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Heiß! Heiß! Baby?!

Die Rekordtemperaturen fordern Hunderte Opfer, Schulen und Kitas sind nicht mehr funktionsfähig. Die Fakten brennen auf der Haut. Wann begreifen wir, dass die Hitze nicht nur die Schwächsten trifft?

Von Ambros Waibel

Unwetter – das ist die Kategorie, mit der wir einer für unsere Breitengrade extremen Hitze begegnen müssen. Bei Unwetter ändern sich Routinen. Lang und liebevoll vorbereitete Feste werden abgesagt, Ausflüge verschoben, Kultur-Events gecancelt. Das ist für alle Beteiligten enttäuschend oder gar schmerzhaft. Doch die Verhältnisse, sie sind eben so.

Wenn der subjektive Eindruck nicht täuscht, dann sind die Leugner der Klimaverschlechterung, ob nun persönlich verdummt oder als putinsche Bots unterwegs, inzwischen etwas leiser geworden.

Wer etwa als Häuslebauer und/oder Selbstständiger nicht völlig ideologisiert ist und sich also gern ins eigene Fleisch und Portemonnaie schneidet, hat die Kombi von Isolierung, Wärmepumpe, Solar und Elektroauto längst umgesetzt oder ist dabei, die Aufträge und Anträge auszufüllen – auch in den AfD-Countries. Die Leute sind verhetzt, aber nicht blöd, die Fakten brennen auf der Haut.

Vielleicht hat die Eventisierung der Wettervorhersage ­ihren Höhepunkt erreicht oder überschritten. Es gibt ­Menschen, die keinen Zweifel daran haben, dass die einst für hiesige Verhältnisse ­unvorstellbaren 40 Grad erreicht werden, und die darüber aber nicht in Panik geraten, sondern sagen: Ich komme damit klar. Oder sogar: Ich freu mich drauf.

Zu ihnen gehören zwei Köche, die ich kenne. „Die zehn Tage im Jahr, die ich gesotten in der Küche stehe“, erzählte mir einer, „die genieße ich.“ Er ist ein guter Mensch und ein sehr guter Koch. Meine 87-jährige Mutter ist eine sehr gute Mutter. Sie sagt zur Hitzewelle: „Endlich friere ich mal nicht.“

Mir geht es da anders. Aber was meine Eigenverantwortung angeht, lassen sich die nächsten Tage mehr oder weniger problemlos durchstehen. Ich muss nicht auf der Straße leben, ich muss nicht körperlich arbeitend draußen unterwegs sein und werde mich eben unwettergerecht verhalten. Wer das als erwachsener Mensch nicht tut, handelt nach eigenem Vergnügen. So ist Risikovorsorge gedacht in einer Gesellschaft, die einem ja auch etwa das Recht lässt, sich mit 16 Jahren für ein paar Euro eine Alkoholvergiftung einzuschenken. Moralismus und Besserwissertum unter Erwachsenen sind privat unangenehm und politisch dumm.

Was wieder mal, ähnlich wie bei der Coronapandemie, verstört, ist die Weigerung, als Gesellschaft diejenigen schnell und konsequent zu schützen, die gern ab- und ausgrenzend die Schwächsten genannt werden. Dabei sind wir das alle. Wir alle waren mal Babys und Kinder, wir alle werden – hoffentlich – alt, viele von uns werden einmal pflegebedürftig sein. Fast jeder war schon mal ernsthaft krank, mehr als jeder Zweite in Deutschland leidet sogar unter einer chronischen Erkrankung. Und last but not least: Auch wir können in einem völlig überhitzen Knast landen.

Für „kritische Orte“ wie Krankenhäuser oder Altenpflegeheime, sagt der TU-Professor Daniel Fenner dem rbb, werde es ohne technische Lösungen, „auch Klimaanlagen“ nicht ­gehen. Zu diesen kritischen Orten gehören auch Kitas und Schulen. Wo ist hier der nationale Aktionsplan? Wo sind die Besuche von Spitzenpolitikern in den kochenden Klassenzimmern und neben den brodelnden Bettpfannen des Landes? Man kann sich gern wochenlang über Details der Renten- und Krankenversicherung streiten: Wenn dabei allerdings untergeht, dass Menschen durch die Klimaverschlechterung um ihre Chance auf ein besseres und längeres Leben gebracht werden, ist das politisches Versagen und emotionale Verrohung.

Nichts Neues unter der Sonne, könnte man mit Versen aus Robert Gernhardts Gedicht „Nachdem er durch Rom gegangen war“ sagen:

Arm klein, arm schwach

Reich groß, reich stark

Arm heiß, arm Krach

Wenn Menschen um ihre Chance auf ein besseres und längeres Leben gebracht werden, ist das politisches Versagen und emotionale Verrohung

Reich kühl, reich Park

Weiter sind wir anscheinend noch nicht gekommen. Um aus einem aktuellen Facebook-Post des römischen Schriftstellers und Lehrers Christian Raimo in Übersetzung zu zitieren: „Ich erhalte ständig Berichte von meinen Kollegen, die gerade die Abi­turprüfungen abhalten, über Schüler, die wegen der Hitze zusammengebrochen sind, über unerträgliche Bedingungen und über Erschöpfung, die zu sinnloser Qual geworden ist.“ Und er fordert dazu auf, die Hitze endlich zu politisieren.

In diesem Fall wäre es tatsächlich mal ein Zeichen von Widerstand, nichts zu tun; also im Schatten, im Freibad, am See zu chillen, anstatt sich auf einer Baustelle oder in einer Schule verkohlen zu lassen, ein „cooler Sommer“ anstatt eines „heißen Herbstes“, ein Bruch mit den Routinen, der bei jeder Art von Unwetter schlicht ein Gebot der Selbsterhaltung, immer öfter ­sogar des Überlebens ist.

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