Herbst im Hochsommer: Bunt sind schon die Wälder – und der Herbst beginnt?
Im Hochsommer Laub harken und viel zu kleine Kastanien sammeln? Manche finden das mittlerweile normal, unsere Autorin allerdings nicht.
W enn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen, werde ich die Lage weiter beobachten“, verkündete Friedrich Merz auf seiner Sommerpressekonferenz im Juli. „Und gegebenenfalls auch etwas dazu sagen.“ Hat er bislang aber noch nicht.
Ich beobachte auch Dinge. Anders als der Bundeskanzler möchte ich mich dazu aber gerne äußern. Vor unserem Wohnhaus stehen zwei große Kastanien. Seit Jahren verursachen Miniermotten hässliche braune Flecke an deren Blättern. Das ist schon lange kein Medienthema mehr. Jetzt kommt die Trockenheit dazu, sodass die Bäume schon im Hochsommer beginnen, ihr Laub abzuwerfen. Klimawandel, you name it! Doch viele Menschen scheint das gar nicht zu wundern. „Bäume verlieren doch immer ihr Laub“, oder „Es ist ja auch schon August!“, sagen Passanten, mit denen man beim Laubharken ins Gespräch kommt.
Sie finden es auch ganz normal, dass wir im Hochsommer Laub harken und Kinder bei 35 Grad im Schatten fröhlich durch die Blätter rascheln. Bald wird eine Generation herangewachsen sein, für die fallende Blätter quasi die Sommerferien einläuten. Und die im Juli schon die ersten Kastanien sammelt. Unlängst suchte tatsächlich eine etwa Sechzigjährige mit ihrer kleinen Enkelin Kastanien vor unserem Haus – an einem glühend heißen Tag Mitte August. Ob es nicht noch etwas früh dafür sei? Na ja, sagte sie, die Früchte seien ja leider wirklich etwas klein. Sie habe gehofft, noch welche vom vergangenen Jahr zu finden. Die Vorjahreskastanien, wer kennt sie nicht?
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Was kommt wohl als Nächstes? Sommerrodeln von den Sanddünen an der Ostsee? Schlittschuhlaufen in gekühlten Hallen an heißen Tagen? An Spekulatius in den Supermärkten ab August haben wir uns längst gewöhnt. So wie an den Klimawandel, den wir so locker in unser Leben integrieren. Hitze? Gab’s doch immer im Sommer. Trockenheit? Nur ein Problem der Landwirte.
Und so setzen wir uns also bald an den heißen Spätsommertagen mit einer Packung Spekulatius ins abgedunkelte Zimmer und basteln mit den Kids Kastanienmännchen. Weil die Freibäder eh zu voll sind und sich in den Seen überall diese lästigen Blaualgen gebildet haben. Klimawandel? Man muss halt das Beste draus machen. Grüße gehen raus an Friedrich Merz.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert