Graphic Novel über die Bewegung 2. Juni: „Die Linkspartei belügt die Menschen“
Gabriele Rollnik engagierte sich im bewaffneten Kampf und saß im Gefängnis. Verändernde Politik, sagt sie, geht nur über außerparlamentarische Opposition.
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taz: Frau Rollnik, Sie waren Mitglied der Bewegung 2. Juni. Nach Ihrer Entlassung aus der Haft 1992 haben Sie in einem Kinderhaus gearbeitet und Ihr Studium wieder aufgenommen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Gabriele Rollnik: Ich musste mein Leben organisieren, nachdem ich wieder in Freiheit war, und ich musste meinen Lebensunterhalt verdienen. Natürlich habe ich mich weiterhin politisch engagiert und mich 1992 als Erstes um die Freilassung der weiteren Gefangenen gekümmert. Ich habe da Demos mitgemacht und Gespräche geführt. Das hatten wir auch in unserem letzten Hungerstreik gefordert: Freiheit für alle Gefangenen.
76, Autorin, war in den 70ern in der neu gegründeten Frauenbewegung aktiv, ab 1974 Aktivistin der Bewegung 2. Juni, 1981 wurde sie zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und am 14. September 1992 entlassen. Sie lebt und arbeitet heute in Hamburg.
taz: Wie blicken Sie auf Ihre Beteiligung an der Bewegung 2. Juni zurück?
Rollnik: Ich bin froh, dass ich das damals gemacht habe. Die 68er-Bewegung hatte einen großen Aufbruch in das Land gebracht. An diesem Aufbruch wollte ich festhalten: den Kapitalismus und die Herrschaft der Besitzenden abschaffen und auf der Seite der unteren Schichten stehen. Das war kurz gefasst mein Interesse. Ich habe den Kontakt zu dem 2. Juni bekommen und freudig zugegriffen, weil ich den Kampf weiterführen wollte.
taz: Gibt es Dinge in Ihrer politischen Laufbahn, die Sie bereuen oder gern anders gemacht hätten?
Rollnik: Meine politische Laufbahn? Ob ich mein Engagement im bewaffneten Kampf und die 15 Jahre im Gefängnis, wo ich mit Hungerstreiks gegen die Sonderhaftbedingungen für politische Gefangene gekämpft habe, bereuen würde? Nein. Als ich 1992 rausgekommen bin, hatte ich das Gefühl, ich habe überlebt. Ich habe gesiegt in meinem Kampf. Sie haben mich nicht klein gekriegt.
taz: In der Graphic Novel „Ella. N ichts haben, alles ändern“ blickt Ella auf ihr Leben zurück und sagt, es gäbe in Europa keine Linke mehr oder nur eine ganz schwache. Wie blicken Sie auf die gegenwärtige Linke in Deutschland?
Rollnik: In Deutschland gibt es keine richtige Linke mehr. Die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht sind ins Parteiensystem eingegliedert. Sobald man am Parlamentarismus teilnimmt, ist man an Zwänge gebunden. Wirklich verändernde Politik geht nur durch außerparlamentarische Opposition. Die ist aber sehr schwach geworden. Die radikale Linke oder die Linke, die sich nicht Parteien zuordnet, besteht aus einer hilflosen Antifa.
„Ella. Nichts haben, alles ändern“, Graphic Novel über Leben und politisches Engagement von Gabriele Rollnik, die mit dem Autor Michael Weber liest, 27.8., 19.30 Uhr, Liftcafé, Weberstraße 18, Bremen.
Michael Weber/ZAZA Uta Röttgers: "ELLA – nichts haben, alles ändern", herausgegeben von der Galerie der abseitigen Künste, 2025, Hardcover, 212 Seiten, 28 Euro
taz: Was müsste die Linke in Deutschland anders machen?
Rollnik: Die Linkspartei belügt die Menschen. Sie hat ein Programm, wie es früher die SPD hatte. Sie versucht, besser zu verteilen, statt das ganze Wirtschaftssystem zu ändern. Der Kapitalismus muss ewig wachsen. Durch das Wachstum werden die Ressourcen der Erde verbraucht und es gibt eine ökologische Krise. Auch der Wohlfahrtsstaat, den es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gab, ist heute nicht finanzierbar. Und dann tut die Linke so, als könnte sie das, was da ist, besser verteilen. Das wird nicht gelingen. Ich sehe keine Linke in Deutschland, die sagt: Wir brauchen eine Transformation. So wird es eher einen Systemkollaps geben, als dass es von der linken Seite reformiert wird. Vielleicht muss man sagen, die Linke ist nicht radikal genug.
taz: Am Ende von der Graphic Novel heißt es: „Widerstand ist immer wichtig.“ Inwiefern leisten Sie heute Widerstand?
Rollnik: Ich leiste Widerstand. Natürlich nicht in dem Maße wie früher, als ich mein ganzes Leben eingesetzt habe. Mein Widerstand beschränkt sich jetzt auf bestimmte Dinge. Zum Beispiel gehe ich demnächst zur Demo „Keinen Nato-Hafen“ in Hamburg. Ich versuche, mich auch gegen die Entwicklung zum Krieg und Aufrüstung zu stellen. Ich bin nicht apolitisch, sondern nach wie vor sehr radikal.
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