Homosexualität im japanischen Sport: Rui Takahashi macht den ganz mutigen Aufschlag
Im japanischen Profisport sind Comingouts selten. Ein Profivolleyballer ist nun der erste Mann, der dies wagt. Im Land wird er als Vorbild gefeiert.
Wenn die Osaka Suntory Sunbirds in die Arena laufen, das Scheinwerferlicht auf die Spieler gelenkt ist, tönt von den Rängen oft ein Gemisch aus Applaus und Gekreische. Die SV. League, die japanische Profivolleyballliga der Männer, richtet ihr Marketing hauptsächlich an Frauen, die sie wiederum nicht nur mit Trüffelpommes und schickem Corporate Branding in Schwarzgold anzulocken versucht, sondern auch mit großen, kräftigen Spielern. Einer der umjubelten Schönlinge ist der 26-jährige Rui Takahashi.
Aber diesen 1,85 Meter großen Mann dürften weite Teile des Publikums seit Kurzem nicht mehr auf dieselbe Weise anhimmeln wie bisher. „Ich bin schwul und gehöre einer sexuellen Minderheit an“, hat der Athlet Ende September über Instagram erklärt. „Seit meiner Kindheit hatte ich Angst, mich mit einem bestimmten Aspekt meiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Ich kämpfte damit und verleugnete mich selbst.“ Aber: „Ich habe die Erkenntnis verinnerlicht, dass es okay ist, ich selbst zu sein.“
Die für japanische Fans nicht unüblichen romantischen Fantasien rund um ihre Stars dürften in vielen Köpfen verflogen sein. Möglich, aber dass damit nun ganz Japan einen neuen Star hat. Als „seltenes Vorbild“ bezeichnet die liberale Asahi Shimbun, die zweitgrößte Zeitung im Land, Takahashi nach seinem Coming-out. Und Mainichi Shimbun, eine weitere große Zeitung, fragt: „Wird sich die Kultur der Männlichkeit ändern?“ Immerhin dürfte es Japans erstes Coming-out eines männlichen Profisportlers gewesen sein.
Mainichi Shimbun, japanische Tageszeitung
Der Sport und die Idee von Männlichkeit
Wie in anderen Ländern wird auch in Japan die Idee von Männlichkeit durch die Kultur des Sports mitgeprägt: Jungs haben harte Kämpfer zu sein. Vermeintlich weibliche Seiten – wie sich zu Männern hingezogen zu fühlen – kommen in diesen Männlichkeitsbildern kaum vor. Und gerade in diesem Land, das traditionell von einer „homogenen Gesellschaft“ ausgeht, in der sich alle Mitglieder grundsätzlich ähneln sollen, werden von einer Norm abweichende Tendenzen schnell verdrängt.
Vor einigen Jahren musste dies Yuzuru Hanyu spüren, mehrfacher olympischer Goldmedaillengewinner und der erfolgreichste Eiskunstläufer in Japans Geschichte. „Vielleicht ist er ja schwul!“, mutmaßte Takeshi Kitano, ein bekannter Schauspieler und Regisseur, im Fernsehen. Könnten Hanyus vermeintlich weibliche Bewegungen, seine bekannte Liebe für die Comicfigur Pu der Bär oder der Umstand, dass sein Trainer schwul war, denn Zweifel zulassen? In Japan wurde jedenfalls darüber diskutiert.
Um ihre körperliche Unversehrtheit müssen Personen, die sich als queer oder LGBTQ identifizieren, in Japan zwar kaum fürchten. Aber Räume, um sich offen auszuleben, gibt es eben kaum. Generell werden Zärtlichkeiten, von Händchenhalten bis Küssen, nur selten in der Öffentlichkeit ausgetauscht. Liebe und Sexualität spielen sich in Japan eher im privaten Raum ab. Wohl auch deshalb sind Pride Parades in Tokio – wenngleich sie zuletzt wuchsen – eher klein. Als einziges G-7-Land erlaubt Japan keine gleichgeschlechtliche Ehe.
Eine mehr oder weniger subtil spöttische Haltung gegenüber Personen, die nicht den Idealen entsprechen, hat auch dazu geführt, dass Coming-outs unter Spitzensportlern in Japan bis heute eine Ausnahme sind. Als Tokio im Sommer 2021 die Olympischen Spiele veranstaltete, nahm die bis dato größte Zahl an Athletinnen und Athleten teil, die sich als LGBTQ geoutet hatten. Aus dem Gastgeberland aber war keine Person dabei. Und dies, obwohl sich ein Motto der Spiele mit „Einheit in Vielfalt“ übersetzen ließ.
Das Fortleben von Diskriminierung
Olivier Fabre, ein schon lange in Japan ansässiger Franzose, der bei den Spielen von Tokio das Pride House verantwortete, sagt: „Wir müssen immer noch fürchten, dass wir unseren Job verlieren, wenn wir uns outen.“ Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo sind rund ein Viertel der Menschen im Land, die sich als LGBTQ identifizieren, unfreiwillig geoutet worden. Rund 80 Prozent hatten am Arbeitsplatz oder in der Schule diskriminierende Sprüche erfahren.
Doch ein Wandel, wie ihn Mainichi Shimbun wohl herbeisehnt, scheint durch das Coming-out von Rui Takahashi nun denkbar. So hat die eher auf Sensationsnews ausgerichtete Sportzeitung Sanspo einen Text über Takahashi herausgebracht, der den Hergang des Coming-outs erzählt. „Der Auslöser war ein Gespräch mit Ran“, so der Titel. Ran, der jüngere Bruder von Rui und ein noch größerer Volleyballstar im Land, habe ebenso unterstützend auf Takahashi eingewirkt wie Personen im Umfeld des Vereins.
Der Eindruck, den der Artikel erweckt: Rui Takahashi musste sich nicht allein fühlen. Dies muss zwar noch lange nicht dazu führen, dass sich weitere Sportler ermutigt fühlen, einen ähnlichen Schritt zu wagen. Aber sofern es Takahashi jetzt schafft, an seine bisherigen sportlichen Leistungen anzuknüpfen und weiterhin vom Publikum bejubelt zu werden, scheint dies zumindest realistisch. „Ich werde mich weiterhin voll und ganz dem Volleyball widmen“, hat Rui Takahahi über Instagram schon mal versprochen. Womöglich ist Takahashi damit schon bald kein so ganz „seltenes Vorbild“ mehr.
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