Hochwasser in Westdeutschland: Land unter Wasser

Die Flut im Westen Deutschlands hat katastrophale Folgen. Was tun die Menschen vor Ort? Fünf Eindrücke aus der Region – über Angst und Zusammenhalt.

Ein großer Baum mit freigelegten Wurzeln

Im Eifelort Schuld haben die zerstörerischen Wassermassen nicht nur Bäume entwurzelt Foto: Thomas Frey/dpa

Alle Wege vom Wasser versperrt

Meine Frau und ich wurden um drei Uhr in der Nacht zum Donnerstag von einem lauten Piepsen geweckt. Erst dachte ich, das sei ein Rauchmelder. Aber die Tiefkühltruhe piepst, wenn der Strom ausfällt. Mein Handy hatte kein Netz. Wir wussten deshalb gar nicht, was los ist und schliefen wieder ein. Wir bekamen nur mit, dass es die ganze Nacht sehr, sehr stark regnete.

Morgens um 8 Uhr sahen wir dann das Wasser auf der Straße. In unseren Keller lief etwas Wasser, zum Glück nicht viel. Mein Bruder wohnt weiter unten am Bach. Weil es keinen Handyempfang gab, konnte ich ihn stundenlang nicht erreichen. Wir sind dann vorbeigefahren, ihm geht es zum Glück gut, das Haus steht, aber sein Grundstück und der Garten sind komplett überflutet und zerstört.

Meine Frau und ich hatten an diesem Morgen einen Termin zur Coronaimpfung. Wir dachten wirklich, wir schaffen es da hin, wir wussten ja ohne Handynetz nicht, was um uns herum passiert. Ich konnte das Garagentor nicht öffnen, weil der Strom weg war. Weil wir die Impfung nicht verpassen wollten, habe ich ein Auto von einem Nachbarn geliehen. Als wir losfuhren, waren über uns schon Helikopter, die ganze Stadt war voller Polizei-, Feuerwehr- und Krankenwägen.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Die Schule meiner Kinder ist komplett unter Wasser. Weil alle Wege vom Wasser versperrt waren, konnten wir die Stadt nicht verlassen. Die Ahrbrücke ist eingestürzt. Auch Internet, Strom und Trinkwasser sind ausgefallen. Das Mobilfunknetz kam schneller wieder. Auf Social Media sah ich Videos aus Ahrweiler. Die Rettungswägen und die Feuerwehr kamen teils kaum durch, weil sie erst Platz zwischen den ganzen Gaffern schaffen mussten. Das stört, wenn hier nach Angehörigen gesucht wird, die vermisst werden.

Es regnet immer noch zwischendurch. Meine Frau und meine Kinder haben Angst, dass das Wasser doch noch kommt. Ich versuche ruhig zu bleiben. Uns helfen die Gespräche mit den Nachbarn, wir unterstützen einander. Die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die man in Sinzig spürt, ist sehr stark. Das habe ich zuvor noch nicht erlebt.

Jeton Hexa, 36, ist Bürokaufmann in Sinzig (Kreis Ahrweiler).

Protokoll: Niko Kappel

Ein Archivpfleger rettet Geschichte

Wir waren überrascht, wie schnell das Wasser kam und stieg. Ich bin sofort rüber ins Archiv, ich wohne nur 100 Meter entfernt. Da waren draußen schon 50, drinnen 30 Zentimeter Wasser. Mit einem Mitarbeiter habe ich versucht, alles aus den unteren Regalen nach oben zu räumen. Ich hatte Angst. Wir sind danach durch ein Fenster aus dem Raum herausgeklettert und stiegen draußen in einen See mit 70 Zentimetern Tiefe – weil wir gar nicht einschätzen konnten, wie hoch das Wasser steigt und ob noch ein Boot oder ein Hubschrauber kommt, um uns zu retten. Das war dramatisch.

Unser Archiv beherbergt Unterlagen aus fünf Kirchengemeinden im Pastoralverbund Balve-Hönnetal. Die älteste Schrift ist von 1414. Wir haben uns sofort an das Erzbistumsarchiv und die Fachaufsicht gewendet und gesagt: „Leute, helft uns, was können wir machen?“ Und die haben vorgeschlagen: Alles kommt in eine Kühlkammer und wird eingefroren, damit sich der Zustand nicht mehr verschlimmert.

Ich schätze, dass ein Fünftel des Materials entweder ganz oder etwas feucht ist. Wir konnten zwar alles aus den unteren Regalen retten, aber ich kann noch nicht einschätzen, wie groß der Schaden am Ende wirklich ist.

In einem halben Jahr zieht das Archiv in ein neues Pfarrheim, es steht schon im Rohbau. Ich kann hineinsehen und die Räume in meiner Fantasie einrichten. Das neue Gebäude liegt ein bisschen höher, da wäre das nicht passiert. Und jetzt stehe ich trotzdem hier, in Wasser und Schlamm. Der Pfarrer hilft seit heute Morgen mit weiteren Leuten beim Aufräumen. Er kniet da genau wie wir anderen im Dreck. Viele wollten helfen, die Gemeinde ist überschaubar, mit den Nachbarorten haben wir knapp 12.000 Einwohner. Es kommen Leute mit Kaffee, mit Essen oder mit einem Schrubber. Das ist einzigartig.

Und: Der Großteil des Pfarrarchivs ist nicht beschädigt, kann weiter genutzt werden. Da treten wir das Erbe unserer Väter an, wir erhalten die Dinge und pflegen sie. Die Geschichte existiert bei uns weiter. In guten Händen. Auch wenn sie manchmal wässrig sind.

Rudolf Rath, 78, ist Archiv­pfleger des Pfarrarchivs St. Blasius in Balve.

Protokoll: Julia Weinzierler

Ein Dorf rettet die Backstube

Keiner hat geglaubt, dass es mal so weit kommt wie am Mittwochabend. Es ging unheimlich schnell. Der Wasserpegel der Borke stieg innerhalb von zwei Stunden um einen Meter an.

In unserem Dorf Langenholthausen floss das Wasser in die Backstube der heimischen Bäckerei. Die Nachricht verbreitete sich schnell. Familie, Freunde, Nachbarn, der Fußballverein und die Landjugend wurden kontaktiert. Ich bin um halb sechs direkt von der Arbeit zur Backstube gefahren, meine Frau und mein Sohn waren schon vor Ort.

Es kamen Menschen aus dem ganzen Dorf. Manche kannte ich gar nicht. Je­de:r hat sich einen Eimer, eine Flitsche oder einen Besen gegriffen und versucht das Wasser aus der Backstube zu schöpfen. Zwischen sechs und acht Uhr war die totale Eskalation. Mit fünfzig Menschen haben wir eine Reihe zum tiefsten Punkt der Stube gebildet und Eimer voll mit Wasser nach oben durchgereicht. Insgesamt waren dreißig Feuerwehrleute und mehr als hundert Freiwillige im Einsatz.

Eineinhalb Stunden haben wir gearbeitet – dann ging nichts mehr. Wir schafften es einfach nicht, wir konnten die Wassermassen nicht mehr abschöpfen. Der Grundwasserspiegel war so stark angestiegen, dass die Fliesen hochgedrückt wurden, das Wasser sprudelte aus dem Boden. Wir haben aufgehört zu schöpfen und Sandsäcke geholt, um zumindest den Anbau der Backstube und die Technikräume zu schützen. Wo zuvor die Eimer hochgereicht wurden, wurden nun Sandsäcke nach unten gereicht. Es fehlte nicht mehr viel, vielleicht zehn Zentimeter, und die eigene Stromversorgung der Bäckerei wäre überschwemmt worden.

Doch gegen acht Uhr hat es dann endlich aufgehört zu regnen. Es hat dann noch eine Stunde gedauert, dann sackte der Wasserpegel ab und das Wasser zog sich zurück. Wir hatten Glück. Während die letzten Helfer in der Nacht noch am Putzen waren, stellten die Bä­cke­r schon die Öfen an, um Brötchen zu backen. Als erstes für die Helfer.

Wolfgang Grote, 57, ist Serviceleiter einer Autowerkstatt aus Langenholthausen.

Protokoll: Maike Schulte

Was packt man ein, wenn die Flut kommt?

Wir wohnen in Kerpen-Balkhausen, von unserem Haus aus sind es 750 Meter Luftlinie bis zur Erft. Donnerstagabend sind hier Teile des Dorfes evakuiert worden, unser Haus steht zum Glück noch 20 Höhenmeter weiter oben, sodass wir vielleicht noch davonkommen, falls das Wasser hier doch noch steigen sollte.

Unsere größte Angst hier ist gerade, dass die Steinbachtalsperre nicht hält und die Erft dann noch mehr überläuft. Vielleicht geht es gut, aber man weiß ja nie. Wir sind mit der Information ins Bett gegangen, dass uns im Notfall jemand rausklingeln wird, über Social Media kriegt man ein bisschen was aus den umliegenden Orten mit. Im direkten Vergleich ist es bei uns eigentlich noch relativ entspannt. Aber die Stimmung hier im Dorf ist wirklich ganz komisch, gespenstisch irgendwie. Unser Haus ist gleich am Ortseingang und hier stehen Polizisten, die lassen niemanden mehr rein. Und die ganze Zeit hört man Sirenen heulen. Viele Menschen hier haben Bekannte, Verwandte und Freunde, die in Erftstadt wohnen, in einem Radius von kaum 10 Kilometern um Kerpen, und schon weg mussten. Dort sind ja Häuser eingestürzt und auch ein Teil der Burg. Das bedrückt mich sehr, auch wenn wir gerade selbst noch nicht so direkt betroffen sind.

Wir haben trotzdem gepackt und sind auf alles vorbereitet. Vorher habe ich meinen Papa angerufen und gefragt, was man denn überhaupt einpackt in so eine Notfalltasche. Was nimmt man da mit, wie viel nimmt man mit, was ist eigentlich wichtig? Das ist so schwer zu beziffern. Eine Freundin aus Erftstadt-Blessem hatte Sachen für einen Tag eingepackt und musste dann aus ihrer Wohnung raus. Jetzt weiß sie aber gar nicht, wann und ob sie überhaupt noch mal in ihre Wohnung zurück kann, oder ob sie sich überhaupt imstande fühlt, sich die ganze Zerstörung vor Ort anzusehen.

Und ich sitze hier auf gepackten Koffern und versuche zu arbeiten – das ist auch irgendwie komisch. In meiner Tasche sind jetzt ein paar bequeme Klamotten, ein bisschen Kosmetik und Wertsachen natürlich, der Laptop, meine Kamera. Und auch ein Foto, das mir am Herzen liegt.

Annika Gerigk, 26, ist Kampagnenmanagerin in Kerpen-Balkhausen.

Protokoll: Lin Hierse

Stadt am Fluß

Den ganzen 14. Juli über, dem Nationalfeiertag im nahen Frankreich, hat es geregnet in der Region, auch in Wittlich, einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern zwischen Mosel, Eifel und Hunsrück. Gerne macht man sich in der Gegend lustig über die Wittlicher, weil sie behaupten, dass sich ihre Stadt an der Mosel befindet -zumindest, wenn es darum geht, Wein zu verkaufen. Tatsächlich liegt die Stadt am eigentlich beschaulichen Flüsschen Lieser – und der verwandelt sich in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli in einen reißenden Strom: Um 0.50 Uhr tritt die Lieser im Bereich der Innenstadt über die Ufer und ergießt sich in die nahe Innenstadt. Ein Wehr ist zudem gebrochen – und die Feuerwehr ist im Dauereinsatz, auch zu Hilfe gekommene aus anderen, benachbarten Gemeinden: Tiefgaragen und Keller sind vollgelaufen. Arztpraxen, ein Autohaus, eine Psychotherapie-Praxis. In den Kellern läuft Heizöl aus, sie müssen nach und nach ausgepumpt werden.

Eigentlich hatte sich die Stadt Wittlich erst vor kurzem darauf besonnen, dass sie eine „Stadt am Fluss“ ist und hatte 2018 den Uferbereich der Lieser in der Innenstadt völlig neu gestaltet, mittels einer Öffnung: Wo vorher nur eine abweisende Flutmauer war, konnten sich die BürgerInnen der Stadt nun an den Fluss setzen, auf eine gegenüberliegende Open-Air-Bühne schauen. Für den Fall eines Hochwassers sollten eigentlich mobile Schutzwände eingesetzt werden – doch dann kam die Jahrhunderflut, die jeden Rahmen sprengte.

Inzwischen ist das Wasser zurück gegangen. Menschenleben waren in Wittlich nicht zu beklagen – im Gegensatz zu den betroffenen Gemeinden in der Nähe des nicht weit entfernten Nürburgrings in der Eifel. Wer sein Haus in der Nacht hatte verlassen müssen, wurde in einem der städtischen Gymnasien von DRK und Malteser Hilfsdienst versorgt. Die Stadt Wittlich ist noch einmal mit einem blauen Augen davon gekommen. Alle hoffen nun auf einen Rückgang des Wassers. Und darauf, dass der Alltag weitergehen kann: Gemeinsam mit den Verbandsgemeinden hat die Kreisverwaltung Vulkaneifel entschieden, alle Schulen und Kindertagesstätten am Freitag, 16. Juli, und damit am letzten Schultag vor den Ferien wieder regulär zu öffnen.

Martin Reichert

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de