Hamburger jüdische Initiative Mit2wo: Raus aus der Trauerecke
Konstruktiv und ausdrücklich offen in alle Richtungen: Der Hamburger jüdische Kulturverein Mit2wo setzt auf Dialog und Bündnisfähigkeit.
Man musste es beinahe als Kommentar verstehen. Als der jüdische Kulturverein Mit2wo am Dienstagvormittag zum Gespräch ins Hamburger Schanzenviertel bat, da näherte sich anderswo in der Stadt gerade ein Rechtsstreit zwischen zwei jüdischen Gemeinden seinem Ende. Dass jüdische Menschen in Deutschland allzu oft als zerstritten und rechthaberisch wahrgenommen würden, das zu ändern, war 2022 sozusagen die Gründungsidee des Vereins.
An Peggy Parnass erinnerte nun zum Auftakt der Vereinsvorsitzende Giorgio Paolo Mastropaolo: „Was können wir tun?“, habe ihn die Autorin, Schauspielerin und Gerichtsreporterin, selbst Shoa-Überlebende, einmal gefragt. Ganz konkret: „Du und ich, was können wir tun?“ Das war durchaus auf den sich zunehmend offen zeigenden Antisemitismus bezogen. Den redeten auch jetzt weder Mastropaolo klein noch der neben ihm sitzende Michael Batz, ehrenamtliches Mitglied des Vereinsvorstands.
Der Hamburger, dessen Aktivitäten mit „Lichtkünstler“ kaum zureichend beschrieben sind, arbeitet seit Jahrzehnten immer wieder zu historischen Themen, das heißt, auch immer wieder zur planmäßigen Ermordung von Europas Jüdinnen und Juden. Dass dieses Thema Raum brauche, die Erinnerung daran sowie die Mahnung, daran möchte hier gar niemand rühren, das zeigte sich bei dem Pressetermin.
Nicht nur in der Vergangenheit leben
Und doch ging es den drei Einladenden – es moderierte der Publizist und Kommunikationsexperte Michel Rodzynek – um mehr: 80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus lebten viele Jüdinnen und Juden noch immer in der Vergangenheit, heißt es in einer Erklärung des Vereins Mit2wo. Und „anders als in vielen europäischen Ländern“ täten jüdische Menschen sich „schwer“ mit der Integration „in ihre Wahlheimat“ – selbst die hier Geborenen „scheuen ein uneingeschränktes Bekenntnis zu ihrem Land“.
Das klingt anders als etwa in den jahrelang vorhersagbar angestimmten Samstagsreden übers wieder erblühende jüdische Leben und die Bereicherung, die es darstelle für alle Deutschen. Eine Lösung liefert der Verein aber auch: Es mangele den jüdischen Gemeinden an „Identitätskonzepten“, die „ein neues und zeitgerechtes Bewusstsein“ bei ihren Mitgliedern erzeugen könnten.
Statt also, wenn auch aus erklärbaren Gründen, einzig die akute antisemitische Bedrohungslage zur Kenntnis zu nehmen, wirbt Mit2wo dafür, sich gegen „jede Form der Diskriminierung“ zu positionieren. Der Verein setzt sich für Solidarität, „grundsätzlich mit allen betroffenen Gruppierungen“ ein. Bündnisfähigkeit und der Einsatz für alle, die ihrer Hilfe bedurften, das waren bis zuletzt Eigenschaften der 2025 verstorbenen Peggy Parnass. Die habe ihn etwa sensibilisiert für das Leid von Sinti und Roma, erzählte Mastropaolo beim Pressetermin.
Die Geschichte anderer wahrzunehmen, mitzufühlen ohne Angst, sich selbst oder der eigenen Gruppe etwas wegzunehmen, das scheint zentral für den jünger wirkenden 53-jährigen Mastropaolo, der mit Nylonblouson und Vollbart nicht weiter auffallen würde im Schanzenpublikum draußen vor der Tür. Er erzählte von der Begegnung mit einem Mädchen mit familiären Wurzeln in Gaza – nach dem 7. Oktober 2023. Hätte sie ihn, den Juden, zunächst für alles Leid dort verantwortlich gemacht, sei er später, beim Verlassen des Raums, von ihr abgepasst worden, und sie habe sich dafür bedankt, etwas gelernt zu haben.
Zu Gast in Schulen – und bei der Polizei
Zugetragen hat sich die Anekdote im Rahmen der „Mit2wo-Akademie“: Immer wieder besuchen Mastropaolo und andere aus dem Verein Hamburger Schulen, auch bei der Polizei ist man regelmäßig zu Gast. Dabei geht es darum, Wissenslücken zu schließen - oder wenigstens kleiner zu machen. Für Mastropaolo – darin wiederum Parnass folgend – steht hinter antijüdischem Ressentiment oftmals schlicht fehlendes Wissen.
Bei aller Distanz zu anderen, auch etablierteren jüdischen Organisationen und den beiden Gemeinden in Hamburg, ganz unter dem Radar bleibt das Engagement des Vereins nicht. Man ist dabei, wenn einmal im Jahr ehemalige, verjagte oder geflohene, Hamburger:innen ihre alte Heimatstadt besuchen kommen. Ein Buch mit Texten Peggy Parnass' haben Mastropaolo und Batz auch schon gemeinsam herausgegeben.
Weiteres sichtbares Zeichen der Aktivitäten ist eine Alsterdampferfahrt, gewidmet dem jüdischen Fest Chanukka – und dem christlichen Weihnachtsfest. Wenn dieses Ende November, am 29., wieder gefeiert wird, wird einmal mehr Michael Batz für die Beleuchtung sorgen. An Bord eines Alsterdampfers stellt dann die "Praxis ohne Grenzen" ihre Arbeit vor - auch so eine Einrichtung, die erklärtermaßen allen hilft, die daran Bedarf haben.
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