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Harvard-Professor Sven Beckert„Der Kapitalismus ist nicht der Zustand der Welt an sich“

Gegen den Kapitalismus hat es schon Revolutionen gegeben. Harvard-Professor Sven Beckert erklärt, wieso das Wirtschaftssystem selbst eine ist.

taz: Herr Beckert, um die Übel des Kapitalismus loszuwerden, schreibt Albert Einstein, gelte es, ein „sozialistisches Wirtschaftssystem“ zu etablieren und „ein Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert“. Wie stehen Sie zu einem solchen Gedanken?

Sven Beckert: Wichtig ist es, den Kapitalismus erst einmal zu verstehen, und das geht nur aus einer langen, historischen Perspektive. Wir sehen dabei zweierlei: Eines seiner Resultate ist die starke Steigerung der menschlichen Produktivität, die das Leben in vielen Regionen der Welt in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten charakterisiert hat. Und: Seine Geschichte geht mit Gewalt, Ausbeutung, Kolonialismus und Sklaverei einher.

Im Interview: Sven Beckert

geb. 1965, deutsch-US-amerikanischer Historiker, Professor an der Universität Harvard, Cambridge, USA, Autor des Buches „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ (Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-498-00591-7). Acht Jahre Arbeit sind in diesen Titel geflossen. Er zeichnet die Globalgeschichte eines Wirtschaftssystems nach, das tief in unser heutiges Leben eingreift.

taz: Sie analysieren den Kapitalismus als Globalphänomen. War unsere Sicht auf ihn bisher zu eng gefasst?

Beckert: Radikal. Wir können ihn nicht aus einer rein europäischen, nationalen oder biografischen Perspektive verstehen, oder indem wir nur über die Gegenwart nachdenken. Viele Wissenschaftler, Politiker und Ideologen haben dies versucht und haben dabei den Großteil der Welt in ihren Erzählungen marginalisiert. Dies hat zu großen Missverständnissen geführt. Um den Kapitalismus zu verstehen, müssen wir ihn in seiner globalen Gesamtheit erfassen. Nur so können wir uns selbst verorten und neu und kreativ über unsere Zukunft nachdenken.

taz: Der erste Satz Ihres Vorworts lautet: „Wir leben in einer Welt, die vom Kapitalismus geschaffen wurde.“ Kühn gesagt, oder?

Beckert: Wenn wir die Menschheitsgeschichte betrachten, ist er eine relativ neue Erfindung; gesellschaftsprägend ist er erst seit den letzten 500 Jahren. Heute jedoch sind die größten Kontexte unserer Welt von ihm geprägt und auch einige der intimsten Bereiche unseres Lebens. Zugleich müssen wir uns bewusst machen: Der Kapitalismus ist nicht der Zustand der Welt an sich.

taz: Sie sprechen vom Kapitalismus als von einer „Revolution“. Nicht jede Revolution ist also ein Akt der Unterbrechung?

Beckert: Die Logik, der der Kapitalismus unterliegt, ist revolutionär anders als das Wirtschaftsleben der Menschheit davor, von der feudal organisierten bis zur Subsistenzökonomie, und sie ist radikal anders als die Wirtschaftsweise, die wir in vielen Bereichen der Welt noch vor 50 oder 100 Jahren beobachten konnten. Das ist ein langer Prozess, der noch im Entstehen ist; wir können die Geburt des Kapitalismus auch heute noch beobachten. Und er ist langsam, weil er so radikal ist, dass er auf enormen Widerstand gestoßen ist.

taz: Was ist Kapitalismus? Die Kommerzialisierung des Lebens, die Macht des Marktes über Staat und Zusammenleben?

Beckert: Das wäre zu verkürzt. Handel und Kommerz haben in allen menschlichen Gesellschaften existiert. Das Alleinstellungsmerkmal des Kapitalismus ist, dass privates Kapital produktiv investiert wird, um weiteres Kapital zu erzeugen.

Lesung und Gespräch

„Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ mit Autor Sven Beckert, 16. Juli, 19 Uhr, MARKK – Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt, Hamburg

taz: In Ihren Kapitelüberschriften finden sich Wendungen wie „Der Ritt auf dem Tiger“ und „Zeit der Monster“. Auf welche LeserInnen zielen Sie?

Beckert: Auf die Vielen, die sich über den Kapitalismus Gedanken machen, mit großen Hoffnungen oder Sorgen. Um das Buch zu lesen, muss man nicht aus der Geschichts- oder der Wirtschaftswissenschaft kommen. Das Buch ist für alle Leserinnen geschrieben, die verstehen wollen, wie die Welt, in der wir heute leben, entstanden ist. Und es zeigt: Der Kapitalismus kann seine Form ändern, hat das schon oft getan; er ist undogmatisch. Aber wir können die Zukunft nur gestalten, indem wir verstehen, woher wir kommen.

taz: Manchen gilt der Kapitalismus als Heilsbringer, manchen als Feindbild.

Beckert: Egal ob wir ihn lieben oder hassen: Es ist extrem wichtig, ihn erst einmal zu verstehen.

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3 Kommentare

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  • Kapitalismus wird auf Dauer zur Zerstörung der Gesellschaft und sich selbst führen, wenn die Ungleichheit immer größer wird. Das kann man im Augenblick beobachten. Denn dass in westliche Demokratien Rechtsextremismus immer stärker wird, liegt im Endeffekt an der immer größeren Ungleichheit. Bis zu dem Punkt, an dem immer Menschen unzufrieden mit der Gegenwart sind und Angst vor der Zukunft haben.

    Ein "einfacher" Weg, zu große Ungleichheit zu verhindern, würde darin liegen, dass ein Defizit des Haushaltes größer als 3% zwangsweise ausgeglichen werden muss durch eine höhere Besteuerung von Milliardären und Superreichen (also Personen mit mehr als 100 Mio. $ Finanzvermögen).



    Das würde selbst im Augenblick nicht dazu führen, dass Milliardäre und Superreiche ärmer würden. Sie würden nur etwas langsamer reicher. Und das würde die Gesellschaften und die Demokratien stabilisieren.

  • "Seine Geschichte geht mit Gewalt, Ausbeutung, Kolonialismus und Sklaverei einher."

    Daran hat sich doch bis heute nichts geändert.

    Selbst aktuelle Versuche den Kapitalismus zu "verbessern" sind zum Scheitern verurteilt:



    "Der „Bewusste Kapitalismus“ (Conscious Capitalism) scheitert in der heutigen Praxis oft an strukturellen Widersprüchen. Kritiker bemängeln, dass er systemische Probleme wie globale Ungleichheit, Ausbeutung und Ressourcenverschwendung nicht löst, sondern durch „Purpose“-Marketing lediglich kaschiert und so unternehmerische Verantwortung zu einer reinen PR-Maßnahme verharmlost."

  • Seine Mühe trug Früchte auf mehr als 1200 Seiten.



    Ein ausgesprochen umfangreiches Opus.



    Seine Thesen wären in einem Streitgespräch u.a. mit Ulrike Herrmann sehr gut aufgehoben.



    Die Entgrenzung von Kapitalismus und Neoliberalismus sind in der derzeitigen Form nicht denkbar ohne die Zutaten Gier und Gewalt (vice versa), weshalb Krieg, als Krankheit betrachtet, auch auf den Kapitalismus rekurriert.



    Im militärisch-industriellen und im militärisch-informationellen Komplex zeigt sich diese neue Missgeburt einer Wirtschaft, die (auch) tötet, wenn sie nicht bald eingehegt wird, vielleicht terminal ad finem. Ulrike Herrmann empfahl Analogien zur britischen Kriegswissenschaft im WK II. Das war schon !eine Alternative.



    www.attac.at/filea...die_Wirtschaft.pdf



    Wer glaubt, das System der Macht durch Kapital lässt sich von innen therapieren, ist nach meiner Meinung schief gewickelt.



    Eigentlich lernen Menschen bevorzugt aus Schaden, der klug macht.



    Die superreichen Oligarchen werden vielleicht kurz vor dem Chaos die Erde verlassen, natürlich nicht in den Himmel, sondern im Raumschiff.



    Wissen ist genug verfügbar...