschäftigen. Im ersten Teil liegt der Fokus auf der Verbindung zwischen Wasser und Fürsorge. Was bedeutet Fürsorge in den Kontext von Wasser? Warum hat das überhaupt was miteinander zu tun?
„Liquid Bodies“, Auftakt der Triologie „Open Water“, Premiere am 13. 3., 20.15 Uhr, wieder am 14., 20. und 21.3., Lichthof-Theater, Rentzelstraße 36, Hamburg
taz: Und wie seid ihr ursprünglich auf Hydrofeminismus gekommen?
Emami Khansari: Wir arbeiten mittlerweile seit 10 Jahren als Kollektiv zusammen. Über einen Artikel sind wir auf das Thema gestoßen. Wir haben eine Rechercheförderung bekommen, weshalb wir sehr breit zum Thema Wasser recherchieren konnten. Vorletztes Jahr haben wir dann eine Arbeit zur Kolonialgeschichte des Meeres gemacht, dadurch wurde das Thema immer politischer und der Bogen zu feministischen Aspekten kam sehr organisch. Wasser kann eine Projektionsfläche für so viele Dinge sein, das Meer ist ja auch ein großer Sehnsuchtsort.
taz: Daraus macht ihr eine Tanzperformance.
Emami Khansari: Wir machen eine Installation, Konzert, Tanzperformance, Performance draus. Es treffen sich sehr, sehr viele Formate da drin. Unsere zweite Arbeit soll dann ein Stück für Kinder sein, es wird um Meeressäugetiere gehen. Wir wollen uns ihre familiären Strukturen angucken, was man von Meeressäugern lernen könnte. Aber der hydrofeministische Gedanke steckt auch da drinnen.
🏳️⚧️ SHANTAY. YOU PAY. 🏳️🌈
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert