Hamburgs neue Antisemitismusbeauftragte: Hoffnung auf einen Neuanfang
Anna von Villiez ist neue Antisemitismusbeauftragte in Hamburg. Sie will mit Bildung und digitaler Aufklärung den Antisemitismus messbar bekämpfen.
Foto: Katrin Luxenburger/dpa
Hamburgs Gleichstellungssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) hat am Dienst die neue Antisemitismusbeauftragte der Stadt vorgestellt: die Historikerin Anna von Villiez, die seit 2018 die Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule im Hamburger Karolinenviertel leitet.
Ihr Ziel sei es, „den Antisemitismus langfristig und messbar zurückzudrängen“, sagte von Villiez im Rathaus. Sie wolle bei der Bekämpfung früh ansetzen und deshalb vor allem auf das Bildungssystem einwirken; sie wolle gemeinsam mit den Antisemitismusbeauftragten der anderen Bundesländer gegen digitalen Antisemitismus vorgehen, dem junge Menschen in besonderem Maße ausgesetzt seien. Und sie wolle das jüdische Leben in der Stadt sichtbarer machen.
Ihrem Amtsvorgänger Stefan Hensel zollte von Villiez „großen Respekt“. Hensel war zum Oktober vergangenen Jahres zurückgetreten, nachdem ein unterlegener Bewerber erfolgreich gegen seine erneute Bestellung durch den Senat geklagt hatte. Hintergrund ist ein Streit zwischen verschiedenen Fraktionen des Judentums in Hamburg.
Zum einen gibt es die eher orthodox ausgerichtete Jüdische Gemeinde Hamburg, die den Anspruch erhebt, alle jüdischen Gemeinden der Stadt zu vertreten. Mit ihr hat die Stadt wie mit den Repräsentanten anderer religiöser Gemeinden einen Staatsvertrag geschlossen. Zum anderen gibt es den Israelitischen Tempelverband, der sich als Vertreter des progressiven Judentums versteht sowie als Rechtsnachfolger der jüdischen Vorkriegsgemeinde.
„Tiefe Enttäuschung“ der progressiven Juden
Der Tempelverband hatte Hensel vorgeworfen, voreingenommen zu sein und vor allem die Interessen der Jüdischen Gemeinde zu vertreten. Dem Tempelverband gegenüber sei Hensel „feindlich gesinnt“, wie es dessen stellvertretender Vorsitzender Eike Steinig ausdrückte. Hensel habe den Tempelverband mehrfach ausgegrenzt, indem er diesen nicht zu Veranstaltungen eingeladen habe.
„Die vergangenen Jahre haben bei vielen progressiven Jüdinnen und Juden in Hamburg tiefe Enttäuschung und einen Vertrauensverlust hinterlassen“, schrieb der Tempelverband an Villiez anlässlich ihrer Bestellung. Man habe den Eindruck gewonnen, dass das progressive Judentum nicht immer als gleichberechtigter Teil des jüdischen Lebens in Hamburg wahrgenommen und behandelt wurden. „Wir wünschen uns eine Amtsführung, die die religiöse und institutionelle Vielfalt des Judentums in Hamburg anerkennt.“
Von Villiez hat sich bereits mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde getroffen. Ein Gespräch mit Vertretern des Israelitischen Tempelverbandes sei bereits terminiert. „Meine Tür steht offen“, versicherte sie, auf das Verhältnis zum Tempelverband angesprochen.
Erinnerungsorte verzögern sich
Zum Wiederaufbau der zweitältesten liberalen Synagoge weltweit, des Israelitischen Tempels von 1817 in der Poolstraße, wollte sich von Villiez nicht festlegen. Der Wiederaufbau sei verknüpft mit der ungeklärten Frage der Rechtsnachfolge. Die Ruine habe aber „eine Bedeutung, die die Stadt lange nicht erkannt hat“. Das gelte auch für die jüdischen Friedhöfe der Stadt.
Der Senat hat die Tempelruine 2020 erworben und will sie als Erinnerungsort erhalten. Zurzeit ist dort ein Rundgang möglich, bei dem man sich mithilfe eines QR-Codes virtuell orientieren kann. Die Ruine zu erhalten, sei „extrem wichtig“, sagte von Villiez.
Sie verwies bei der Gelegenheit auf eine andere Baustelle der Hamburger Erinnerungspolitik: den ehemaligen Hannoverschen Bahnhof, von dem aus Juden sowie Sinti und Roma in die Vernichtungslager deportiert wurden. Der Bau eines Dokumentationszentrums an diesem Ort verzögert sich, weil der Investor, der es stiften sollte, sich mit dem Senat streitet.
Von Villiez hat am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gearbeitet sowie an der Arbeitsstelle für Provenienzforschung der Hamburger Staatsbibliothek. Von 2007 bis 2011 leitete sie in Oxford ein Forschungsprojekt zu den Opfern medizinischer Experimente im Nationalsozialismus.
Absage von DJ-Auftritt gefordert
Ihre erste Stellungnahme im neuen Amt befasste sich mit dem Auftritt der Techno-DJ Sama' Abdulhadi beim Habitat-Festival am vergangenen Wochenende. Abdulhadi hat sich bereits vor zwei Jahren, am ersten Jahrestag des 7. Oktober, zu dem Angriff der Hamas auf Israel geäußert. Sie trat eine Welle der Empörung los, weil sie sich nicht vom menschenverachtenden Charakter dieses Überfalls distanzierte.
Von Villiez forderte die Veranstalter der Habitat-Festivals auf, den Auftritt von Abdulhadi abzusagen. „Der systematische Einsatz schwerer sexualisierter Gewalt und der Mord an Hunderten Menschen sind keine Form des Widerstands, sondern ein Verbrechen – diese Umdeutung verhöhnt die Opfer und ihre Angehörigen“, sagte sie der taz.
Das Festival habe mit kollektiver Weltflucht geworben, sagte sie im Rathaus, zugleich aber solch einer Position eine Bühne geboten. Sie frage sich, was das mit jungen jüdischen Menschen mache, die auch die kollektive Weltflucht suchten.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert