Hitzewellen in Südkorea: Hundstage in Seoul
Südkoreas Hauptstadt reagiert mit innovativen Alltagslösungen auf die rekordträchtige Hitze. Doch langfristige Strategien fallen den Südkoreanern schwer.
A uch in gewöhnlichen Sommern kann man in Südkorea die Uhr danach stellen, wann die bereits brutale Hitze zur unerträglichen Misere wird: Gegen Ende der Regenzeit, meist im späten Juli, fühlt es sich an, als ob der Wettergott plötzlich einen Schalter umlegen würde – und die Luftfeuchtigkeit bis zum Anschlag hochdreht.
Die Schwüle sorgt dafür, dass selbst kurze Spaziergänge zum Supermarkt in schweißgebadeter Erschöpfung enden. Und dass sogar moderate 28 Grad extrem unangenehm wirken; insbesondere in der 10-Millionen-Einwohner-Metropole Seoul, wo Asphaltdschungel und Windstille ihr Übriges tun.
Über 40 Grad in Deutschland – was früher unvorstellbar war, ist heute real. Die Zahl der Hitzetoten steigt, die Wasserpegel der großen Flüsse sinken. Und wir merken, wie schlecht vorbereitet unser Land auf den Klimawandel ist. Doch der betrifft ja alle Länder. Wie gehen die Menschen anderswo mit den steigenden Temperaturen um? Und wo können wir von ihnen lernen? Eine Sommerserie der taz.
Bisher erschienen:
Wie eine Wüstenstadt in den USA die Hitze bekämpft
Japans kreative Hitze-Gadgets
Randmeldungen in Italien.
Angst vor den Bränden in Kroatien
In Irland sind schon 25 Grad Hitze
Flucht ans Meer in der Türkei.
Lernerfolge in Skandivien
Hitzestau in Österreich
Volle Saunen in Uganda
Wasserknappheit in den Niederlanden
Sommerhitze in der Ukraine
[Link auf Beitrag 8629168]Rekordhitze in Nordafrika
Hitzerekorde am laufenden Band
Doch dieser Sommer war, wieder einmal, kein gewöhnlicher. Etliche Hitzerekorde wurden reihenweise gebrochen: Im südöstlichen Yangsan etwa kletterte das Thermometer Anfang August auf 42,5 Grad Celsius. Nie zuvor wurde in Südkorea eine solch hohe Temperatur gemessen.
Im Unterschied zu deutschen Hitzewellen kühlt es in Südkorea auch nachts über mehrere Monate nicht ausreichend ab. Nimmt man die deutsche Definition, nach der tropische Nächte ab einer Tiefsttemperatur von 20 Grad gelten, würde dies in Seoul praktisch für den gesamten Sommer zutreffen. Der koreanische Wetterdienst registriert tropische Nächte daher erst, wenn die Temperaturen nicht unter 25 Grad fallen. Und allein zwischen Ende Juli und Mitte August gab es 17 solcher Nächte in Seoul – hintereinander.
Sonnenschirme an Kreuzungen, klimatisierte Busstationen
Um die Hitze erträglich zu machen, hat sich die Seouler Stadtregierung viele innovative Lösungen einfallen lassen. Einige Busstationen sind mittlerweile verglaste Warteräume, die klimatisiert werden. An praktisch jeder größeren Kreuzung wurden schon vor Jahren große Sonnenschirme installiert, die während langer Ampelphasen Schatten spenden.
In einigen Armenvierteln, wo viele Senioren und prekär Beschäftigte in engen Behausungen ohne Klimaanlage leben, sind in den verwinkelten Gassen temporäre Wassernebelanlagen aufgebaut. Und im gesamten Stadtgebiet wurden über 4.000 Einrichtungen zu Kühlungsunterkünften deklariert, darunter öffentliche Bibliotheken oder Seniorenzentren. Viele Senioren nutzen auch einfach die U-Bahnstationen, um die Mittagshitze zu überstehen. Viele junge Südkoreaner bevorzugen den Kinosaal: Besonders Christopher Nolans 172-minütiges Epos „Die Odyssee“ erfreute sich großer Beliebtheit.
Nur wenig nachhaltige Strategien
Teil der Wahrheit ist aber auch: Bei nachhaltigen Lösungen schneidet Südkoreas Hauptstadt deutlich ambivalenter ab. In vielen Straßen gibt es zu wenig schattenspendende Bäume – und das vorhandene Grün wird jeden Frühling stark zurückgeschnitten.
Hinzu kommt ein mangelndes Problembewusstsein für die Folgen des eigenen Energieverbrauchs: Viele Koreaner nutzen ihre Klimaanlagen derart exzessiv, dass der Hitzeinseleffekt in Seoul besonders stark ausgeprägt ist. Viele Geschäfte lassen ihre Eingangstüren gar offen, während sie ihre Klimaanlagen auf Höchststufe betreiben.
Zudem ist Seoul eine der wenigen Hauptstädte Asiens, in der es nur wenige Fahrradpendler gibt – zu stark ist die Infrastruktur auf Autos ausgelegt. Und in Sachen erneuerbare Energien hinkt die südkoreanische Volkswirtschaft ohnehin deutlich hinterher: Nur etwas mehr als 10 Prozent der Stromerzeugung wird aus Solar, Wind und Co. gespeist.
Irgendwann einmal wird sich die mangelnde Weitsicht rächen. Bisher sind die meisten Südkoreaner jedoch einfach froh, dass sie mit ihrer Klimaanlage die Hitze zumindest temporär ausblenden können. Und das wird in den kommenden Tagen wieder bitter nötig sein: Dass die Temperaturen zuletzt wieder etwas abgeklungen sind, stellt sich nun als kurze Verschnaufpause heraus. Die Hitzewelle in Seoul hat sich ein letztes Mal für diesen Sommer zurückgemeldet – mit gefühlten Temperaturen von bis zu 36 Grad.
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