Großoffensive von Rebellen in Mali: Russischer Rückzug mit weißen Fahnen
Islamisten und Tuareg führen in Mali landesweite Angriffe. Die Stadt Kidal im Norden ist gefallen, nahe der Hauptstadt Bamako wird heftig gekämpft.
In Mali haben aufständische Islamisten und Tuareg-Rebellen ihre größte Offensive seit Jahren gestartet und der herrschenden Militärregierung ihre bisher schwersten Niederlagen zugefügt. Koordinierte Angriffe der radikalislamistischen JNIM (Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime) und der Tuareg-Rebellenallianz FLA (Front zur Befreiung von Awazad) erschüttern seit Samstag das ganze Land. Die Militärmachthaber haben offenbar die Kontrolle über mehrere Ortschaften verloren.
Die erste Stoßrichtung der Großoffensive findet im Norden statt, wo die Tuareg-Separatisten der FLA ihren Staat „Azawad“ wiederherstellen wollen. Ihre Flaggen wehten am Sonntag über Kidal, der nördlichsten Provinzhauptstadt in Mali tief in der Saharawüste. Kämpfer der FLA besetzten am Samstag öffentliche Gebäude und zentrale Plätze der Wüstenstadt, ebenso den Palast des Gouverneurs El Hadj Ag Gamou, der aus der Stadt floh.
Malis Regierungsarmee und die mit ihr dort stationierten Kämpfer des russischen „Afrikakorps“, Nachfolgeorganisation der Wagner-Söldnertruppe, zogen sich in die ehemalige UN-Militärbasis am Stadtrand zurück – „ein kleines Widerstandsnest“, erklärte die FLA am Samstagabend. Sie forderte Russland auf, „als internationaler Akteur Verantwortung zu übernehmen und sein Engagement auf Seiten der Militärjunta von Bamako zu überdenken“.
Die Russen beugten sich. In Verhandlungen erhielten sie am Sonntag früh freies Geleit zum Rückzug aus Kidal nach Gao, die nächste Provinzhauptstadt weiter südlich, von wo aus zunächst russische Kampfhubschrauber im Einsatz gewesen waren. Videos am Sonntag zeigten den Abzug der Russen aus Kidal im geordneten Militärkonvoi, weiße Flaggen an ihren Fahrzeugen gehisst. Die malischen Regierungssoldaten ließen sie zurück. Die FLA erklärte am Sonntag, regierungstreue Tuareg aus der Armee würden sich ihnen nun anschließen und die restlichen Regierungseinheiten würden bombardiert. Auch die Militärbasis Bourem bei Gao fiel an die FLA.
Kidal als Symbol, wer Nordmali kontrolliert
Auf einer zweiten Angriffsfront traten bereits am frühen Samstag JNIM-Kämpfer in der Hauptstadt Bamako und ihrem Umland im Süden des Landes in Aktion. In Kati bei Bamako, wo sich das Hauptquartier der Streitkräfte befindet und die hohen Generäle des Landes wohnen, gab es schwere Explosionen.
Mutmaßlich mit einer Autobombe wurde die Residenz von Verteidigungsminister General Sadio Camara in Kati in die Luft gesprengt. Am Sonntag wurde sein Tod bestätigt. Videos zeigten Kolonnen von Rebellenkämpfern auf Pick-Up-Fahrzeugen auf den Straßen von Kati.
Vieles über das Ausmaß der Offensive rund um Bamako blieb zunächst unklar. Gerüchte über das Eindringen von Rebellen in Vororte der Hauptstadt blieben zunächst unbestätigt. Die wichtigsten Fernstraßen aus Bamako hinaus wurden allerdings am Samstag von JNIM blockiert, wie schon mehrmals in der Vergangenheit, und erst am Sonntag wieder freigegeben.
Die Behörden verhängten über Bamako und das Umland eine nächtliche Ausgangssperre für zunächst 30 Tage. Angegriffen und geplündert wurde auch der wichtige Militärstützpunkt Sévaré nordöstlich von Bamako, wo Malis Streitkräfte Kampfdrohnen stationiert haben.
Regierungssprecher General Issa Ousmane Coulibaly hatte am Samstagabend in einer Erklärung noch behauptet, die „komplexen und koordinierten“ Angriffe der „Terroristen“ in zahlreichen malischen Städten hätten lediglich geringen Schaden sowie 16 Verletzte produziert und „in allen betroffenen Ortschaften ist die Lage vollständig unter Kontrolle“.
Doch am Sonntag wurden neue heftige Kämpfe aus Kati gemeldet, und der Generalstab erklärte: „Die Jagd auf die terroristischen bewaffneten Gruppen dauert an.“ Die Streitkräfte, hieß es weiter, seien „engagiert und entschlossen“. Kein Regierungsmitglied ist seit Beginn der Angriffe öffentlich in Erscheinung getreten. Wo sich Malis Juntachef und Präsident General Assimi Goita aufhält, blieb unklar.
Allianz zwischen Tuareg und Islamisten
Die Allianz zwischen radikalen Islamisten und Tuareg-Rebellen in Mali ist nicht neu. Bereits 2012 hatten Tuareg-Separatisten im Norden Malis den eigenen Staat Azawad ausgerufen, der schnell unter Kontrolle radikaler Islamisten fiel. Als diese ihr Einflussgebiet ausweiteten und sich Anfang 2013 Bamako näherten, griff Frankreich mit Tausenden Soldaten ein und eroberte Mali für die Regierung zurück. Die Islamisten wurden von den Franzosen in der Wüste gejagt, mit den Tuareg schloss Malis neue gewählte Regierung 2015 das Friedensabkommen von Algier, überwacht von einer UN-Mission mit Bundeswehrbeteiigung. Es gewährte den drei nordmalischen Regionen Gao, Kidal und Timbuktu Autonomie unter Tuareg-Führung.
2020 putschte Malis Armee und nach einem zweiten Putsch 2021 kündigten die neuen Machthaber unter General Assimi Goita das Abkommen auf. UNO und Frankreich mussten gehen, Russland kam als neue Schutzmacht. Ende 2023 übernahm Malis Armee mit russischer Hilfe die Kontrolle über die historische Tuareg-Hochburg Kidal – das sichtbarste Zeichen ihrer Entschlossenheit, den malischen Zentralstaat auf dem gesamten Staatsgebiet wiederherzustellen.
Bewaffnete Islamisten und in den Untergrund getriebene Tuareg verbündeten sich daraufhin erneut. Die verbliebenen bewaffneten Tuareg-Gruppen schlossen sich zur FLA zusammen, JNIM wird heute vom historischen Tuareg-Rebellenführer Iyad ag Ghali angeführt und bestätigte in einer Erklärung am Samstag die Zusammenarbeit mit der FLA „im Interesse der Bevölkerung“. JNIM kämpft im Osten Malis außerdem gegen den noch radikaleren „Islamischen Staat im Sahel“ (ISGS), der vor allem in Niger basiert ist, und präsentiert sich als gemäßigtere Alternative zu den IS-Dschihadisten.
Dass Kidal nun die erste neue Eroberung der malischen Rebellenallianz ist, stellt nicht nur eine besonders schmachvolle Niederlage für Malis Generäle dar. Es hat auch eine regionale Dimension. Der große Nachbar Algerien sah sich als Schutzmacht das Abkommens von Algier, seine Aufkündigung durch die Militärregierung gefiel Algeriens Regierung überhaupt nicht. Am 10. April stellte sich Malis Militärregierung auch noch gegen Algerien im Westsahara-Konflikt und erkannte anlässlich eines Besuchs von Marokkos Außenminister in Bamako die Westsahara als Teil Marokkos an.
Manche Beobachter halten es jetzt für möglich, dass Algerien im Gegenzug nun Mali offen destabilisiert. In Mali kursiert schon lange der Verdacht, die von Algerien unterstützte Westsahara-Unabhängigkeitsbewegung Polisario unterstützte die Tuareg-Unabhängigkeitsbewegung in Mali oder mache Geschäfte mit islamistischen Rebellen.
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