: Grüner als gedacht?
Michael Vassiliadis, Chef der Chemiegewerkschaft, ist vom fossilen Schlag – neuerdings wettert er sogar gegen die CO[2]-Bepreisung.Doch er hat gute Gründe dafür []
Aus Augsburg und Berlin Jonas Waack
Während Michael Vassiliadis auf dem Augsburger Königsplatz noch mal still seine Rede durchgeht, schmettert auf der Bühne eine greise Band Arbeiterkampflieder. Das Bein des Gewerkschaftschefs wippt unwillkürlich im Takt. Es ist der 1. Mai, und Vassiliadis wird gleich viel Erwartbares sagen über Gerechtigkeit und den Sozialstaat. Aber er wird auch etwas tun, das er jahrelang öffentlich vermieden hat. Als Vassiliadis auf die Bühne tritt, vor etwa 1.500 Gewerkschafter*innen, lächelt er breit, von einem Ohr zum anderen; dann startet er seine Attacke auf den Klimaschutz.
Michael Vassiliadis besetzt eine Schlüsselposition in der deutschen Wirtschafts- und Klimapolitik. Er ist Chef der IGBCE, der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Sie vertritt Kohlekumpel, Beschäftigte der Halbleiterindustrie und Chemiearbeiter*innen. Seit 17 Jahren wählen sie ihn immer wieder zum Vorsitzenden, inzwischen ist er länger im Amt als Angela Merkel Kanzlerin war. Dank seines Netzwerks hat Vassiliadis überall die Finger im Spiel, wo über die Zukunft der deutschen Wirtschaft verhandelt wird. Er könnte auf Bühnen und in Hinterzimmern für Tempo sorgen bei der Transformation hin zur Klimaneutralität. Stattdessen bremst er, fordert gemeinsam mit dem RWE-Chef in der FAZ „mehr Zeit für den Klimaschutz in der Industrie“.
Und er behauptet, paradoxerweise, so den Klimaschutz retten zu wollen.
Für Michael Vassiliadis ist der Tag der Arbeit ein angenehmer Termin. Rede halten, danach Hände schütteln und Currywurst essen. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist ihm gewiss hier in Augsburg, einem historischen Zentrum der Industrialisierung in Bayerisch-Schwaben. Vassiliadis ist die Hauptattraktion auf der Bühne. „Durch unsere Jobs entstehen eure Profite“, sagt er und wird lauter, „da holen wir uns zurück, was uns gehört!“ Die Menge applaudiert, pfeift und rasselt. Vassiliadis warnt vor den Folgen der Wirtschaftskrise: „Wenn wir die Industrie verlieren, verlieren wir die Wertschöpfung, die wir brauchen für den Sozialstaat“, ruft er. Wieder Applaus.
Vassiliadis trifft diesmal den richtigen Ton, auch wenn er sonst kein mitreißender Redner ist. Muss er auch nicht sein. Kritiker*innen wie Unterstützer*innen sagen ihm Scharfsinn, Verhandlungsstärke und Organisationstalent nach – viel wichtigere Qualitäten für einen Gewerkschaftsführer. Und dieser scharfsinnige Beobachter, einer der mächtigsten Industriepolitiker Deutschlands, sagt wenige Minuten später: „Jetzt ist der CO2-Preis für die chemische Industrie ein Todesstoß. Wenn wir jetzt nichts tun, werden wir zuschauen, dass die CO2-Einsparungen durch Abschalten unserer Arbeitsplätze erfolgen.“ Das könnten Gewerkschaften niemals mitmachen. Vassiliadis schließt: „Das ist nicht gegen Klimaschutz, das ist für Vernunft.“
Applaus, pfeifen, rasseln wie bei den Umverteilungsphrasen und der Verteidigung des Sozialstaats: für einen Frontalangriff auf das Herz des europäischen Klimaschutzes, den CO2-Preis.
Die Gehaltszettel geben ihm recht
Im Gegensatz zu vielen heutigen Gewerkschaftsfunktionär*innen hat Michael Vassiliadis nie studiert, sondern Chemielaborant gelernt. Bei Bayer im nordrhein-westfälischen Dormagen. Politisiert worden sei er durch die Friedensbewegung, erzählt er am Rande des Maifests in Augsburg. Als er zu Ausbildungsbeginn 1980 in die Gewerkschaft eintrat, die damals noch IG Chemie-Papier-Keramik hieß, wurde sein Talent erkannt, Leute zu gewinnen und mitzunehmen: „Ich habe im Betrieb sehr viel bewegen können, weil ich gute Argumente gefunden hab – mit meiner Fähigkeit, mich zu interessieren, zu lernen.“
Vassiliadis wurde gefördert, trat 1981 in die SPD ein und wechselte 1986 hauptamtlich zur Gewerkschaft. 1991 wurde er mit 29 Jahren der jüngste Bezirksleiter der IGBCE, drei Jahre später Büroleiter des damaligen Gewerkschaftschefs Hubertus Schmoldt, 2009 dessen Nachfolger. Seit 2012 ist Vassiliadis zudem Präsident von industriAll Europe, der europäischen Dachorganisation der Industriegewerkschaften.
Jeden Morgen um 7 Uhr, erzählt er, mache er 20 Minuten Yoga, dann stehe der erste Termin beim Frühstück an. Sein Tag ende, wenn es gut laufe, um 22 Uhr. „Ich habe eigentlich immer in dieser Welt gelebt – aus freien Stücken“, sagt Vassiliadis.
Bleibt Vassiliadis bis zum Ende seiner Amtszeit Gewerkschaftschef, wird er ebenso lang an der Spitze einer großen Industriegewerkschaft gestanden haben wie der legendäre IG-Metall-Chef Otto Brenner, der die frühe Bundesrepublik prägte. Wie Brenner gilt Vassiliadis als besonnener Verhandler; doch wo Brenner sich am Klassenkampf beteiligt sah und die Idee der sozialen Marktwirtschaft für verlogen hielt, ist Vassiliadis’ erste Priorität derzeit, „eine Debatte von grüner bis konservativer Seite über die Zukunft unseres Landes voranzutreiben, die konstruktiv und nicht zerstörerisch ist“.
Nach 17 Jahren im Job hat Michael Vassiliadis ein Netzwerk, das in der deutschen Industriepolitik einzigartig ist. Er hat hervorragende Kontakte in SPD und CDU und versteht sich gut mit vielen Manager*innen. „Wenn Sie nur Gegner haben, dann bewegen Sie am Ende nichts“, sagt Vassiliadis.
Die Gehaltszettel seiner Leute geben ihm recht: Die IGBCE erzielt regelmäßig die besten Tarifabschlüsse unter den Gewerkschaften. Gestreikt hat die Chemieindustrie flächendeckend letztmals 1971. Da war Vassiliadis sieben Jahre alt.
Eine eigene Erzählung zum Kohleausstieg
Gewerkschaften haben viel politisches Gewicht. Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag sagt: „Die Spitze der IG Metall zum Beispiel hat lange sehr fortschrittlich kommuniziert, das hat einen großen Unterschied in der Debatte gemacht.“ Das sehe man jetzt, da die IG Metall das nicht mehr mache: „Die Bundesregierung beschließt das Aus vom Verbrenner-Aus.“
Gewerkschaften können ihre Mitglieder davon überzeugen, die Transformation hin zur Klimaneutralität im Betrieb voranzutreiben. Sie haben Einfluss auf Ausbildungsinhalte und können Weiterbildungen für Arbeiter*innen mit fossilen Jobs einfordern. Jemand wie Vassiliadis könnte viel bewirken im Klimaschutz.
Stattdessen trat er in den 2010er Jahren auf die Bremse, wo er nur konnte. 2011 pries er „moderne Braunkohlekraftwerke“, die klimaschädlichste Form der Stromerzeugung, als notwendig für die Energiewende. 2015 verhinderte er mit der Kohlelobby eine Extraabgabe auf Kohlestrom. „Ich musste schon zu viele Leute entlassen“, sagte er damals, als sei er Konzernchef und nicht Gewerkschafter. Aber was ihm Klimaschützer*innen vor allem vorhalten, das ist der Kohlekompromiss.
2018 verhandelten Manager*innen, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Umweltschützer*innen darüber, wie Deutschlands Kohlekraftwerke am schnellsten abgeschaltet werden könnten. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Fridays-for-Future-Proteste hofften viele auf ein frühes Ausstiegsdatum, 2030 stand im Raum. Einigen konnte sich die Kommission nur auf 2038. Auch, weil Michael Vassiliadis blockiert hatte. „Es war nicht zu unterscheiden, ob er die fossilen Industrien oder die Gewerkschaftsmitglieder vertritt“, sagt Martin Kaiser von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, der ebenfalls in der Kommission saß. „Er hat ein legitimes Interesse, tarifgebundene Arbeitsplätze zu halten. Aber das war mit 40 Milliarden Strukturwandelgeldern bei nur etwa 20.000 Arbeitsplätzen mehr als abgedeckt“, sagt Kaiser. Die Umweltverbände hätten Strukturwandel und Vassiliadis’ soziale Transformation voll mitgetragen, trotzdem habe er sich der Umweltseite und ihrer Forderungen gegenüber „unsäglich“ verhalten.
Michael Vassiliadis selbst erzählt da eine andere Geschichte. Eine, in der die IGBCE den Kohleausstieg erst möglich gemacht habe. „Wir mögen einigen lästig gewesen sein“, sagt er und grinst schelmisch. Aber die Gewerkschaft sei es ja gewesen, die den Kohlekumpeln vermitteln musste, dass ihre guten, tariflich abgesicherten Arbeitsplätze verloren gehen. „Wer hat denn den Sarg getragen in der Kohle? Ich!“, brummt Vassiliadis. Die Gewerkschaft habe viele Knoten durchschnitten. „Es gibt andere Blickwinkel. Auch okay.“
Michael Vassiliadis, das hört man öfter in Hintergrundgesprächen über ihn, ist seine Wahrnehmung in der breiteren Öffentlichkeit gleich. Anders ist das mit den Gewerkschafter*innen. Bei Abstimmungen erhält Vassiliadis regelmäßig 95 Prozent der Stimmen. Sinischa Horvat sagt: „Natürlich hat Vassiliadis seinen Job gut gemacht, sonst würden die Wahlen nicht so ausgehen“.
Horvat ist Betriebsratsvorsitzender bei BASF, dem größten Chemieunternehmen der Welt, und damit nach Vassiliadis wahrscheinlich der zweitwichtigste Arbeitnehmervertreter in der Branche. So wie die meisten Chemiefabriken in Deutschland könnte der BASF-Hauptsitz im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen deutlich mehr produzieren, als er es derzeit tut. „Die geringe Auslastung macht was mit den Menschen“, sagt Horvat. „Flaute war immer mal wieder, aber nie so lang.“ 2025 verzeichnete das Werk Ludwigshafen 1 Milliarde Euro operativen Verlusts. „Die Menschen sind verunsichert. Sie würden gern Zuversicht haben.“
Dass die Folgekosten des Klimawandels viel höher werden als das, was die jetzt nötigen Investitionen kosten würden? Das wüssten alle, sagt Horvat. „Aber die Menschen weltweit leben im Hier und Jetzt.“ Und das Hier und Jetzt fühlt sich nach Krise an.
Dabei hat die deutsche Chemieindustrie ab den 2000er Jahren unheimlich viel Geld damit verdient, ihre Produkte in alle Welt zu verkaufen, vor allem nach China. China aber hat seitdem selbst Chemieparks gebaut und importiert immer weniger. Die Chemieunternehmen in den USA kommen billig an Öl und Gas. Weltweit gibt es also zu viele Chemiefabriken, die zu wenige Abnehmer finden. Dieses Problem hat sich schon vor mehr als 10 Jahren angekündigt, aber spätestens seit dem russischen Vollangriff auf die Ukraine 2022 kriselt die europäische Chemieindustrie.
Kaum noch Geld für Investitionen?
Etwa 40.000 Arbeitsplätze sind laut der IGBCE bedroht. Nach der Kohle droht Vassiliadis’ Gewerkschaft damit eine zweite Säule wegzubrechen. Deswegen schaltet der Gewerkschaftschef jetzt in den Überlebensmodus.
Nach seiner Augsburger Attacke auf den CO2-Preis geht Vassiliadis in der Fuggerstadt die Stände der verschiedenen Gewerkschaften ab. Bei Verdi stellt er sich vor einen Fotoautomaten und grinst freundlich. Mit den Eisenbahner*innen spricht er darüber, dass er kaum Griechisch spricht. Das liege daran, dass sein eingewanderter Vater im Schichtdienst gearbeitet und oft keine Zeit gehabt habe. Wo Vassiliadis eine Fahne, Jacke oder Mütze mit dem Logo seiner Gewerkschaft sieht, geht er hin, schüttelt Hände, lacht herzlich und hört zu.
Wenn man nachvollziehen will, warum Vassiliadis den CO2-Preis attackiert, muss man wissen, warum diese Leute Angst um ihren Job haben. Denn Unternehmen der Spezialchemie, in denen viele von ihnen arbeiten, werden vom CO2-Preis gar nicht so hart getroffen – ihre Lieferanten aber schon.
Die Firmen der Spezialchemie stellen Klebstoffe für die Autoindustrie, Geschmacksverstärker für Joghurt, Dämmstoffe, Kosmetika, Verpackungen und vieles mehr her – dafür brauchen sie chemische Vorprodukte. Häufig siedeln sie sich deshalb in großen Chemieparks um sogenannte Cracker herum an, die Öl und Gas umwandeln in Grundstoffe wie Ethen. Schließen die Cracker, so befürchten viele Expert*innen, wandert auch die Spezialchemie drum herum ab. Und mit ihnen die Chemiejobs. Die Cracker aber brauchen viel billige Energie und hohe Auslastungen, sonst schreiben sie Verluste. Für sie ist der CO2-Preis, über den Vassiliades in Augsburg schimpft, tatsächlich eine Belastung.
Wie groß sie ist, das rechnet Carsten Franzke vor. Er ist Geschäftsführer der Stickstoffwerke Piesteritz in Sachsen-Anhalt, die vor allem Dünger, Ammoniak, Harnstoff und Salpetersäure herstellen – klassische Grundstoffchemie. „Wir bezahlen derzeit ungefähr 40 Millionen Euro pro Jahr für CO2-Zertifikate“, sagt er. Bei den 800 Millionen Euro Umsatz, die die Stickstoffwerke machen, frisst das die übliche Profitmarge auf. Erst recht, wenn der CO2-Preis steigt, bleibt für Investitionen in den Klimaschutz kaum Geld – dabei soll der CO2-Preis doch genau zu diesen Investitionen anreizen.
Wie dieser CO2-Preis im europäischen Emissionshandel entsteht, muss man verstehen, um Vassiliadis’ Kritik folgen zu können. Das Prinzip ist simpel: Industrie und Stromerzeuger müssen ein Zertifikat kaufen, um eine Tonne CO2 ausstoßen zu dürfen. Die Zahl der Zertifikate sinkt, also werden CO2-Emissionen teurer. Die Chemieunternehmen durften jahrelang kostenlos CO2 emittieren, damit sie auf dem Weltmarkt gegen außereuropäische Konzerne bestehen können, die keinen CO2-Preis zahlen. Diese kostenlosen Zuteilungen werden jetzt langsam abgeschmolzen. Und die Branche gerät unter Druck.
Der CO2-Preis „hat die Chemieindustrie lange nicht berührt“, sagt der ehemalige Vizepräsident von BASF, Jörg Unger. „Jetzt, wo sie am Boden liegt, wird er tatsächlich schwierig.“ Selbst Thomas Losse-Müller von der Stiftung Klimaneutralität sagt, der Emissionshandel ohne Begleitmaßnahmen mache das Investitionsumfeld unattraktiver.
Aber dass der CO2-Preis steigen wird, wussten die Unternehmen schon vor über zehn Jahren. Hätten sie mehr in Klimaschutz investiert und ihre Emissionen stärker verringert, müssten sie jetzt weniger zahlen. Losse-Müller sagt: „Die Unternehmen hätten angesichts der massiven Aufgabe früher anfangen müssen zu transformieren.“ Warum haben sie den CO2-Preis dann nicht ernst genommen?
„Haben sie doch“, sagt Michael Vassiliadis auf dem Augsburger Königsplatz. „Sie sind gegangen.“ Abgewandert, meint er damit. „Die Unternehmen haben ihre Produktion in Länder mit laxeren Regeln verlagert, die es mit Klima- und Umweltschutz nicht so ernst nehmen.“
Auch investiert haben die Konzerne lieber woanders: Der Essener Konzern Evonik etwa hat 2025 eine Anlage in Singapur eröffnet, BASF gerade erst einen riesigen Chemiepark im südchinesischen Zhanjiang. Dessen Strombedarf wird sogar zu 100 Prozent mit grünem Strom aus einem Windpark gedeckt.
Stromproduzenten können nicht abwandern – sie müssen den Strom, den sie in Europa verkaufen wollen, auch in Europa erzeugen. Die Industrie kann einfach woanders produzieren.
Auf diesen Umstand weist Vassiliadis seit Jahren hin. Als sich vor der Bundestagswahl 2021 eine Regierungsbeteiligung der Grünen andeutete, schrieb er zusammen mit dem Grünen-Politiker Anton Hofreiter ein Thesenpapier zum „Aufbruch in ein neues Industriezeitalter“; ein Jahr später, als die Gaskrise die Stickstoffwerke Piesteritz zum Produktionsstopp zwang, forderte er gemeinsam mit dem Deutschen Naturschutzring, Germanwatch und WWF ein Investitionspaket von der Bundesregierung.
Vassiliadis sagt: „Alle größeren Chemiefirmen haben längst die eigene Transformation vorangetrieben“, die Pläne dafür „liegen in den Schubladen, die gibt es“. Was es nicht gibt: die gigantischen Mengen billigen Stroms, die zur Elektrifizierung der Grundstoffproduktion nötig wären, den grünen Wasserstoff, die entsprechenden Stromnetze und Pipelines. „Für die nächsten großen Schritte braucht es politische Unterstützung“, sagt Vassiliadis.
Die Stickstoffwerke Piesteritz zum Beispiel bräuchten eigenen Angaben zufolge einen zweistelligen Milliardenbetrag an Staatsgeld, um die CO2-Emissionen ihrer Ammoniakproduktion um 90 Prozent zu reduzieren.
Vassiliadis hatte 2022 mit WWF und Co Milliarden gefordert, doch die Rahmenbedingungen für die Transformation der Chemieindustrie fehlen noch immer. Die Merkel-Regierungen hatten keine Strategie für die Chemie, die Ampel auch nicht. Und die aktuelle CDU-Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will den Ausbau der erneuerbaren Energien und des Stromnetzes sogar bremsen.Also priorisiert Vassiliadis unter Schwarz-Rot wieder anders: den Sozialstaat verteidigen und den CO2-Preis für die Chemieindustrie so weit wie möglich aussetzen. Das mag nachvollziehbar wirken. Kritik daran gibt es aber sogar aus der Wirtschaft.
Deutlich wurde das schon im März, beim Klimadialog der SPD im Berliner Willy-Brandt-Haus. Michael Vassiliadis sitzt auf dem Podium, neben ihm Gunnar Groebler, Chef der Stahlfirma Salzgitter. Salzgitter ist ein Vorreiter der klimafreundlichen Stahlherstellung, hat viel Geld in die Klimatransformation gesteckt und viel lobbyiert, damit die Bundesregierung Geld dazugibt. Die Diskussion über den Emissionshandel sei gerechtfertigt, sagt Groebler, aber wer schon Geld in moderne Anlagen gesteckt habe wegen des CO2-Preises, „darf am Ende nicht der Gelackmeierte sein“. Sonst sei die Transformation hin zum Klimaschutz tot – zuverlässige Vorgaben sind für die Industrie eben entscheidend.
Wie Vassiliadis die Debatte entglitt
Ob er das nicht nachvollziehen könne, fragt die Moderatorin. Der Gewerkschaftschef ist hörbar genervt. „Ich bin 45 Jahre bei der SPD – ich wusste gar nicht, wie marktnah wir sind“, spottet er. Er fordere nicht, den CO2-Preis auszuschalten. Sondern: „Wenn wir die Voraussetzungen nicht haben, was machen wir dann?“, fragt Vassiliadis. „Lasst uns als Sozialdemokraten den Wandel vorantreiben.“ So ein Satz könnte Aufbruchsstimmung verbreiten, aber Vassiliadis klingt vor allem beleidigt: „Ich will konstruktiv verstanden werden“, schiebt er nach.
Auch jetzt, in Augsburg, während seiner gepfefferten Rede gegen den CO2-Preis, sagt Michael Vassiliadis: „Wenn man nachdenklich Vorschläge dazu macht, ist große Aufregung.“ Das gelte auch für die Diskussion über den Sozialstaat. „In irgendeiner Weise Vernunft in die Debatte zu kriegen, ist wirklich schwierig geworden.“ Dazu, gemeinsam Ideen zu entwickeln, „die dieses Land nach vorne bringen, kommen wir gar nicht.“
Auf Michael Vassiliadis’ Gastbeitrag in der FAZ – „mehr Zeit für den Klimaschutz in der Industrie“ – folgte ein Generalangriff des deutschen Chemielobbyverbands auf den Umwelt- und Klimaschutz. Die Debatte ist Vassiliadis entglitten.
Denn anders als die Firmenlobby selbst stellt der Gewerkschafter tatsächlich Bedingungen: Unternehmen, denen der CO2-Preis erlassen wird, sollen die frei werdenden Mittel in Klimaschutz investieren müssen. Wie beim Kohleausstieg sieht Vassiliadis sich als derjenige, der die Transformation konkret umsetzt. Aber anders als 2018, als er vor allem Geld und Zeit herausholen wollte, setzt er sich in der Chemie für eine radikale Lösung ein: eine „konzertierte Konsolidierung“. Die Chemieindustrie soll unter Anleitung gesundschrumpfen. Thomas Losse-Müller von der Stiftung Klimaneutralität nennt diesen Vorschlag „dringend notwendig, wenn wir die zukunftsfähigen Teile der deutschen Chemie erhalten wollen“. Der frühere BASF-Vize Jörg Unger hält Vassiliadis’ Vorschlag für vernünftiger als alles, was der Chemielobbyverband vorschlägt.
Gemeinsam mit Politik und Unternehmen will Michael Vassiliadis priorisieren: Welche Cracker müssen überleben, um gezielt wertvolle Arbeitsplätze in den umliegenden Chemieparks zu erhalten? Welche Stoffe wollen wir aus Resilienzgründen in Deutschland und Europa herstellen, welche können wir importieren? „Wenn man mit Hirn konsolidiert, ist die Spezialchemie nicht gefährdet“, sagt Jörg Unger. Im äußersten Fall ist Vassiliadis sogar zu einem gesteuerten Arbeitsplatzabbau bereit. Aber den Chemiebossen gefällt das nicht.
Beim Kohlekompromiss hatte Michael Vassiliadis die Industrie an seiner Seite und holte viel heraus für die Bergleute. Als er gemeinsam mit Umweltschützer*innen Geld für die Klimatransformation forderte, ging er leer aus; und die konzertierte Konsolidierung, die er jetzt fordert, wird bislang weder in Berlin noch Brüssel ernsthaft diskutiert. Die IGBCE ist schlicht weniger einflussreich als die Chemielobby.
Den CO2-Preis greifen Vassiliadis und Chemieindustrie gemeinsam an. Und wenn er dafür nicht die Klimagegenleistungen bekommt, die er verlangt? „Ja, das wäre natürlich nicht gut“, sagt Vassiliadis. Aber die Gewerkschaften säßen ja mit am Verhandlungstisch, und außerdem würden das die anderen EU-Länder nicht zulassen. Das mag man Kalkül nennen. Oder ein Eingeständnis eigener Schwäche.
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