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Grusel in Berlin-MitteSchlafen unter der Fahne Nordkoreas

In bester Lage steht auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft ein Gebäude leer. Bis zur Pandemie war hier ein Hostel untergebracht.

Wer will hier schlafen? Foto: Jeong Hwa Min

Berlin taz | Hinter einem der Fenster sieht man stapelweise ausrangierte Matratzen. Ansonsten versperren zugezogene Vorhänge den Blick. Nur irgendwo ganz oben steht ein einzelnes Fenster offen. Vielleicht ist in diesem Zimmer dem sich über Jahre hinweg eingeschlichenen Hostelmief anders nicht mehr beizukommen.

Dabei ist das Gebäude, ein riesiger Plattenbau in bester Lage in Berlin und nur ein paar Gehminuten vom Brandenburger Tor entfernt, seit zweieinhalb Jahren gar keine Touristenabsteige mehr. Das City Hostel Berlin wurde mit dem Corona-Ausbruch geschlossen.

Unterstützung fürs Atomprogramm

Allerdings hatte die Schließung weniger etwas mit der Pandemie zu tun: Die Bettenburg in Berlin finanzierte mutmaßlich das nordkoreanische Atomprogramm mit, denn sie befand sich mitten auf dem Grundstück der nordkoreanischen Botschaft. Der Pächter, der 435 Betten an Traveller und Low-Budget-Reisende anbot, überwies monatlich um die 40.000 Euro an die Botschaft. Die leitete das Geld wohl direkt weiter nach Pjöngjang.

Nach der Wiedervereinigung war die Botschaft, die nur zur DDR, nicht aber zur alten BRD diplomatische Beziehungen unterhielt, erst einmal geschlossen worden. Seit der Neueröffnung Anfang der Nullerjahre ging es los mit dem Hostel, doch jahrelang interessierte sich dafür eigentlich niemand.

Erst vor ein paar Jahren, seit der Verschärfung der UN-Sanktionen gegen Nordkorea wegen dessen immer aggressiveren Atomprogramms, schauten sich die deutschen Behörden das Treiben auf dem Botschaftsgelände genauer an. Was gar nicht so einfach war, schließlich ist es nordkoreanisches Hoheitsgebiet. Trotzdem fanden sie einen Weg, die Schließung anzuordnen, die nach einem längeren Rechtsstreit auch durchgesetzt wurde.

Großer Führer im Schaukasten

Steht man nun vor der „Botschaft der Demokratischen Republik Korea“, wie es am Eingang heißt, und die verschlossen ist, fühlt sich das schon ein wenig gespenstisch an. Das Gelände wirkt absolut tot. Keine Menschenseele ist zu sehen und der leerstehende Hostel-Plattenbau hat was von einem Geisterhaus, an dem man in einer sternenlosen Nacht auch nicht unbedingt vorbeigehen möchte.

In einem Schaukasten sieht man ein paar Bilder von Nordkoreas großem Führer Kim Jong Un, die freilich auch schon ein paar Jahre alt sind. Sie zeigen den Diktator, umkreist von Kindern und bei bester Laune. Ein Begleittext zu den schon leicht vergilbten Fotos beginnt mit dem Satz: „Alle Kinder Koreas reden den hochverehrten Genossen Kim Jong Un mit Vater an und folgen ihm.“

Als das Hostel noch wirklich ein Hostel war und keine leerstehende Immobilie in bester Lage, wurde dessen leicht unappetitliche Nordkoreaverbindung nicht unbedingt an die große Glocke gehängt. Im Internet preisen immer noch unzählige Übernachtungsportale die Vorzüge des City Hostel Berlin an, ganz so, als könne man hier weiterhin Schlafplätze buchen. Doch über Nordkorea wird da kein Wort verloren.

Und die meisten Kommentare, die immer noch einsehbar sind, beschäftigen sich eher mit den miesen Matratzen, auf denen man dort wohl liegen musste, oder loben die sensationellen Preise. Immerhin konnte man hier im Sechserzimmer für gerade mal 10 Euro eine Pritsche bekommen.

Schließlich hätte man ja auch Werbung mit ein wenig Nordkorea-Thrill machen können: Übernachten in der Kim-Jong-Un-Suite, das wäre doch ein echter Hit gewesen. Oder man hätte ein typisches Hostelfrühstück mit verwässertem Rührei als Pjöngjang-Breakfast anbieten können.

Verzicht auf Nordkoreakult

Aber offensichtlich wollte man hier einfach nur mit einem Billighostel möglichst unauffällig möglichst viel Gewinn machen. Zu viel plakativer Nordkoreakult, selbstironisch dargereicht, hätte wahrscheinlich bloß die Fragen aufgeworfen, die man lieber vermeiden wollte.

Wie es nun weitergehen soll mit dem Gebäude, weiß derzeit kein Mensch. Kann man es dem Einfluss Nordkoreas entziehen? Will man das überhaupt angesichts der Gefahr, damit einen diplomatischen Eklat auszulösen mit einem Land, dessen Regierung dazu neigt, sehr dünnhäutig zu reagieren, um dann irgendwo ein paar Frustraketen abzuwerfen?

Der Bezirk Mitte gibt sich jedenfalls ziemlich schmallippig, was Aussagen über das ehemalige Hostel betrifft. Auf taz-Anfrage teilt er mit, man verfüge nicht „über die Möglichkeit, das Grundstück zu entwickeln“, weil dieses „nach wie vor im Eigentum von Nordkorea“ sei.

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4 Kommentare

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  • So richtig notwendig erscheint mir der Artikel nicht.

    Ich lese ihn durch und ärgere mich darüber, dass der Artikel oberflächlich bleibt, wo es interessant wird.

    Also gibt es denn dort noch eine nordkoreanische Botschaft dort? Klingt nach nein aber eigentlich: ab 1990 nein, seit 2001 wieder.



    Ich hätte das natürlich gerne hier komplett gelesen und nicht nachher gegoogelt.

  • "...überwies monatlich um die 40.000 Euro an die Botschaft. Die leitete das Geld wohl direkt weiter nach Pjöngjang."

    Warum ist sowas überhaupt heutzutage noch möglich. Vielleicht etwas weniger über FIFA und die Fußball-WM berichten und sich den "richtigen" Themen zuwenden?



    Löblich, dass die Taz berichtet.

    • @Herry Kane:

      Ich bezweifle doch, dass die Finanzierung des nordkoreanischen Atom-Programms wirklich an 40000.- Hoteleinnahmen in Berlin hing; insofern ist diese Angelegenheit (die übrigens schon öfter in der Presse thematisiert wurde) eher eine Skurilität als ein w-/richtiges Thema.

  • Das Botschaftsgelände ist keineswegs "nordkoreanisches Hoheitsgebiet", sondern steht lediglich unter besonderem diplomatischen Schutz - deutsche Gesetze gelten also auch dort, werden aber nicht durchgesetzt. Gründlichkeit ist auch dann eine Tugend, wenn es um scheinbar nebensächliche Details geht.