piwik no script img

Hamburger Bewerbung für ParalympicsMit Erpressung zu mehr Barrierefreiheit

Hamburg verspricht, Olympia zu nutzen, um zur „barriereärmsten Metropole Deutschlands“ zu werden. Behindertenvertreter ärgert diese Argumentation.

Hans-Jürgen Rehder kennt Olympische Spiele wie nur die wenigsten: Der Hamburger, der mit der Glasknochenkrankheit geboren wurde und im Rollstuhl sitzt, nahm 1988 am paralympischen Wettbewerb in Seoul teil und gewann die Bronzemedaille im Tischtennis-Doppel. Trotzdem ist der 74-Jährige kein Fan der Hamburger Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele in den 2030er oder 2040er Jahren.

Dabei will Hamburg die Spiele nutzen, um zur „barriereärmsten Metropole Deutschlands“ zu werden, verspricht die Stadt in ihrer offiziellen Kampagne. Doch genau diese Argumentation ärgert Menschen mit Behinderung.

„Paralympics sind kein Zusatz, sondern Kern des Hamburger Konzepts“, heißt es auf der Homepage der offiziellen Kampagne der Stadt. „Kein anderes Ereignis weltweit trägt mehr zur Inklusion bei als die Paralympischen Spiele.“

Geradezu „verwerflich“ nennt Rehder, der sich als Vorsitzender des Inklusionsbeirats Eimsbüttel engagiert, diese Aussage. „In der aktuellen Politik findet Inklusion bestenfalls am Rand des Bildschirms statt. Jetzt wird es in den Vordergrund geschoben, um moralischen Druck zu machen, damit die Leute für Olympia stimmen. In meinen Augen ist das eine Form von Erpressung.“

Wenn suggeriert wird, dass ohne Olympia keine Fortschritte möglich sind, entsteht ein moralischer Druck: Wer gegen Olympia ist, ist gegen Inklusion. Das ist politisch geschickt – aber inhaltlich fragwürdig.

Siegfried Saerberg, Soziologe, forscht an der Uni Münster zu Menschenrechten und Behinderung in modernen Gesellschaften

Ähnlich sagt es Siegfried Saerberg, der als Soziologe und ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Zentrums für Disability Studies (ZeDiS) und heutiger Senior Fellow der Uni Münster zu Menschenrechten und Behinderung in modernen Gesellschaften forscht. „Wenn suggeriert wird, dass ohne Olympia keine Fortschritte möglich sind, entsteht ein moralischer Druck: Wer gegen Olympia ist, ist gegen Inklusion. Das ist politisch geschickt – aber inhaltlich fragwürdig.“

Denn „um die barriereärmste Metropole Deutschlands zu werden, braucht es keine Olympiabewerbung“, ergänzt Jürgen Homann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im ZeDis. Schließlich gilt für ganz Deutschland, damit auch für Hamburg, die UN‑Behindertenrechtskonvention, die die Bundesregierung im Jahr 2009 anerkannt und damit in deutsches Recht überführt hat.

Dieses „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ sei „kein Wunschkatalog, sondern eine völkerrechtlich verbindliche Menschenrechtskonvention“, so Homann, der eine Hörbehinderung hat.

Hans-Jürgen Rehder hält zudem das versprochene Plus an Inklusion für ein „Scheinargument“. Dass Paris, dessen Sommerspiele 2024 als besonders gelungen galten, hinterher wirklich barrierefreier geworden sei, sei nicht bewiesen. Zwar wurden dort viele Metro-Stationen umgestaltet – Hamburgs U- und S-Bahnen haben diesen barrierefreien Umbau bereits weitgehend geschafft. „Das ist ein Fortschritt, wenn auch nichts, worauf die Stadt sich ausruhen darf“, sagt Rehder.

Hamburg sei mit der Umsetzung der UN‑Behindertenrechtskonvention im Rückstand, sagt Jürgen Homann. Die Stadt erstellt regelmäßig „Landesaktionspläne“, in denen die Maßnahmen zur Inklusion aufgeführt sind.

Globales Schaufenster für Trennung

Ein parallel dazu erstellter Schattenbericht, an dem Siegfried Saerberg mitgewirkt hat, dokumentiert, wo „Maßnahmen zum Abbau von Barrieren, zur Verbesserung von Assistenz, zu inklusiver Bildung, Arbeit und Mobilität mit Verweis auf knappe Kassen verschoben oder kleingespart wurden“, so Homann. Das betrifft übrigens auch das ZeDis selbst, dessen Förderung Ende 2025 eingestellt wurde.

Auf die Frage, was Hamburg zuerst anpacken sollte, um damit möglichst vielen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden, lacht Rehder auf: „Eigentlich hapert es überall.“

Er nennt die freie Schulwahl für Kinder mit Beeinträchtigungen, die nicht gewährleistet sei. Auch sei selten daran gedacht, dass die Hürden je nach Behinderung unterschiedlich seien. „Ich als Rollstuhlfahrer freue mich, wenn Abgrenzungen verschwinden, aber Blinde brauchen genau das.“ Bei Gesprächen mit der Verwaltung sei teilweise von „barrierearm“ die Rede. Unmöglich, findet Rehder: „Entweder ist etwas barrierefrei oder nicht.“

Saerberg, der selbst eine Sehbehinderung hat, sagt dazu: „Uns geht es um Zugangsreichtum, nicht Barrierearmut!“ Etwa bei Freizeit und Breitensport brauche es „Schwimmbäder mit Rampen, Bälle mit Luft und Mitspielmöglichkeiten in unserer Nähe“.

Es fehle an barrierefreiem und bezahlbarem Wohnraum, einem Zugang zu Bildung und Arbeit, an Assistenzleistungen und bei der Partizipation der Selbstvertretung. Vor diesem Hintergrund „wirken die Paralympics weniger wie ein Inklusionsmotor, sondern eher wie ein globales Schaufenster für Trennung“, kritisiert Saerberg.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 390 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Ich verstehe sowieso nicht, warum es immer noch eine besondere Olympiade für bestimmte Menschen gibt.



    EINE Olympiade für ALLE muss doch die Forderung sein.



    Das Wettkämpfe dabei dann in bestimmten Gruppen stattfinden, ist doch (auch jetzt schon) selbstverständlich.

    • @Kay Brockmann:

      So habe ich das bislang gar nicht gesehen. Es ist jedoch völlig richtig.