Horrorroman „Verbrenn das Negativ“: Die Todesfälle häufen sich
Josh Winnings neuer Roman ist gelungener selbstreflexiver Horror. Der Plot ist so plausibel, wie ein Slasherplot eben sein muss.
Das zuvor eh schon recht juxige US-Horrorkino hüpfte in den Neunzigerjahren auf die Metaebene. Auf einmal waren Slasherfilme, die bis dahin von der Kritik als debile Teenie-Schlachtfeste verschmäht oder dämonisiert worden waren, Feuilletonstoff. Das „Scream“-Franchise, „Halloween H20“ und der ernster gestimmte „In the Mouth of Madness“ zitierten sich durch die Geschichte des eigenen Genres, wurden selbstreflexiv und erzählten vom Horrorgeschichtenerzählen selbst.
Die besten selbstreflexiven Horrorfilme (er)schafften beides, postmoderne Leichtigkeit, die popkulturelles Wissen und Kennertum adressierte, und beliebte Horrorfilmgefühle, Heulen und Zähneklappern.
Der britische Horrorautor Josh Winning schließt in seinem dritten Roman „Verbrenn das Negativ“ an diese Tradition des selbstreflexiven Horrors an. Der Plot ist so plausibel, wie ein Slasherplot halt sein muss, also nicht sonderlich.
Josh Winning: „Verbrenn das Negativ“. Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 374 Seiten, 18 Euro
Die Journalistin Laura Warren reist nach Los Angeles, um über das Reboot eines Neunzigerjahre-Horrorfilms zu berichten, der jetzt als Serie neu aufgelegt wird. Der Film „The Guesthouse“ ist ein Kultobjekt und gilt als verflucht, nachdem acht Menschen, die an der Produktion mitgewirkt haben, gestorben sind. Laura hat damals als angehender Kinderstar in „The Guesthouse“ die Hauptrolle gespielt. Gleich als sie ankommt, stürzt sich ein Mann von einer Highwaybrücke.
Hinweise auf den Täter
Die Todesfälle vor Ort häufen sich, der Regisseur verbrennt, die Hauptdarstellerin wird ermordet, und immer ist Laura in der Nähe. Winning gibt laufend Hinweise, die jeweils eine Figur zum Täter machen könnten. Lauras Schwester Amy, die bereits in L. A. ist, wollte ihr Leben lang Schauspielerin werden und hat es nicht geschafft. Im Slashergenre genügt das als Motiv, um eine Serienmörderin zu werden.
Das Medium Beverly ist undurchschaubar und hat einst einen Exorzismus verpfuscht, mit tödlichem Ausgang. Der Autor, der das erste Drehbuch zu „The Guesthouse“ geschrieben hat und dessen Name im Abspann nicht genannt wird. Und natürlich Laura selbst, die unter Blackouts leidet und deutliche Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigt.
Laura, Beverly und Amy hasten von Kapitel zu Kapitel und von Station zu Station. Man kann „Verbrenn das Negativ“ auf drei Weisen lesen, und wenn eine davon nicht greift, macht es immer noch genügend Spaß: einmal als Horrornerd, der einen Text liest, der ein als Genreuniversum ausgewiesenes Universum baut und den man auf Verweise, Anspielungen und Traditionslinien abklopfen kann. Dann als Krimi, als Whodunit-Geschichte, mit mehr oder weniger überzeugenden Wendungen. Und dann als die Erzählung einer als Kind traumatisierten Frau, die versucht, den Ursprung ihres Leidens und damit eine Lösung für das eigene Drama zu finden.
Die Struktur des Ganzen ist den Filmen aus der Hochphase der zweiten Slasherwelle der Achtzigerjahre entlehnt. Hinter den spektakulären Todesszenen ist immer etwas verschwunden, nämlich dass viele dieser Filme – „Terror Train“, „Happy Birthday to Me“, „Sleepaway Camp“ oder „My Bloody Valentine“ – eigentlich einen klassischen, wenn auch manchmal reichlich bescheuerten Whodunit-Krimiplot hatten.
Die Idee eines verfluchten Films, dessen Monster in die Wirklichkeit schwappen, ist „Wes Craven’s New Nightmare“ von 1994 entnommen, in dem der spätere „Scream“-Regisseur Wes Craven sein eigenes Franchise im siebten Teil mit ernster Ironie auf die Metaebene hob. Der untote Serienmörder, der in den ersten sechs Teilen die Kinder der Elm Street in ihren Träumen heimsuchte und umbrachte, randaliert nun in der Wirklichkeit und beginnt den Star von Teil eins und drei, Heather Langenkamp (gespielt von Heather Langenkamp), zu terrorisieren.
Auch darüber hinaus finden sich massig Verweise, auf „Psycho“, auf „I Know What You Did Last Summer“, auf „I Still Know What You Did Last Summer“ und auf überhaupt alle Slasherfilme, die das Trauma als Ursprung der Gewalt identifiziert haben.
Slashermotive aus dem Filmischen
Mit dieser lustvollen Selbstreflexivität steht Josh Winning mit seinen bislang vier Romanen in einer Reihe mit Autoren wie Adam Cesare oder Stephen Graham Jones, die sehr informiert, spielerisch und zugleich ernst und humorvoll Slashermotive aus dem Filmischen in ihre Texte überführen. Ein Minitrend, der sich auch in der Liste der Auszeichnungen des wichtigsten Literaturpreises für Horror abbildet, des Bram Stoker Awards. Jones erhielt 2021 für „My Heart Is a Chainsaw“ einen Preis, Adam Cesare 2020 für „Clown in a Cornfield“. „Verbrenn das Negativ“ war 2025 nominiert.
Wie jeder gelungene selbstreflexive Horror erschöpft sich Josh Winnings Roman aber nicht in der Selbstreflexivität, sondern nimmt seine Figuren ernst genug, um am Ende etwas zu erzählen, das über das Genre hinausgeht. Die Traumageschichte ist psychologisch stimmig und in ihrer drastischen Auflösung, die gerade keine ist, sehr berührend. Bei Josh Winning sind Metaebenen, Genrewissen und Selbstreflexivität nicht nur Spielerei, sondern Möglichkeiten, um das Horrorgenre als Medium einer düster gestimmten Weltwahrnehmung ernst zu nehmen.
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