Anthropologin über die Weser: „Der Fluss hat das Recht, frei zu fließen“
Ökosystemen werden weltweit immer häufiger eigene Rechte verliehen. Das könnte auch der Weser helfen, sagt die Anthropologin Andrea Mühlebach.
taz: Frau Mühlebach, wie geht es der Weser?
Andrea Mühlebach: Ich glaube, die Weser ist aus der Sicht vieler Bremer:innen ein geschundener Fluss. Er wurde immer wieder vertieft und für ökonomische Zwecke verändert. Es gibt viele Stimmen, die sagen: 'Ach, lassen Sie die Weser doch endlich frei fließen.’
taz: In Neuseeland wurde ein Fluss zur juristischen Person erklärt, weltweit bekommen immer mehr Ökosysteme eigene Rechte. Würde das auch der Weser helfen?
Mühlebach: Es gibt eine weltweite Bewegung für die Rechte der Natur, in der Flüsse immer wieder Protagonisten sind. Die Bewegung argumentiert, dass unsere jetzigen Gesetze nicht ausreichen, um die Gewässer zu schützen. Es braucht vor allem einen kulturellen Umschwung. Wir müssen Flüsse, Seen und andere natürliche Gewässer als lebendige Entitäten verstehen, die eigene Rechte haben.
taz: Bei den Menschenrechten geht es um Werte wie Meinungsfreiheit oder das Recht auf Eigentum. Welche Rechte sollten wir dem Fluss zugestehen?
Mühlebach: Dazu gibt es eine Deklaration von über hundert Umweltschutzorganisationen aus 20 Ländern. Der Fluss hat das Recht, frei zu fließen, das Recht, frei von Verschmutzung zu sein, außerdem auf Biodiversität sowie auf Regeneration und Restauration. Diese Ideen gehen auf indigene, vor allem lateinamerikanische Bewegungen zurück, die das schon seit 500 Jahren sagen.
taz: Die eigenen Rechte kann man notfalls einklagen. Muss der Fluss dafür bis in den Gerichtssaal fließen?
Mühlebach: Nein, es gibt schon interessante Präzedenzfälle, bei denen Flüsse zum Beispiel von den Gemeinschaften vertreten werden, die entlang des Flusses leben. Beim Waitangi in Neuseeland zum Beispiel, ist das ganz klar reguliert. Dort treten einerseits indigene Communitys als 'Guardians’ auf und sprechen für den Fluss. Andererseits gibt es regionale politische Vertreter, die Mitspracherechte haben.
taz: Und diese Vertreter können auch vor Gericht ziehen?
Mühlebach: Ja, in Ländern wie Ecuador ist das gängige Praxis. Man sollte die Rechtspersönlichkeit des Flusses allerdings nicht auf Gerichtsverfahren reduzieren. Das sind auch politische und vor allem kulturelle Bewegungen. Es geht darum, wie wir mit der Natur umgehen. Wir Menschen tun immer so, als könnten wir das Wasser dominieren. Durch den Klimawandel sehen wir, dass wir dem Wasser zunehmend ausgeliefert sind und lernen müssen, mit dem Wasser zu leben.
taz: Warum braucht es den Umweg über die juristische Person, um einen Kulturwandel anzustoßen?
Mühlebach: Unternehmen, NGOs und alle möglichen Institutionen haben juristische Rechte, aber die Natur an sich nicht. Das Recht gibt einem eine Sprache, um den Menschen klarzumachen, dass die Natur mindestens gleichberechtigt sein sollte.
„Was uns mit der Weser verbindet – und was wäre, wenn sie Rechte hätte?“, Vortrag von Anne Michael Flitner von der Uni Bremen ein, Diskussionspartner ist Michael Flitner, Professor für Geographie, Sprecher des artec-Forschungszentrums Nachhaltigkeit und Mitbegründer des Bremer NatureCulture Lab, 29. April, 19 bis 22 Uhr, Hafenmuseum, Am Speicher XI 1, Bremen. Eintritt ist frei
taz: Wenn man das Recht auf freies Fließen nun einklagen könnte, würde das bedeuten, dass die Weser renaturiert wird?
Mühlebach: Ja, das wäre genau im Sinne der Rechte der Natur. Wir haben unsere Flüsse so fundamental verändert, wir haben sie betoniert und begradigt. Renaturierung, ganz abgesehen von den unglaublichen finanziellen Aufwendungen, ist ökologisch total sinnvoll. Es gibt einen berühmten Fall in den USA, bei dem eine indigene Nation im Namen des Lachses vor Gericht gezogen ist.
taz: Mit welchem Ziel?
Mühlebach: Das juristische Argument war, dass die Stadt Seattle mit mehreren Dämmen das Recht der Lachse behinderte, zu ihren Laichplätzen zurückzukehren. Das Urteil lautete aber nicht: Wir müssen alle Dämme zerstören. Stattdessen musste sich die Stadt Seattle bereiterklären, Fischtreppen für den Lachs zu bauen. Im Fall der Weser ist eine vollständige Renaturierung auch nicht realistisch. Aber gewisse Veränderungen könnte man dann sicher einklagen.
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