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Hamburg kommt mit Winter nicht klarGottergeben im Schneechaos

Gernot Knödler

Kommentar von

Gernot Knödler

Hamburg zeigt sich unfähig, mit Schnee umzugehen. Es drohen Unfälle und Knochenbrüche wie vor 15 Jahren. Und die Stadt? Appelliert an die Solidarität.

Geht auch auf schneebedeckter Fahrbahn, ist dann aber echt gefährlich: Rad fahren Foto: Sven Hoppe/dpa

I n Hamburg hat es geschneit. Das sieht schön aus und kommt selten vor, vor allem in der aktuellen Menge. 25 Zentimeter waren es bestimmt. Vor 15 Jahren, als es zum letzten Mal ähnlich viel schneite, hatte das zur Folge, dass man sich in der Stadt zehn Wochen lang nicht mehr risikolos bewegen konnte.

Auf den Fuß- und Radwegen bildeten sich dicke Eispanzer, auf denen sich die Passanten die Beine brachen; in den Parkbuchten entstanden tiefe Wannen, in die man mit dem Auto hineinrutschte. Der Senat gelobte damals Besserung. Doch gerade sieht es so aus, als würde den Hamburgern wieder Gleiches blühen.

„Winterdienst im Dauereinsatz“, meldet die Hamburger Stadtreinigung. „Mit 728 Einsatzkräften und 360 Fahrzeugen räumt und streut das #TeamOrange wichtige Hauptverkehrsstraßen und Strecken mit Buslinienverkehr, Verbindungsstrecken zwischen diesen Straßen, ein ausgewähltes Radwegenetz, Busbuchten, anliegerfreie Gehwegstrecken, Bushaltestellen und Fußgängerüberwege (‚Zebrastreifen‘).“

Besonders viel ist davon nicht zu merken. In der Tat: Die Hauptverkehrsstraßen sind frei, aber nicht zuletzt deshalb, weil sie von den vielen Autos und Bussen frei gefahren werden. Das ist schon mal besser als im niedersächsischen Oldenburg: Da wurde der Busverkehr am Wochenende einfach eingestellt.

Über die wichtigen Radwege in Hamburg scheinen die Räumfahrzeuge einmal rübergefahren zu sein. Dass es zwischenzeitlich wieder geschneit hat, wurde ignoriert. Wo die Räumtrupps stattdessen unterwegs waren, weiß der Himmel.

Barriere am Zebrastreifen

An vielen Bushaltestellen jedenfalls nicht. Dort stehen die Wartenden im Schnee. Und was die Fußgängerüberwege anbelangt: Ja, auf der Fahrbahn sind sie frei. Aber um dorthin zu gelangen, müssen die Leute durch knöcheltiefen Matsch stapfen. Sollen sich Gebrechliche mit ihrem Rollator da etwa hinübertragen lassen?

Hamburgs Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) weist darauf hin, dass es beim Winterdienst eine Arbeitsteilung gebe: „Die Stadt kümmert sich um große Verkehrsstraßen, die Anliegerinnen und Anlieger sorgen für sichere Gehwege.“ Fegebank appelliert an die „gelebte Solidarität“ der Eigentümer, ihre Verantwortung für das Schneeräumen wahrzunehmen. Doch die ist die Ausnahme.

Während Eigenheimbesitzer aus Angst davor, in Haftung genommen zu werden, eifrig Schnee schieben und Eisplatten entfernen, scheren sich viele Wohnungsunternehmen und institutionelle Eigentümer einen vereisten Matsch um ihre Verkehrssicherungspflicht.

Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) erinnert daran, dass der Stadt auch eine Peitsche zur Verfügung steht: Wer seiner Räumpflicht in schwerwiegender Weise nicht nachkomme, der müsse „unter Umständen mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro rechnen“. Die Wegewarte der Bezirke seien in der ganzen Stadt unterwegs, um Verstöße festzustellen.

Eigentümer in die Spur schicken

Hoffentlich sind sie schon aus dem Weihnachtsurlaub zurück, die Wegewarte. Dann könnten sie rechtzeitig vor dem Wochenende, an dem der nächste Schnee angekündigt ist, ein paar Eigentümer in die Spur schicken.

Am Wochenende soll es nicht nur schneien, sondern auch deutliche Minusgrade geben.

Diesmal soll es nicht nur schneien, sondern auch deutliche Minusgrade geben. Aus dem plattgefahrenen Schnee werden dann Eisplatten und die Matschhaufen mit den Fußstapfen darin werden zu einer Art Karstlandschaft.

All das ist absehbar. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, wie der Dichter Friedrich Hölderlin sagt. Hoffnung macht in dieser Hinsicht die Pressemitteilung eines Hamburger Start-ups, das eine Fußbodenheizung für Auffahrten und Gehwege anbietet und „nie wieder Schnee schippen“ verspricht. Von der Umweltbilanz her sei das „viel besser, als viele denken“.

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Gernot Knödler
Hamburg-Redakteur
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