piwik no script img

Herbert Fritsch-Stück in HannoverErfolgreiche Quatschoffensive

Mit der Performance „Schwindel“ bestätigt Theatermensch Herbert Fritsch in Hannover seinen Ruf als Ritter der Sinnlosigkeit: Das kann Kummer vertreiben.

Die Inszenierung funktioniert als prima Teambuilding-Maßnahme: Schwindel im Schauspielhaus Hannover Foto: Birgit Hupfeld/Staatstheater Hannover

Für schwindelerregende Empörung liefert die Bahn – und zwar zuverlässig: An idealen Tagen braucht ein Zug 59 Minuten von Bremen nach Hannover. Am Premierentag von Herbert Fritschs „Schwindel“ wird das Ziel nach 3 Stunden und 10 Minuten erreicht. So ist nur verspätet ins Schauspielhaus Hannover zu schleichen, vom Anfang der Schwindelei also nicht zu berichten.

Aber von den Folgen. Erst blond perückt, später von Zauberhüten gekrönt wieselt ein Wichtel-Grüppchen über die Bühne. Es singt, spricht, tanzt, schreit, schnieft mit Lust und Freude kurze Probendialoge. „Ich glaube, das ist gut, wenn wir das jetzt machen und dann gucken wir gemeinsam.“

„Wahrscheinlich wär’s schlau … äh … warte Mal … aber das ist glaub ich nicht so wichtig.“ Solche Satzfetzen bilden ein Sprachklanggerüst, das immer wieder und immer wieder anders dargeboten wird, um darauf die daraus entwickelten Szenen zu präsentieren. Als eine lässig dahinfließende, aber genau gearbeitete und negative Gefühle wegschwindelnde Spaßtherapie für alltagsgestresste Menschen, Bah-Geschädigte inklusive.

Begrenzt von drei nicht weiter wichtigen Großformatfotos von Schiff- und Autostraßen tobt das achtköpfige Ensemble um ein Piano, das Charlie Casanova von Klassik bis Pop zitierfreudig bespielt, aber auch mal kakophonisch drauflos wütet. Die Musikerin gibt so Impulse oder nimmt die des Ensembles auf.

Im Programmheft wird betont, inhaltlich gehe es in Schwindel um nichts

Es steht meist etwas neugierig verdruckst da, einander betrachtend und belauschend, voller Erwartung des Zündfunkens für seine spielerische Fantasie. Bis einer Wich­te­l:in die Sicherung durchbrennt und sie mit einer Bewegungs-, Artikulations-, Slapstick-, Groteskmimik-, Bödelei-Idee extemporierend ausfällig wird. Auf die gehen alle Kol­le­g:in­nen fix ein und bauen daraus Minichoreografien.

Diese enden mal in Posen, mal in akrobatischem Stolpern, Verrenken, Stürzen oder Hinschmeißen. Am tollsten funktioniert dieses sich um sich selbst drehende Körpertheater, wenn alle Beteiligten gleichzeitig einen anderen Komik-Einfall artikulieren. All die Aufmärsche, Eskalationen und Abtritte reihen sich wie Clownsgruppennummern aneinander.

Schwindel in Hannover ist ein spaßiges Spiel, das verunklart, wo oben und wo unten ist Foto: Birgit Hupfeld/Staatstheater Hannover

Jede einzelne präzisiert sich in rhythmischer Musikalität. Aber in der Addition gewinnen sie keinen Flow. Weil es an einer übergreifenden, Spannung aufbauenden Entwicklung und dem großen dynamischen Bogen mangelt.

Ein einziger Piano-Ton kann alle Figuren durcheinander wirbeln, ein melodischer Schnipsel zu chorischem Pfeifen animieren, das in Röcheln übergeht. Gibt Casanova den röhrenden Piano-Man, marschiert das Ensemble fröhlich gereiht vorüber.

Im pferdischen Galopp geht’s wiehernd durchs Publikum. Kleine Neckereien radikalisieren sich zu kollektivem aufeinander Einschlagen, aber im anarchischen Tohuwabohu quillt plötzlich Nebel aus einem Zauberhut, der wie eine Reliquie über die Bühne getragen wird, bis die Prozession einem Hütchen-wechsel-dich-Spiel verfällt.

Nebel dringt aus Zauberhüten

Zwischendurch ist immer wieder die Selbstbestätigung zu hören: „Wir bleiben so, wie wir sind.“ Das ist das Schöne an der Fritschkunst: Die Schau­spie­le­r:in­nen müssen nichts darstellen, sondern dürfen einfach nur spielen. In erfrischender Überbau-Leere.

Denn auch wenn etwa mal Handy-Junkies die Telefonfunktion ihres Endgerätes nutzen – „Ja? Ja! Jaaa. Ja, ja. Hm? Hm. Gut. Ist doch schön!“ –, soll nicht die Kommunikationshysterie unserer Turbogesellschaft kritisiert, sondern nur eine lustige Alltagsbeobachtung ausgestellt werden. Im Programmheft wird betont, inhaltlich gehe es in „Schwindel“ um nichts.

Ein symbolträchtiges Bild

Sinn des Abends sei einzig, „dass es unterhaltsam ist“. Also schwindelig macht im Sinne einer Desorientierung, die an den von jeder Bedeutung befreiten Punkt führt, wo alles nur ist, was es scheint. Eine famose Voraussetzung für die pure Quatschoffensive. Die gelingt.

Obwohl Fritsch tatsächlich noch dem Nonsense-Konzept widerspricht und ein Schwindel-Symbolbild inszeniert. Zum Finale lassen die Ak­teu­r:in­nen den Drehwurm frei, rotieren sich mit einem Derwisch-Tanz an die Grenze des eigenen Körpergefühls, den Schwindel der Trance.

Im Vergleich mit früheren Fritsch-Arbeiten wirkt dieser Abend von der Lichtregie bis zur Improvisation weniger grell. Zudem sind Szenenfrequenz und Spieltempo nicht mehr der Raserei verdächtig. Auch ist der Zwang zur Überzeichnung gemildert. Überdies wird weniger rampensäuisch agiert, dafür ist das Bemühen größer, sich als Gruppe zu finden.

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googlen taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Ach, Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen sie doch duckduckgo oder ecosia.

„Schwindel“ ist eine prima teambildende Maßnahme für das neu zusammengestellte Ensemble. Dieses stärkt das Publikum mit guter Laune und frischem Lebensmut, sich heimfahrtwillig doch nochmal der Deutschen Bahn anzuvertrauen.

Nur noch 460 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare