Geschichte der Ketzer: Die Brüder von Jesus Christus
Der Siegeszug des Christentums als Weltreligion war in seinen Anfängen geprägt von Unterdrückung und Ausgrenzung seiner Konkurrenten.
Um die Dogmen der katholischen Kirche wurde jahrhundertelang gestritten, Zweifler wurden verfolgt und getötet. Ein patriarchaler Machtapparat von Bischöfen mit einem Papst an der Spitze trat den Siegeszug durch die Geschichte und über die Menschen an. „Das Christentum blickt auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte zurück, aber als Religion war es ganz und gar nicht einzigartig“, behauptet die britische Historikerin Catherine Nixey. Wer sich immer schon gefragt hat, wie Geschichten von Jungferngeburt, wunderbarer Brotvermehrung, der Erweckung von den Toten oder der Auferstehung zur Grundlage einer Weltreligion werden konnten, bekommt in ihrem Buch „Ketzer“ nicht eine Antwort geboten, sondern ein Panoptikum verschiedener Spielarten des frühchristlichen Glaubens.
Die britische Historikerin durchstreift die wundersame Welt der Schriften und Sekten des Frühchristentums anhand weniger noch vorhandener Quellen, auch anhand der Auseinandersetzungen antiker Kritiker mit dem Christentum. „Kaum jemand hätte in den ersten Jahrhunderten des Christentums verlässlich vorhersagen können, welche seiner vielen Erzählungen sich gegen andere durchsetzen würden. Aber schließlich sorgten die Zeit und der Zufall dafür, dass einige das Rennen machten. Diese Geschichten kennen wir noch heute. Ich möchte die anderen erzählen“, schreibt die Autorin.
Sie führt in das antike Rom, seine stinkenden Gassen, seine Klassengesellschaft. Sie zeigt die Ängste der Menschen vor Krankheit, ihr Ausgeliefertsein der Dunkelheit, auch auf den unbeleuchteten Straßen Roms in der Nacht. Kein Wunder gab es damals viele Magier, Heiler, Erlöser, sowie zahlreiche selbst erklärte Söhne von Göttern, die Lahme kurierten und Kranke heilten. Die Menschen glaubten und folgten ihnen gern. Führen doch Angst, Unsicherheit, Krankheiten und Verlorenheit schnell dazu, derartigen Heilsversprechen zu folgen.
Unterschiedliche Vorstellungen von Jesus
Im Gegensatz zu den heutigen Lehren der Kirche herrschte in den ersten Jahrhunderten des Christentums kein Konsens darüber, wer Jesus war. Unterschiedliche Gruppen folgten unterschiedlichen Vorstellungen von ihm. Und überall, wo sich das Christentum ausbreitete, vermischte es sich mit dort bereits vorhandenen Glaubensrichtungen. „Von Anfang an hatte das Christentum geleugnet, dass es der griechisch-römischen Welt, aus der es hervorgegangen war, irgendetwas zu verdanken hätte“, schreibt Nixey. Und es leugnete auch die Vermischung mit Elementen aus anderen Kulturen.
Sie wollen beim Googlen taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
Ach, sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen sie doch duckduckgo oder ecosia.
Der Grund, warum wir von diesen Varianten der frühen christlichen Geschichte bislang nichts gehört haben, so legt Catherine Nixey in ihrem Buch nahe, ist, dass alle anderen Spielarten des Christentums unterdrückt wurden. Die frühen Kirchenväter beanspruchten den einen wahren Glauben, sie setzten Himmel und Erde in Bewegung, um sicherzustellen, dass jede andere Version im Keim erstickt wurde. Immer wenn sie auf etwas stießen – einen Text, eine Praxis, einen Glauben –, das sie nicht genehmigt hatten, bezeichneten sie es als „Häresie“ und gingen hart dagegen vor. Häresie, diese Schutzbehauptung des katholischen Absolutismus, beherrschte über Jahrhunderte die Kirchengeschichte, sie führte zur Verfolgung Andersgläubiger, zur Exkommunikation von Martin Luther, zum Hausarrest von Galileo, zur Inquisition.
Catherine Nixey: „Ketzer, Jesus Christus und die anderen Söhne Gottes“. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. DVA München 2026, 432 S., 28 Euro
Zu Beginn ihres Buches erzählt Nixey, dass sie sich – das Kind einer ehemaligen Nonne und eines ehemaligen Mönchs – bis in ihre späten 2020er Jahre als gläubige, römisch-katholische Christin verstand. „Auch wenn ich dem Katholizismus schließlich abschwor, hatte er sich auf mich gelegt, wie aufgewirbelter Staub, der in die kleinsten Ritzen dringt“, schreibt sie. „Noch lange, nachdem ich aufgehört hatte, an Gott zu glauben, stieß ich in meinem Kopf immer wieder auf die Überbleibsel dieses Katholizismus.“ Denn Geschichten, Legenden, die uns immer wieder eingetrichtert werden, verinnerlichen wir und sie scheinen irgendwann unumstößlich wahr zu sein.
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert