Genozidgedenken in Namibia: Das ewige Warten auf Einsicht aus Deutschland
Bis heute verweigert Deutschland Reparationen für den Völkermord an Namibias Herero und Nama während der Kolonialzeit. Die Ungeduld darüber nimmt zu.
Es war ein warmer Morgen im Khomashochland von Namibia. Alte Aktivisten der Volksgruppen der Herero und Nama standen feierlich vor Kerzenreihen. Es war der erste nationale Völkermordgedenktag in Namibia, am 28. Mai vergangenen Jahres, eingerichtet zum Jahrestag der Schließung der deutschen Konzentrationslager im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1908 nach dem Völkermord vier Jahre zuvor.
In diesen Tagen wird auch des Beginns des Aufstands der Herero und Nama gegen die Deutschen gedacht. Und jedes Gedenken in Namibia ruft nicht nur die damaligen Ereignisse in Erinnerung, sondern erinnert auch daran, dass die Nachfahren der Opfer immer noch darauf warten, dass Deutschland seine wiederholten Versprechen erfüllt.
Am 11. und 12. Januar 1904 hatte der Aufstand der Herero gegen die deutschen Siedler in der damaligen Kolonie begonnen, den die deutsche Armee unter General Lothar von Trotha in den folgenden vier Jahren brutal niederschlug. Sein berüchtigter „Vernichtungsbefehl“ („Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“) trieb Zehntausende Menschen in die lebensfeindliche Wüste Kalahari, wo sie verhungerten und verdursteten.
Dazu kamen systematische Hinrichtungen und Zwangsarbeit – nach Ansicht von Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Schätzungsweise 65.000 Herero und 10.000 Nama – jeweils bis zu 80 und 50 Prozent der Gesamtbevölkerung der beiden Volksgruppen – kamen ums Leben.
„Unsere Erwartungen an Gerechtigkeit sind noch nicht erfüllt“, sagt Herero-Aktivist Israel Kaunatjike, Gründer der Kampagne „No Amnesty on Genocide“. „Unsere Vorfahren wurden abgeschlachtet, Land wurde gestohlen, und jetzt warten wir.“
Deutschland bietet bloß Entwicklungshilfe an
Nach Jahrzehnten des Herumdrucksens erkannte Deutschland die kolonialen Massaker 2021 endlich als Genozid an, wenn auch nicht im juristischen Sinne. In einer „gemeinsamen Erklärung“ mit der Regierung Namibias gestand die deutsche Bundesregierung, dass deutsche Truppen damals genozidale Gewalt verübt hätten, und verpflichtete sich zur Zahlung von 1,1 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren für die Entwicklung der Regionen, wo die Nachfahren der Herero- und Nama-Opfer heute leben.
Deutsche Amtsträger präsentierten dies als eine Geste der Versöhnung, nicht als eine rechtlich definierte Reparationszahlung. Der damalige SPD-Außenminister Heiko Maas, eine Schlüsselfigur der Verhandlungen, bat um Vergebung und erklärte: „Wir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive waren: ein Völkermord.“ Aber das Auswärtige Amt präzisierte: „Rechtliche Ansprüche auf Entschädigung lassen sich daraus nicht ableiten.“
Kritiker sagen, Reparationen und Entwicklungshilfe sind zwei verschiedene Dinge, und zwar nicht nur sprachlich. Anders als bei den Opfern des Holocausts an den europäischen Juden wird im Falle der Herero und Nama der Begriff „Reparationen“ oder „Wiedergutmachung“ von deutscher Seite vermieden, um keinen Präzedenzfall für Forderungen aus anderen ehemaligen deutschen Kolonien zu schaffen.
Dazu kommt: Bis heute sind keine Zahlungen oder auch nur detaillierte Umsetzungspläne auf der Grundlage der „Gemeinsamen Erklärung“ erfolgt. Erst im Dezember 2025 stellte ein Bericht fest, dass noch keine Gelder an die Opfer geflossen sind. Das liegt laut Analysten an bürokratischen und politischen Hürden auf beiden Seiten und am deutschen Beharren darauf, dass das Geld nicht als Entschädigung zu werten ist. In Namibia stieß das Verhandlungsergebnis mit Deutschland auf breite Kritik, Nachfahren der Opfer reichten Klage ein.
„Entwicklungsprojekte sind vielen Namibiern willkommen, aber sie erfüllen nicht die Forderungen nach Gerechtigkeit für den Völkermord an sich“, sagt John Nakuta, Menschenrechtsjurist an der University of Namibia.
Nachfahren der Überlebenden fühlen sich ausgegrenzt
Die Herero- und Nama-Gemeinschaften saßen nicht am Verhandlungstisch. Namibias Regierung sagte, sie verhandle im Namen all ihrer Bürger, aber die direkten Nachfahren der Überlebenden fühlten sich oft an den Rand gedrängt.
Amnesty International kritisiert, dass die deutsche Regierung nicht direkt mit den betroffenen Gemeinschaften sprechen und sich nicht zu einer rechtlich bindenden Entschädigungsverpflichtung bekennen will. „Es kann keine echte Gerechtigkeit geben, wenn die Betroffenen aus den Gesprächen ausgeschlossen sind.“ Deutschlands Umgang mit dem Völkermord bleibe über ein Jahrhundert später eine „Schande“, so Amnesty-Regionaldirektor Tigere Chagutah.
Die Forderung nach Reparationen umfasst Landrechte und die Restitution aller nach Europa gebrachten menschlichen Überreste der Völkermordopfer. Entwicklungsprojekte von außen hingegen werden eher als eine drohende Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse gesehen, die das seit der Kolonialzeit währende Unrecht nicht adressiert.
Namibias neue Präsidentin will neu verhandeln
Namibias Regierung unter der neugewählten Präsidentin Netumbo Nandi‑Ndaitwah hält den Druck auf Berlin aufrecht, mehr zu tun als Symbolpolitik. Beim ersten offiziellen Völkermordgedenktag 2025 bekräftigte sie das Bestreben der Regierung, die Verhandlungen weiterzuführen, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht sei, das den Völkermord anerkenne und Reparationen leiste. „Wir müssen dabei bleiben, dass wir als Nation bis zum Endergebnis weiterkämpfen“, sagte sie.
Nandi-Ndaitwah hat sich optimistisch gezeigt, dass es bis 2026 eine neue Vereinbarung geben kann. Namibia erwarte von Deutschland nicht bloß Entwicklungshilfe, sondern eine vollumfängliche Anerkennung, Entschuldigung und Entschädigung, sagt sie.
Deutschland bleibt dabei, dass es keine Reparationen für koloniale Verbrechen geben kann, da die entsprechenden internationalen Rechtsbestimmungen damals noch nicht existiert hätten und somit keine Rechtsverletzung vorliege, für die Entschädigung zu leisten wäre. Der Ansatz, moralische statt juristische Verantwortung geltend zu machen und Versöhnung anstelle von Wiedergutmachung zu leisten, soll es vermeiden, Forderungen aus weiteren Ländern Tür und Tor zu öffnen
Aber in Namibia werden die Forderungen nach Reparationen lauter und die Einmütigkeit in der Gesellschaft steigt und kann immer schwerer ignoriert werden. „Anerkennung ist wichtig, aber Entschädigung und Gerechtigkeit müssen folgen“, sagt Kaunatjike.
Kann es Gerechtigkeit ohne Wiedergutmachung geben? Das ist die Frage, der sich beide Regierungen jetzt stellen müssen. Tausenden Namibiern, deren Familien die Wunden der Zerstörung von Leben, Land und Kultur in sich tragen, ist die Antwort klar.
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