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Hilfe beim Berliner StromausfallEngagement, das Leben rettet

Dass der Blackout bislang keine Toten forderte, ist kein Zufall. Es liegt an guter Vorbereitung und dem hohen Einsatz von Hilfs- und Pflegekräften.

Gut organisiert: Rettungssanitäter evakuieren während des Stromausfalls eine bettlägrige Berlinerin aus einer Notunterkunft Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Während der Blackout im Berliner Südwesten für viele An­woh­ne­r:in­nen höchstens ein abenteuerliches Ärgernis ist, stellt er für einige eine echte Bedrohung für Leib und Leben dar: bettlägrige Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, Pa­ti­en­t:in­nen in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, aber auch Personen, die sich aufgrund psychischer Erkrankungen schwerer in der Ausnahmesituation zurechtfinden.

Dass der andauernde Stromausfall bei eisigen Temperaturen bislang so glimpflich verläuft, liegt vor allem daran, dass betroffene Einrichtungen und Organisationen gut auf den Ernstfall vorbereitet waren. So versorgt das Technische Hilfswerk (THW) Einrichtungen mit Notstromaggregaten. „Seit Samstag sind täglich Elektrikfachberater mit der Feuerwehr unterwegs, um die Sachlage zu bewerten und mögliche Unterstützungsmaßnahmen zu prüfen“, erklärt THW-Sprecherin Barbara Schwarzwälder.

Darunter waren auch die vier betroffenen Krankenhäuser in dem Gebiet. Doch die hatten bereits am Samstagabend wieder Strom. Die dort eingesetzten Notstromersatzanlagen habe das THW anschließend abgebaut und zu Pflegeheimen, Notunterkünften sowie eine Tierklinik verlegt, erklärt Schwarzwälder. Mittlerweile sind alle 74 Senioren- und Pflegeeinrichtungen wieder am Netz. Trotzdem mussten in den ersten beiden Tagen Pa­ti­en­t:in­nen evakuiert werden.

Besonders die ambulanten Pflegedienste, die Menschen in ihren eigenen Wohnungen behandeln, tun alles, um die Sicherheit ihrer Pa­ti­en­t:in­nen zu gewährleisten.

Das Telefon funktionierte nicht, die Türklingel funktionierte nicht und einen Schlüssel zur Wohnung haben wir nicht

Mitarbeiterin eines Pflegedienstes

Die größte Herausforderung sei gewesen, die Pa­ti­en­t*in­nen zu erreichen, berichtet eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes in Zehlendorf. „Das Telefon funktionierte nicht, die Türklingel funktionierte nicht und einen Schlüssel zur Wohnung haben wir nicht. Daher mussten wir teilweise versuchen, über Nachbarn und Angehörige mit den Pa­ti­en­t:in­nen in Kontakt zu treten.“ Das größte Risiko zu dieser Zeit sei jedoch gewesen, dass sich die Pa­ti­en­t:in­nen nicht selbst bemerkbar machen konnten. Wenn sie beispielsweise gestürzt waren, funktionierte auch das Hausnotsystem nicht.

Viele seien von der Diakonie und von der Feuerwehr aus ihrem Zuhause evakuiert worden, berichtet die Mitarbeiterin. Dennoch habe es in dieser Zeit nur einen einzigen Notfall in Verbindung mit dem Stromausfall gegeben: eine Person ohne Angehörige.

Besonders gefährdet seien Menschen ohne soziales Netz, sagt auch Diakonie-Sprecherin Jenny Pieper-Kempf: „Das größte Problem besteht in so einer Situation darin, dass man keine Informationen über den Zustand der Person bekommt, weder über Angehörige noch über Nachbarn.“

Dieses Mal hat es ein weniger dicht besiedeltes, wohlhabendes Viertel getroffen. Das könnte nächstes Mal anders sein

Jenny Pieper-Kempf, Diakonie

Für die Mit­ar­bei­te­r:in­nen gab es während dieser Tage viel organisatorischen Extraaufwand, berichtet Pieper-Kempf. „Wir mussten Generatoren besorgen und Lampen auftreiben.“ Außerdem hätten sich auch die vom Stromausfall betroffenen Mit­ar­bei­te­r:in­nen irgendwo duschen und sich wärmen müssen. Von Unterstützung durch den Berliner Senat wisse sie nichts.

Die Diakonie stellt sich darauf ein, dass es solche Situationen in Zukunft häufiger geben wird. Dafür fordert Pieper-Kempf von den Behörden Krisenkonzepte. „Dieses Mal hat es ein weniger dicht besiedeltes, wohlhabendes Viertel getroffen. Das könnte nächstes Mal anders sein.“ Dann wären auch mehr Menschenleben direkt gefährdet.

Auch die „Perspektive Zehlendorf“ traf der Stromausfall nicht unvorbereitet. Der gemeindepsychiatrische Träger bietet seit über 50 Jahren ambulante Betreuung für psychisch erkrankte Menschen an. Nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stellte man sich auf einen flächendeckenden Stromausfall ein. „Deshalb haben wir einen Blackout-Plan für unsere Einrichtungen erstellt“, erzählt Vereinsvorstand Ulrich Seeger. Dazu gehören Tagesstätten sowie Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten, wie eine Kantine.

Nachdem am Samstagabend alle Einrichtungen vom Stromausfall betroffen waren, habe der Verein den Krisenmodus aktiviert. MitarbeiterInnen besuchten die Einrichtungen, um sie mit Taschenlampen, Decken und Mahlzeiten zu versorgen, die man nicht erwärmen muss.

Keine Angst, sondern Solidarität

„Unsere KlientInnen sind alle psychisch erkrankt, die meisten schwer“, sagt Seeger. Nach seinen Schilderungen war es nicht die Angst, die unter den KlientInnen vorherrschte, sondern ein großer Zusammenhalt. Die Bereitschaft, sich untereinander zu kümmern, sei groß. „Trotzdem war es notwendig und gut, dass am Samstagabend unsere MitarbeiterInnen vor Ort waren“, meint Seeger.

Nachdem der Verein am Sonntag bei Steglitz-Zehlendorfs Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm (SPD) für zwei Einrichtungen um Unterstützung gebeten hatte, bot die Feuerwehr an, KlientInnen in andere Einrichtungen zu fahren. „Wir haben auch Menschen mit Psychosen, für die es schwierig ist, in Massenunterkünfte zu gehen“, erklärt Seeger. Die KlientInnen hätten das Angebot abgelehnt, ihnen gehe es besser in ihren Einrichtungen. Am Montagmorgen konnten die Einrichtungen wieder an das Stromnetz angeschlossen werden. Aktuell fehlt nur noch bei zwei weiteren Einrichtungen der Regelstrom.

Eine Klientin könne aufgrund ihrer psychischen Erkrankung dauerhaft nur durch die geschlossene Tür kommunizieren. „Da haben wir dann Decke und Taschenlampe vor die Tür gelegt“, erzählt Ulrich Seeger. Trotz Krisensituation habe die Klientin auch mit eingeschränkter Kommunikation das Hilfsangebot angenommen, nachdem die Mitarbeitenden den Türbereich verlassen hatten.

Seeger zieht eine positive Bilanz: „Wir haben uns nicht alleine gefühlt, sondern sehr unterstützt durch Bezirk, Feuerwehr und das Engagement unserer MitarbeiterInnen.“ Mit den KlientInnen hätten sie zudem andere Einrichtungen aufgesucht, die Möglichkeiten zum Aufwärmen geboten haben. Eine große Sorge bleibt dennoch: Wenn der Stromausfall noch länger anhalten würde, würde die Stimmung kippen.

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