Hamburg verliert Bäume: Die schüttere Grüne

Hamburg zählt sich zu den grünsten Städten Deutschlands. Gerecht wurde man diesem Anspruch in den vergangenen Jahren kaum.

Baum vor einem Gebäude, davor fahren Autos vorbeit

Feindliche Umgebung: Straßenbaum in Hamburg Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Die „grüne Metropole am Wasser“ – so die Hamburger Eigenwerbung – ist etwas schütter geworden. Fast jeder zehnte Straßenbaum ist in den vergangenen 15 Jahren abhanden gekommen. Zwar scheint dieser Schwund seit Kurzem gestoppt zu sein, doch aus Sicht des Naturschutzbundes Nabu reicht das nicht. Neben dem Wiederaufbau dieses Bestandes fordert er, dass der Senat Klarheit darüber schafft, wie die Baumbilanz auf öffentlichen Grünflächen und Privatgrundstücken aussieht – denn die ist recht lückenhaft.

„Die Bedeutung der Bäume für das Hamburger Stadtklima oder die Artenvielfalt ist politisch unbestritten“, sagt der Nabu-Landesvorsitzende Malte Siegert. Bäume binden Kohlendioxid (CO2) und dämpfen so den Treibhauseffekt; sie erfrischen die Luft, kühlen, spenden Schatten und geben einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Heimat.

Sollen irgendwo Bäume fallen, regt sich zuverlässig Protest in der Nachbarschaft. In parlamentarischen Anfragen ist insbesondere der Bestand an Straßenbäumen ein Lieblingsthema aller Oppositionsparteien. Doch trotz alledem und trotz gegenteiliger Versprechen haben es sich die wechselnden Senate geleistet, den Bestand immer weiter schrumpfen zu lassen. Erst Rot-Grün hat den Trend von 2017 auf 2018 umgekehrt.

Das sei eine wirklich gute Nachricht und setze den „Zahlenspielereien der Opposition“ ein Ende, die immer wieder behaupte, Hamburg würde auf dramatische Weise Bäume verlieren, sagt die Bürgerschaftsabgeordnete Ulrike Sparr (Grüne). Aber eines sei auch klar: „Es ist in der Tat anspruchsvoll, unter den widrigen Bedingungen der Stadt – Flächenkonkurrenzen, Trockenstress, Windwurf – immer wieder neue Pflanzstandorte zu finden.“

Jeder einzelne Baum erfasst

Für Straßenbäume gibt es in Hamburg ein Kataster, in dem jeder einzelne Baum verzeichnet ist nach Art, Größe, teilweise auch seinem Gesundheitszustand und in Einzelfällen auch seiner Geschichte. Das gibt einen einzigartigen Überblick über diesen Baumbestand, der sich gegen so widrige Umstände behaupten muss wie ins Erdreich sickerndes Streusalz und Seifenlauge, literweise Hunde­urin oder das Gewicht von Baumaschinen.

Einen weniger guten Überblick gibt es über die Bäume im Parks und öffentlichen Grünanlagen. Nur die Bezirke Nord, Wandsbek und Harburg führen Statistiken dazu, wie viele Bäume dort gefällt und nachgepflanzt werden. In den Jahren 2015 bis 2019 pflanzen die drei Bezirke im Durchschnitt gut 400 Bäume weniger nach als sie fällten.

Allerdings gab der Senat auf Anfrage des CDU-Abgeordneten Sandro Kappe zu Bedenken, eine solche Statistik sei wenig aussagekräftig: „Es werden hierbei weder der natürliche Zuwachs noch erforderliche Fällungen zur Bestandspflege wie Entnahme bei Dichtständen, ‚auf den Stock setzen‘ von knickartigen Strukturen oder die Entnahme invasiver Arten hinreichend berücksichtigt.“ Außerdem fielen Bäume mit einem Stammdurchmesser von unter 25 Zentimetern sowie die Fällungen durch Dritte unter den Tisch.

Trotzdem fordert der Nabu, auch hier genau hinzuschauen. Schließlich gehe es um schätzungsweise 600.000 Bäume. „Es fehlt an einer, vom Nabu seit Jahren geforderten, einheitlichen und transparenten Statistik“, sagt der Landesvorsitzende Malte Siegert.

Ähnlich unklar sei, was sich auf den Privatgrundstücken abspiele, auf denen mit schätzungsweise einer Million die meisten Bäume stünden. Nur für die Bezirke Mitte, Altona, Nord und Harburg lassen sich die Fällgenehmigungen gegen die geforderten Nachpflanzungen aufrechnen.

Katharina Schmidt, Nabu

„Die tatsächlichen Baumverluste sind unklar, weil die Nachpflanzungen nur stichprobenartig überprüft werden“

Unterm Strich aller vier Bezirke wurden 600 Bäume mehr nachgepflanzt als gefällt. Das liegt allerdings an Altona, wo doppelt so viele nachgepflanzt als gefällt wurden. Dabei sollte jeder gefällte Baum eigentlich durch mehrere neue ersetzt werden – schließlich dauert es Jahre, bis ein junger Baum wieder die ökologische Leistung eines alten erbringt.

„Die tatsächlichen Baumverluste sind unklar, denn die Nachpflanzungen werden nur stichprobenartig überprüft“, moniert Katharina Schmidt, Baumschutzexpertin beim Nabu. Der schleichende und unüberschaubare Grünverlust könne nur grob geschätzt werden. Deshalb fordert der Nabu, auch die Zahlen zu Fällgenehmigungen und Ersatzpflanzungen bei Privatbäumen ebenfalls für die Öffentlichkeit transparent zu machen.

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