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Heikle Situationen im TischtennisZufall und Matchball

Vom schmutzigen Trick zur höchsten Konzentration: Was plötzlich alles möglich ist und ausprobiert wird, wenn eine Niederlage droht.

S prechen wir einmal über etwas anderes, sprechen wir über Matchbälle. Neulich habe ich mir auf Youtube den Turnierverlauf von Angie Kerber hin zu ihrem ersten Triumph in Melbourne angesehen. Ich gebe zu, ich war Fan. Und ja, wir reden über Tennis, aber das ist ja, wie wir mit der Comicfigur Ali G mit Recht finden, auch nur „so eine Art beschissene Version von Tischtennis“.

Kerbers Spezialschlag war die hingekniete Vorhand aus bedrängter Lage, dazu war sie eine Kampfsau und holte die unmöglichsten Winkel aus ihrer Bratpfanne, wenn die Situation es erforderte. In der ersten Runde der Australian Open 2016 stand sie am Rande einer Niederlage, sie musste gegen die Japanerin Misaki Doi sogar einen Matchball abwehren. Doch am Ende gewann sie und in Folge das ganze Turnier. Aber es hätte auch anders laufen können und Angie Kerber hätte schon früh mit beiden Beinen im Flieger sitzen können.

Nun kommt es im Tischtennis nicht eben selten vor, dass man Matchbälle abwehren muss oder selber welche vergibt. Das ist im Wesentlichen der Umstellung der Zählweise im Jahre des Herren 2001 geschuldet. Zehn Tage vor dem 11. September war die Zählweise pro Satz bis 21 Geschichte, auch gegen manche Widerstände und offen geäußerten Missmut.

Nun weiß ich, das nach Vergabe von allerlei Matchbällen jedenfalls in meinem Fall keine Weltkarriere gefährdet ist. Aber besonders ältere Männer, die sonst nicht mehr viel zu verlieren haben, entwickeln beim Tischtennis auch in der Wiener Verbandsliga, Gruppe V, einen ziemlichen Ehrgeiz.

Die Physik des Zufalls

Und so ist das 2:3 nach Sätzen bei 2:0-Satzführung und zwei Sätzen in der Verlängerung und eine Handvoll Matchbällen in Satz 4 immer noch gefühlt die härteste Niederlage meiner Tischtennislaufbahn, erlitten in meiner ersten Saison nach 30 Jahren Vereinsabsenz. Obwohl ich inzwischen weiß, dass das gar nichts ist; denn gerade, wenn Spiele knapp sind, ist allerlei möglich, und selbst ein glattes 3:0 in Sätzen muss nicht bedeuten, dass das ein deutliches Spiel war: dreimal 11:9 ist eben auch knapp.

Ein Matchball bedeutet also nichts, es ist ein Punkt, der zu Ende gespielt werden muss, und es gibt zu viele Faktoren, als dass der eine Punkt total kontrolliert werden kann. Ein schönes Beispiel hat gerade Hugo Calderano, „the Thrill from Brazil“, geliefert. Im Halbfinale eines WTT-Turniers spielte er gegen den Japaner Yukiya Uda. Er gewann den ersten Satz relativ deutlich mit 11:5, verlor die nächsten beiden mit 15:17 und 12:14 inklusive Vergabe und Abwehr mehrerer Satzbälle, wehrte dann fünf Matchbälle in Satz 4 ab, den er „episch“ mit 21:19 gewann wie nach alter Zählung, und gewann schließlich den fünften relativ unknapp mit 11:8.

Ein anderes Beispiel lieferte mein Lieblingsspieler, der Schwede Truls Möregardh, neulich beim US Smash. Im Halbfinale lag er nach 3:1-Satzführung im entscheidenden Satz gegen den Russen Wladimir Sidorenko mit 2:9 hinten. Aussichtslos, sollte man meinen. Er fand ein Loch in seinem Belag, nahm sich die Zeit für einen gestatteten Schlägerwechsel und holte hernach plötzlich bis zum 10:10 auf. Ein bisschen schmutzig vielleicht, aber okay. Manchmal muss man andere Wege finden, wenn man gewinnen will.

Sidorenko jedoch blieb cool, machte irgendwie das 11:10 und holte das Match mit einem Kantenball. So ist Tischtennis. Matchball hin, sportpsychologischer Ansatz her, manchmal herrscht der blanke, gewaltige Zufall. Da kann man dann nichts machen.

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René Hamann

René Hamann Redakteur Die Wahrheit

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.
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