Grabsteine für Berliner Clubs: „Wenn Kultur ausstirbt, kommt die Steinzeit zurück“
Clubs sterben, Kultur wird gekürzt. Das Kollektiv „Steinzeit Alter“ protestiert mit Grabsteinen für schwindende Orte – nun auch für das Schwuz.
Mit einem Fugenschneider bricht Marco Schneid* die Steine aus dem Fußgängerweg. „Scheiße, sind die schwergängig“, murmelt er. Dann sticht er mit einem Spaten in den Boden und buddelt die feuchte Erde aus. Er trägt schwarze Arbeitskleidung, einen schwarzen Kapuzenpullover und Handschuhe. Von der Sonnenallee heulen Sirenen, die Plane am Baugerüst gegenüber raschelt im Wind. In roter Schrift steht darauf: „SchwuZ“.
Der queere Club ist Grund für die Aktion von Schneid und seinen Freunden am Sonntagabend. Die Berliner stecken hinter dem Kollektiv „Steinzeit Alter“, das in der Rollbergstraße einen Grabstein für das Schwuz aufgestellt hat. Nach 48 Jahren meldete der Club Ende letzten Jahres Insolvenz an, am 1. November fand die Abschiedsparty statt. Nun sucht die Clubcommission nach einer neuen, kleineren Location für das Schwuz.
„Schwuz 1977–2025“ ist in den grauen Grabstein gemeißelt. Zwei Figuren – eine stehend, eine kniend – halten gemeinsam einen Korb mit spiegelnden Discokugeln. Auf dem Rücken einer Figur steht: „Glitzer ist keine Tarnung, es ist eine Rüstung, die im Licht voller Wunden strahlt.“ Der Spruch soll für den Kampf der queeren Community stehen. „Glitzer ist Sichtbarkeit und keine Flucht vor Diskriminierung“, erklärt Schneid. Angesichts des anhaltenden Kampfes um gleiche Rechte sowie körperliche und seelische Sicherheit fungiere er jedoch als eine Rüstung. Die Wunden blieben sichtbar.
Es ist der vierte Grabstein, den das Kollektiv aufstellt, um auf das Clubsterben in der Stadt aufmerksam zu machen. Im Januar 2025 errichteten sie den ersten Stein für das Watergate, es folgte einer für die Griessmühle und eine Grablaterne für das Rosi’s. „Jeder Stein soll an das blühende, kulturelle, diverse Leben in dieser Stadt erinnern“, so das Kollektiv. Mit ihrer Aktionskunst wollen sie Menschen zum Nachdenken bringen – über den Verlust von Clubkultur, aber auch über die negative Stadtentwicklung insgesamt. „Ateliers und kleine Cafés werden verdrängt, stattdessen werden Co-Working-Spaces und Neubaugebiete gebaut – alles, nur keine bezahlbaren Wohnungen“, kritisiert ein Mitglied.
Ohne Kultur droht der Rückschritt in die Steinzeit
Wenn Kultur aus der Großstadt verschwindet oder an den Stadtrand gedrängt wird, werde die Stadt zu einem „toten Punkt“, meint Schneid. „Dann gehen wir zurück in die Steinzeit.“ Dieser Gedanke liege auch dem Namen des Kollektivs zugrunde. Neue Clubs eröffnen inzwischen fast nur noch außerhalb des S-Bahn-Rings, wie im November in Spandau und im Westend. Grund dafür sind zu hohe Mieten sowie Lärmbeschwerden in der Innenstadt.
Schneid steht auf der Ladefläche des Wagens und hebt den Grabstein auf eine rote Sackkarre. „Den hier wegzukriegen, wird schwer“, sagt er. Die anderen Männer stehen mit brennender Zigarette im Mund bereit, um den Stein entgegenzunehmen. „Jackpot!“, ruft Schneid als die 150-kiloschwere und ein Meter große Figur unversehrt auf der Straße landet.
Schneid arbeitet als Steinmetz, die Grabsteine fertigt er in seiner Freizeit in einer Werkstatt an. Sie stammen von bereits abgelaufenen Gräbern, die für die Verschrottung vorgesehen waren. Die Arbeit ist aufwendig: Für diesen Stein habe er 40 bis 50 Stunden investiert. Die anderen Kollektivmitglieder kommen aus der Kreativszene: Fotografen, Musiker, Produzenten, Veranstalter, DJs. Zu jedem Grabstein produzieren sie daher auch einen eigenen Track.
Die Männer mischen den Beton auf der Ladefläche an, dann rennen sie eilig mit der Wanne voll Betonmasse die Straße hinunter, bevor sie aushärtet. Anschließend wird der Stein mithilfe der Sackkarre in den Beton gehoben. Zwei Männer leuchten, Schneid verteilt den nassen Beton. „Achtung! Auto kommt“, warnt einer. An der Ecke befindet sich ein Polizeiabschnitt, Einsatzwägen rücken immer wieder aus und kehren zurück. Für ihre Aktionen drohen dem Kollektiv Strafen. Das Aufstellen der Steine kann als Eingriff in die öffentliche Straßenordnung gewertet werden und eine hohe Geldbuße nach sich ziehen.
Interaktive Street-Art
Nach etwa einer Stunde ist das Werk vollendet. Schon kurz danach bleiben erste Passant*innen stehen, zücken ihre Handys und machen Fotos. Die Reaktionen auf ihre Aktionskunst seien durchweg positiv, erzählt Schneid. „Die Menschen legen an den Grabsteinen Blumen ab, Konfetti und Glitzer.“ Am Watergate-Stein seien auch Stadtführergruppen vorbeigelaufen. Der Manager des Clubs habe Tränen in den Augen gehabt, als er den Stein gesehen habe, erzählt er.
Die meisten Steine bleiben im öffentlichen Raum jedoch nur kurz bestehen. Der Grabstein für das Rosi’s sei nach nur acht Stunden weg gewesen, berichten die Männer. Der vom Watergate sei nach zwei Wochen vom Grünflächenamt entfernt worden. „Man rechnet damit, dass der Stein wegkommt“, sagt ein Mitglied. „Und trotzdem ist es jedes Mal sehr traurig.“ Die nächsten Grabsteine überlegt das Kollektiv mit GPS-Trackern auszustatten.
Die Idee ist, Street-Art interaktiv zu gestalten. Beim Grabstein vor dem Rosi’s etwa konnten Interessierte die Grablaterne öffnen, die Spieluhr aufziehen, Discokugeln zum Leuchten bringen und Musik abspielen lassen. Ein Logo, das man scannen konnte, führte zur Website des Kollektivs. Auch der Stein für die Griessmühle ist interaktiv. Die Künstler haben Minigrabplatten mit dem Code zur Schlüsselbox, in der die Technik für die Beleuchtung steckt, in der Stadt verteilt. „Dann können Menschen die Batterien wechseln und die Farben verändern“, erklärt Schneid – und so den Stein und damit ein Stück Clubkultur am Leben halten.
*Name von der Redaktion geändert
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