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Genderperformance und NagellackWild Boys always shine

Männer lackieren sich die Fingernägel, neu ist das nicht. Es bleibt dabei: Das Weibliche entmannt vermeintlich den Mann, das Männliche variiert die Frau.

M ein Vater trägt jetzt Nagellack!“, sagt der Freund und schabt das Angebrannte vom Entrecôte.

„Welche Farbe?“, fragt die Freundin.

„Metallic Grün.“

„Wie alt war er noch mal?“

„78.“

„Und hat er das irgendwie erklärt?“, fragt die andere Freundin.

„Er sagte, er wolle einfach noch mal was Neues ausprobieren.“

„Vielleicht will er sich ein bisschen jung fühlen.“

„Was machen junge Männer denn so?“

„Ich weiß nicht, ich bin ja nicht mehr jung und habe keine Söhne.“

Junge Männer wählen AfD.“

„Aber auch die Linke.“

„Sie weichen von Geschlechternormen ab.“

Wie rebelliert man, wenn es gegen alles schon ne Rebellion gibt?

„Oder sie potenzieren Geschlechternormen.“

„Wie rebelliert man, wenn es gegen alles schon ’ne Rebellion gibt?“

„Als Frau kannst du immer noch einfach aufhören, dir die Beine und Achseln zu rasieren und so im Sommer rausgehen, voll easy shocking, alle glotzen und lästern.“

„Als Mann könnte man ein Kleid anziehen.“

„Aber dann denkt niemand, dass du dich als Mann fühlst, der eben mal ein Kleid anzieht.“

„Als Frau mit Haaren unterm Sommerkleid bleibst du Frau, nur eben eine, die sich nicht an die Regeln hält.“

„Und ein Mann im Kleid ist kein Mann mehr?“

„Es geht darum, was die Leute denken.“

„Wer sind die Leute?“

„Die, die starren und tuscheln.“

„Als Frau kannste dich anziehen, wie du willst, Frau bleibt Frau, auch in Sakko und Uniform.“

„Das Weibliche entmannt vermeintlich den Mann, das Männliche variiert die Frau.“

„Sexismus hält das Zepter weiter fest in der Hand.“

„Und der Nagellack ist in diesem Kontext eine kleine Revolution?“

„Der Nagellack exponiert die Stabilität des Männlichen beim Hetero, schreibt mir mein Neffe gerade zurück, kritisch im akuten Kontext nenne man es nun auch Performative Male!“

„Aber gab es das nicht auch schon?“

„Da hieß das Glamrock!“

„Back in the Seventys musste ein Hetero sich nicht klassisch stylen wie ein Mann.“

„Die ultraenge Jeans performte das Gehänge.“

„Und auf den Bühnen schillerten die Males in superfemininer Optimierung!“

„Aber mit Brusthaar!“

„War das sexuell mehrdeutig oder einfach hetero-experimentell?“

„Immerhin war Weiblichkeit temporär the Shit für Powermänner.“

„Na ja, in Künstlerkreisen.“

„Superstars dürfen sowieso immer alles.“

„Aber in den Siebzigern war Genderperformance so gar nicht an die sexuelle Orientierung gekoppelt.“

„Bei Harry Styles ist sie das auch nicht.“

„Bowie hat damals gelogen, er war gar nicht bi.“

„Glamrock war fauler Hetero-Zauber.“

„Der faule Zauber heißt jetzt Queerbaiting!“

„Was kam dann?“

„Duran Duran!“

„Wild Boys mit Eyeliner.“

„Culture Club!“

„Alle Mädchen waren verliebt in Boy George!“

„Waren dann nicht alle diese Mädchen im Grunde queer?“

„Hm.“

„Punks haben sich auch geschminkt.“

„Und dann so New Romantic!“

„Trist Romantic!“

„Hä?“

„The Cure!“

„Gender war Pop und kreuz und quere Modefantasie.“

„Und warum haben jetzt, POV 1986, in der ultimativen Zukunft alle so ein Ding mit Nagellack am Manne?“

„Eigentlich ein alter Hut und ändert auch nichts.“

„Es geht doch immer wieder von vorn los.“

„Damals folgte dann ein Hype um Heavy, Doom und Death Metal.“

Die Leute wollen unterm Strich immer lieber eine einfache Wahrheit.

„Immerhin trugen auch die das Haar lang.“

„Aber das kann ja auch so ein Wikinger-Ding sein.“

„Neben dem Fortschritts-Teaser bäumt sich stets Re-Maskulinisierung auf.“

„Die Leute wollen unterm Strich immer lieber eine einfache Wahrheit.“

„Was ist eine einfache Wahrheit?“

„Der Nagellack-Sommertrend im Jahre 2026 ist Butter Yellow, am besten mit einem leichten Perlmutt-Glanz.“

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Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan

Jasmin Ramadan ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr neuer Roman „Reality“ ist 2025 im im Weissbooks Verlag erschienen. 2020 war sie für den Bachmann-Preis nominiert. In der taz verdichtet sie im 4-Wochen-Takt tatsächlich Erlebtes literarisch.
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