piwik no script img

Gemeinsam gegen Staat und Standards Demokratie in der Vertrauenskrise

Die Enttäuschung über den Staat und seine Institutionen wächst. Warum „Misstrauensgemeinschaften“ die Demokratie unter Druck setzen und was jetzt nötig wäre, erklärt Soziologe Aladin El-Mafaalani.

Wie können Leute wieder vertrauen, die das Vertrauen verloren haben, Aladin El-Mafaalani? Foto: Louisa Stickelbruck

taz FUTURZWEI : These: Früher haben wir Linke dem Staat, den Institutionen und den etablierten Parteien misstraut und heute misstrauen die Rechten. Wie kommt das?

Aladin El-Mafaalani: Ich kann nicht beurteilen, ob Linke wirklich dem Staat gegenüber misstrauisch waren. Ich denke eher, man hat ein paar Akteuren misstraut. Was ich aber sagen würde: Heute existiert insgesamt eine größere Anfälligkeit für Populismus und für Verschwörungserzählungen. Und davon sind sowohl Rechte als auch Linke betroffen. Dafür gibt es auch international Hinweise. Aber das wird im Augenblick am stärksten von sogenannten rechtspopulistischen Parteien mobilisiert. Wir sehen ja am Beispiel des BSW, dass man auch mit einem linkeren Drall erfolgreich sein kann. Ich würde auch das BSW als Partei sehen, die Misstrauen kanalisiert.

taz FUTURZWEI: Der Ausgangspunkt für Ihr Buch Misstrauensgemeinschaften war, dass Sie Bekannte oder Freunde haben, die Ihnen ihr Kind anvertrauen, aber nicht Ihren Ergebnissen als Wissenschaftler trauen.

El-Mafaalani: Selbst Menschen, die mich persönlich lange und gut kennen, haben ein generalisiertes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, besonders seit der Pandemie. Die sagen: Ich kenne Aladin sehr lange, ich weiß, er hat keine eigene persönliche Agenda, und trotzdem vertraue ich ihm als Teil des Systems nicht. Da wusste ich, dass wir echt ein Problem haben, denn eigentlich basiert sehr vieles darauf, dass man auch Leuten vertrauen muss, die man nicht persönlich kennt. Nachdem ich erstmal persönlich überrascht war, dachte ich, oje, das ist ein ernst zu nehmendes Problem. Denn die meisten Wissenschaftler wird man gar nicht kennenlernen können. Wie kann man da Vertrauen wiedergewinnen?

Die neue taz FUTURZWEI

taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°36: Die AfD interessiert uns nicht

Jetzt im taz shop bestellen

Statt Rechtspopulisten politisch hinterherzurennen, plädieren wir für politische und gesellschaftliche Reformen zum Erhalt der großen demokratischen Mehrheit. Welche sind das? Das diskutieren wir in diesem Heft.

Mit: Aladin El Mafaalani, Beate Küpper, Johannes Heimrath, Maxim Keller, Ruth Fuentes, Wolf Lotter, Arno Frank, Vivika Lemke, Carla Hinrichs, Kevin Kühnert, Harald Welzer u. v. m..

taz FUTURZWEI: Sie unterscheiden zwei Arten von Vertrauen, blind und konstruktiv, und zwei Arten von Misstrauen, konstruktiv und destruktiv. Wenn ich heirate und einen Ehevertrag abschließe, ist das dann konstruktives Vertrauen oder destruktives Misstrauen? Und wenn ich keinen abschließe, ist das dann blindes Vertrauen?

El-Mafaalani: Das weiß ich nicht. Ich finde es auffällig, dass sehr viele Menschen keinen Ehevertrag haben. Daran sieht man, dass hier umfassendes Vertrauen stark ausgeprägt ist. Ich vertraue meiner Partnerin und sie mir, und gleichzeitig wissen wir, dass, zum Beispiel, Untreue und Fremdgehen irgendwann im Laufe der Beziehung statistisch gesehen relativ wahrscheinlich sind.

taz FUTURZWEI: Ein Drittel der Ehen in Deutschland wird geschieden.

El-Mafaalani: Dennoch gehen die meisten davon aus, dass es nicht passiert, und dadurch entsteht eine große Stabilität in der Beziehung. Das ist weder blind noch destruktiv. Denn der Vorteil dieses Vertrauens ist deutlich größer als der Nachteil, würde es fehlen. Man könnte gar keine Beziehung mehr eingehen. Dieses Problem haben ja viele Menschen, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Deswegen würde ich sagen, in der direkten, unmittelbaren, persönlichen Begegnung ist der Modus des Misstrauens nicht sinnvoll, wenn man eine dauerhafte Kooperation möchte. Wenn es eine kurzfristige Kooperation ist, etwa wenn dein Versicherungsberater kommt, dann solltest du nicht alles glauben. Das wäre blind. Aber gar keine Versicherung abzuschließen, wäre auch nicht günstig. Das wäre destruktives Misstrauen.

taz FUTURZWEI: Vertrauen ist eine zentrale Grundlage, damit liberale Demokratie funktionieren kann, sagen Sie. Also: Ich gehe davon aus, dass das schon hinhaut, obwohl ich es letztlich nicht wissen kann. Warum genau schwindet dieser Vertrauensvorschuss jetzt bei Leuten?

El-Mafaalani: Die letzten Studien haben gezeigt, dass eigentlich nur die Hälfte der Bevölkerung sagt, dass die Demokratie im Augenblick alles in allem gut funktioniert. Das ist tatsächlich eine starke Problemwahrnehmung. Etwa ein Drittel hat eine Anfälligkeit für Populismus und Verschwörungsideologie. Vertrauen ist übrigens nicht nur wichtig für Politik, sondern für sehr viele Bereiche. Das ist das Besondere an modernen, komplexen Gesellschaften und die Grundlage für Demokratie und eine funktionierende Marktwirtschaft: Man muss Akteuren vertrauen, die man nicht persönlich kennenlernen wird. Und man muss auf Kontrolle verzichten, und zwar auch deshalb, weil man selbst überhaupt keine Kontrolle leisten kann.

Bild: Louisa Stickelbruck
Aladin El-Mafaalani

Aladin El-Mafaalani ist Professor für Soziologie an der TU Dortmund.

Bücher: „Das Integrationsparadox“ (2018), „Mythos Bildung“ (2020) sowie „Kinder - Minderheit ohne Schutz“ (2025). Sein neues Buch „Misstrauensgemeinschaften: Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“, ist kürzlich bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

taz FUTURZWEI: Heißt konkret?

El-Mafaalani: Kann der Arzt seinen Job, kann der Pilot seinen Job? Darauf muss man vertrauen. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat schon vor Jahrzehnten beschrieben, dass vertrauensstarke Kulturen auch ökonomisch erfolgreicher wurden, weil die Marktwirtschaft sich stärker durchsetzen konnte, da man innovativer und risikobereiter war und nicht die hohen Kosten von vertrauensarmen Kulturen hatte, die permanent kontrollieren und aufgrund von Misstrauen bestimmte Kooperationen und Risiken nicht eingehen.

taz FUTURZWEI: Vertrauen ist also Verzicht auf Kontrolle oder Unmöglichkeit der Kontrolle. Jetzt gibt es aber doch dieses tolle Sprichwort: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ist das falsch?

El-Mafaalani: Vertrauen ist besser, aber es muss natürlich funktionieren. Deswegen braucht man im Prinzip beides. Würden alle allen vertrauen, dann bräuchten wir praktisch kaum noch Polizei, kaum noch Gerichte, kaum noch all diese anderen Institutionen, die kontrollieren. Das ist aber ein sehr unrealistisches Szenario. Da wir aber in einer sehr komplexen Gesellschaft leben, stellt sich die Frage: Wie will man eigentlich kontrollieren, und wie wird kontrolliert? Der Bürger kann die Reinheit seiner Lebensmittel nicht kontrollieren, das nur mal als Beispiel. Da hat die moderne Gesellschaft etwas Geniales gemacht, die Systeme haben ihre eigenen Kontrollmechanismen, wie Armin Nassehi immer betont.

Bild: Paulina Unfried
Peter Unfried

Peter Unfried ist Chefreporter der taz und Chefredakteur von taz FUTURZWEI, Magazin für Zukunft und Politik. Außerdem Kolumnist und Autor. Spezialinteresse: Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen ernsthafte Klimapolitik möglich wird. Unfried lebt in Berlin-Kreuzberg und wuchs in Stimpfach, Baden-Württemberg, auf.

taz FUTURZWEI: Die systemtheoretische Perspektive?

El-Mafaalani: Genau. Es gibt kein Zentrum mehr in der Gesellschaft, das alles kontrolliert, sondern jedes System ist weitgehend autonom und selbst für Kontrolle zuständig. Innerhalb der Lebensmittelindustrie gibt es Lebensmittelkontrolleure. Innerhalb der Wissenschaft kontrollieren sich die Wissenschaftler gegenseitig, indem sie die Arbeit der Kollegen begutachten und kritisieren. Will man ein Gerichtsurteil verändern, muss man an ein anderes Gericht. Und wenn einem irgendein Gesetz missfällt, braucht es eine andere politische Mehrheit, um es zu ändern. Das heißt, es wird eigentlich immer nur innerhalb der Systeme überprüft, verändert, kontrolliert. In jedem System sind also Misstrauensstrukturen integriert.

In einer liberalen Demokratie sind die Wissenschaft, der Journalismus und das Rechtssystem besonders wichtige Systeme.

taz FUTURZWEI: Denen muss man aber auch vertrauen.

El-Mafaalani: Richtig. Es gibt in allen Systemen misstrauische Berufe, und diese misstrauischen Berufe leben davon, dass man ihnen vertraut. Und deswegen ermitteln wir nicht selbst Täter, sondern vertrauen darauf, dass die Kriminalpolizei von Berufs wegen misstrauisch ist und das übernimmt. Aber wir entwickeln uns in vielen Bereichen in eine Richtung, in der das zunehmend nicht mehr gewährleistet ist. In einer liberalen Demokratie sind die Wissenschaft, der Journalismus und das Rechtssystem besonders wichtige Systeme. Die Lebensmittelversorgung ist in jedem politischen System der Welt existenziell wichtig, das gilt für China gleichermaßen wie für Deutschland.

taz FUTURZWEI: Deshalb werden Wissenschaft, Medien und Rechtssystem auch von Rechtspopulisten strategisch angegriffen. Aber was bringt destruktives Misstrauen den Leuten?

El-Mafaalani: Durch digitale Medien sind misstrauische Leute erstmals in der Lage, untereinander Kooperationen einzugehen. Und jetzt passiert etwas Interessantes: Misstrauische Menschen vertrauen anderen misstrauischen Menschen und bilden Misstrauensgemeinschaften. Es kommt zu Vergemeinschaftung auf der Grundlage von geteiltem Misstrauen. Aus der anstrengenden Lebensführung des einzelnen Misstrauenden entsteht jetzt ein Team.

taz FUTURZWEI: Eine Misstrauensgemeinschaft, wie Sie das nennen.

El-Mafaalani: Ja, und diese Vergemeinschaftung ist auf Feindschaft ausgerichtet. Sie richtet sich gegen die etablierten gesellschaftlichen Systeme und auch gegen die Demokratie. Die politische Kanalisierung wird durch die „Alternative für Deutschland“ gemacht. Und die Kommunikation läuft über alternative Medien. Das Interessante ist, dass sich nicht nur in der Politik, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen Alternativstrukturen aus Misstrauen entwickelt haben.

Das Interessante ist, dass sich nicht nur in der Politik, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen Alternativstrukturen aus Misstrauen entwickelt haben.

taz FUTURZWEI: Medien, klar. Was noch?

El-Mafaalani: Das geht bis hin zu Geld. Kryptowährung entsteht mit dem Bitcoin im Jahr der Finanzkrise, und im Protokoll zum Bitcoin steht, dass es eine trustless structure sein soll, also eine alternative und digitale Form des Geldes, das angeblich ohne Vertrauen in Zentralbanken, Staaten und so weiter auskommt. Alle anderen Kryptowährungen folgen ein bisschen dieser Idee. Die Alternativstrukturen sind immer digital. Es ist folgerichtig, dass die AfD heute die stärkste Partei im digitalen Raum ist.

taz FUTURZWEI: Inwiefern?

El-Mafaalani: Die Digitalisierung ist nicht ursächlich für das Misstrauen, aber ohne die digitale Infrastruktur hätte es diese Misstrauensstrukturen so nicht geben können. Es ist eine interessante Frage, ob die von Ihnen eingangs erwähnten linken Alternativen aus den 70er- und 80er-Jahren auch die Demokratie herausgefordert hätten, wenn es die Möglichkeit digitaler Gegeninfrastrukturen gegeben hätte.

taz FUTURZWEI: Man hat aus Misstrauen gegen Mehrheitsgesellschaft, Politik und Medien alternative Parteien und alternative Zeitungen gegründet, die Grünen und die taz. Die Pointe ist doch, dass wir die Alternativen waren und jetzt sind die anderen die Alternativen.

El-Mafaalani: Richtig, aber die Alternativen, die Sie beschreiben, sind Alternativen, die im Prinzip in die etablierten Strukturen –integriert sind oder sogar von Anfang an in diesen etablierten –Strukturen gearbeitet haben. Es wurde eine Zeitung gegründet, die dann aber journalistisch-professionell gearbeitet hat. Der Begriff Alternative oder alternativ wird heute anders verwendet als früher.

taz FUTURZWEI: Was ist der Unterschied?

El-Mafaalani: Vieles von dem, was sich mit dem Begriff Alternative heute etabliert hat, missachtet die Standards. Alternative Fakten sind explizit Fakten jenseits der wissenschaftlichen Standards. Unabhängig von rechts oder links ist der digitale Raum dazu geeignet, eine große Reichweite zu erzielen, ohne professionell zu sein, ohne große finanzielle Rahmenbedingungen zu haben und auch weitgehend ohne Expertise. Letzteres ist der Grund, warum ich mir besonders Sorgen mache.

taz FUTURZWEI: Können Sie das ausführen?

El-Mafaalani: Menschen vertrauen anderen Personen allein oder hauptsächlich aufgrund des gemeinsam geteilten Misstrauens. Deswegen heißt es auch Misstrauensgemeinschaft: Man beurteilt die anderen Leute nicht anhand von Kompetenzen, sondern anhand einer geteilten Zugehörigkeit. Man wird eine Art Team, das gegen die etablierten professionellen Systeme gerichtet ist.

Misstrauen wird durch Populisten ja im wahrsten Wortsinn verkörpert.

taz FUTURZWEI: Die AfD muss demnach auch nichts „können“, außer die anderen schlimm zu finden?

El-Mafaalani: Wenn meine Analyse stimmt, dann würde eine regierende AfD eben nicht entzaubert durch schlechtes Regieren und dann abgewählt, zumindest nicht von diesen Misstrauensgemeinschaften. Es reicht dann schon, die eigenen Leute zu repräsentieren und das Misstrauen zu demonstrieren. Misstrauen wird durch Populisten ja im wahrsten Wortsinn verkörpert.

taz FUTURZWEI: Miserables Regieren hätte keinerlei Folgen?

El-Mafaalani: Es ist nicht ausgeschlossen, dass man nach einem anderen Populisten ruft, wenn Populisten sehr lange schlecht regieren. Aber es ist unwahrscheinlich, dass man durch schlechtes Performen einer populistischen Partei wieder denen vertraut, denen man mit Misstrauen begegnet ist. Das sieht man auch bei Donald Trump: Wenn das Wählerpotenzial für Trump bei 55 Prozent liegt, dann würde ich sagen, Pi mal Daumen 40 Prozent wählen ihn so oder so. Er muss dann immer nur noch einen kleinen Anteil von denen dazu gewinnen, die misstrauisch sind, aber nicht so destruktiv.

Ein Porträt des Soziologen Aladin El-Mafaalani zu sehen. Er trägt ein blaues Hemd und guckt direkt in die Kamera.
Foto: Jennifer Fey
Aladin El-Mafaalani im Weiterdenken-Gespräch

Was stoppt die AfD, Herr El-Mafaalani? Aladin El-Mafaalani analysiert in seinem neuen Buch „Misstrauensgesellschaften” den Erfolg von Trump und AfD. Das taz FUTURZWEI Weiterdenken-Gespräch zu den Landtagswahlen diesen Jahres.

Die Veranstaltung vor Ort ist bereits ausgebucht. Einen Link zum kostenlosen Livestream finden Sie hier.

taz FUTURZWEI: Wie definieren Sie: misstrauisch, aber nicht destruktiv?

El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften sind tendenziell destruktiv und ausgerichtet auf das Bekämpfen des Etablierten, vielleicht sogar der demokratischen Strukturen, wie wir sie kennen. Es gibt aber natürlich viele Menschen, in Deutschland wahrscheinlich die Mehrheit, die zwar Probleme mit dem Vertrauen haben, aber grundsätzlich konstruktiv sind, die die liberale Demokratie wieder stark und funktionstüchtig machen wollen.

taz FUTURZWEI: Das ist das, was Sie „konstruktives Misstrauen“ nennen.

El-Mafaalani: Misstrauen an sich ist eine wichtige Sache für eine Gesellschaft. Vertrauen ist das, was einer Gesellschaft richtig viel Kraft gibt, wie die Muskeln eines Körpers, und Misstrauen ist das Immunsystem. Der Körper braucht ein gutes Immunsystem. Wenn aber das Misstrauen zu stark wird, dann kann es zu einer Autoimmunerkrankung kommen und genau das sind diese Misstrauensgemeinschaften: Das Immunsystem greift den Körper an und wird damit destruktiv.

taz FUTURZWEI: Die Misstrauensgemeinschaften speisen sich auch daraus, dass liberaldemokratische Überlegenheitsansprüche in puncto Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit herausgefordert werden. Also: Ihr seid gar nicht demokratisch, ihr seid elitär, ihr raubt unsere Freiheit. Wie kann man da Vertrauen wiederherstellen? Die linke Antwort ist: Wir haben ein Gerechtigkeitsproblem. Mehr Umverteilung.

El-Mafaalani: Ich glaube nicht, dass Gerechtigkeit das primäre Problem ist. Wir haben eher ein Problem der Funktionalität, also der Handlungsfähigkeit des Staates. Man soll einem Akteur vertrauen und stellt fest, dass Dinge in den Bereichen nicht funktionieren, in denen dieser Akteur die alleinige Zuständigkeit hat. Sagen wir, der Akteur, der für Verteidigung zuständig ist, sagt: Wir haben eine Bundeswehr, aber wir könnten uns damit nicht verteidigen. Wir könnten nicht einmal den Luftraum einer einzigen Großstadt absichern.

taz FUTURZWEI: Da denkt man: Hm.

El-Mafaalani: Und der gleiche Akteur ist der Einzige, der ein Bildungssystem aufrechterhalten kann in guter Qualität. Und das funktioniert auch nicht. Es gibt viele Probleme im internationalen Kontext, die eine Regierung oder ein Staat nicht allein im Griff hat. Aber dass die Bahninfrastruktur funktioniert, dass wir uns digitaler aufstellen, dass ein Rentensystem auch dann noch funktioniert, wenn so viele Menschen wie nie in der Geschichte in Rente gehen, das kann und muss der Nationalstaat regeln. Das kann indirekt auch mit sozialer Gerechtigkeit zu tun haben, aber primär liegt das Problem in der Funktionalität.

taz FUTURZWEI: Gut, aber Gerechtigkeit …

El-Mafaalani: Bevor wir über Gerechtigkeit sprechen, kommt noch etwas Zweites hinzu. Der Staat tritt immer stärker als Regulator in Erscheinung in Bereichen, wo er gar nicht unbedingt aktiv sein müsste. Das wird in der Wissenschaft schon länger als Verrechtlichung des Sozialen beschrieben.

taz FUTURZWEI: Populär gesagt: Überregulierung.

El-Mafaalani: Im Prinzip wird alles immer stärker durch politische Akteure und dann auch durch Gesetzgebung bearbeitet. Das Bildungssystem funktioniert nicht, aber die Verrechtlichung und Regulation des Bildungssystems hat kaum vorstellbare Ausmaße angenommen. Und das hat sich überall breitgemacht. Im Gesundheitswesen leiden alle Mediziner und alle Pflegeberufe darunter. Oder wie viele Dokumentationspflichten mittlerweile da sind, wenn man sich selbstständig machen will. Was im Übrigen alles darauf hindeutet, dass der deutsche Staat seinen Bürgern zunehmend nicht oder nicht mehr vertraut.

taz FUTURZWEI: Woraus für Sie folgt?

El-Mafaalani: Auch als Nationalstaat hat man einen Handlungsspielraum, um Vertrauen wieder herzustellen. Der Staat muss auftreten als Akteur, der die Kontrolle und Handlungsfähigkeit über die Themen hat, die seine Aufgabe sind. Da muss er funktionieren. Und wenn er reguliert mit dem Versprechen, es wird jetzt besser, und wenn dann diese Erwartungen nicht erfüllt werden, enttäuscht er. Enttäuschte Erwartungen sind fast ein Synonym für Vertrauensverlust. Und das zweite Risiko beim Regulieren ist: Je mehr der Staat reguliert, im beruflichen wie im privaten Kontext, desto stärker ersetzt er Vertrauen durch Recht.

Je mehr der Staat reguliert, im beruflichen wie im privaten Kontext, desto stärker ersetzt er Vertrauen durch Recht.

taz FUTURZWEI: Was ist gegen Recht zu sagen?

El-Mafaalani: Die Stärke von Vertrauen ist ja, dass man in einer Kooperation ein Risiko eingeht und auf Kontrolle verzichtet. Und dadurch entstehen die Synergieeffekte, die Fukuyama beschrieben hat, die zu wirtschaftlicher Prosperität führten. Verrechtlichung ist in gewisser Hinsicht auch ein Teil des Kontrollierens und hat nicht dieselbe Kraft.

taz FUTURZWEI: Rechte für Frauen, für Minderheiten, das ist wichtig.

El-Mafaalani: Ja, eine ganze Weile lang hat diese Verrechtlichung auch positive Effekte gehabt für Vertrauen. Wenn ich weiß, was rechtlich erlaubt ist und was nicht, dann engt das den Handlungsspielraum der anderen Person ein, der ich vertraue. Das macht es leichter zu entscheiden, ob ich Peter Unfried vertraue, wenn ich mit ihm eine Geschäftsbeziehung eingehe. Aber irgendwann kommt ein Kipppunkt und die Verrechtlichung führt dazu, dass Vertrauen zwischen Menschen geschwächt wird. Zugleich enttäuscht der Staat dadurch mit einer größeren Wahrscheinlichkeit, was wiederum das Vertrauen in den Staat schwächt.

taz FUTURZWEI: Der von Ihnen unterstellte Handlungsspielraum des Staates wird kleiner. Nehmen wir an, die Merkel-Regierung hätte handeln können, wollte aber nicht, weshalb es schön ruhig blieb. Die Ampel wollte, konnte aber in der Konstellation nicht, woraufhin das Vertrauen erodierte. Dann kam die nächste Regierung, das Vertrauen ist noch schneller erodiert. Jetzt gibt es gar keine mögliche Regierungskonstellation mehr, bei der immerhin wir Liberaldemokraten sagen würden, mit denen kriegen wir das jetzt hin. Wir sind in einer Vertrauenserosionsdynamik drin.

El-Mafaalani: Das ist ein sehr parteipolitisches Problem. Ganz schön viele Punkte, von denen ich jetzt gerade gesprochen habe, wären wahrscheinlich parteienübergreifende Themen, die man bearbeiten könnte. Aber Sie haben recht, eine stabile Regierung auf die Beine zu stellen, wird immer schwieriger. Es ist aber auch nicht so, dass sich das Vertrauen erst wieder stärkt, wenn die Bundeswehr wieder auf Augenhöhe mit anderen Armeen ist, wenn die Bahn wieder pünktlich ist und alles flutscht.

taz FUTURZWEI: Sondern?

El-Mafaalani: Es geht nicht um einen Idealzustand, sondern darum, dass man Verbesserungen in verschiedenen Bereichen wahrnimmt. Vertrauen ist eine Zukunftserwartung. Die Gegenwart gibt dir einen Hinweis dafür, ob es rational ist, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Wenn die Gegenwart auch nur etwas besser ist als die Vergangenheit, dann reicht diese stabile kleine Verbesserung schon, um die Erwartung zu stärken, dass es sich in Zukunft weiter positiv entwickeln wird.

taz FUTURZWEI: Die Grunderwartung vieler ist aber, dass politisches Handeln, dass Reformen a priori negativ sind, siehe Gebäudeenergiegesetz.

El-Mafaalani: Wenn man positive Zukunftsorientierung als längerfristigere Perspektive entwickeln würde, dann würde es Menschen leichter fallen, die aktuelle Situation einzuordnen. In der Wirtschaft, zum Beispiel, können die aktuellen Zahlen eines Unternehmens sehr schlecht sein, aber der Aktienkurs geht hoch, weil man sieht, in welche Richtung dieses Unternehmen sich zu entwickeln scheint. In den Aktienkurs ist die Zukunft schon eingepreist.

taz FUTURZWEI: Der Staat soll das auch machen?

El-Mafaalani: Erstmal geht es darum, damit aufzuhören, Erwartungen zu erzeugen, um sie relativ zügig zu enttäuschen. Das ist ja das, was wir von der Merz-Regierung als Erstes gesehen haben, dass man das Gegenteil der Ankündigungen gemacht hat. Wenn man Erwartungen erzeugt und die Wähler einem deshalb ihre Stimme geben, kann man das als Vertrauensvorschuss beschreiben. Und wenn dann diese Erwartungen unmittelbar enttäuscht werden, dann verlieren auch Leute, die bisher nicht destruktiv waren, das Vertrauen.

taz FUTURZWEI: Ja, gut, aber nach der Wahl anders zu handeln als angekündigt, das gab es auch schon immer.

El-Mafaalani: Das ist eine eingeübte Praxis, stimmt, aber es macht einen Unterschied, ob Versprechungen in einem Zustand von gesichertem Vertrauen, von positiven Zukunftsperspektiven der Menschen, von einer wahrgenommenen Handlungsfähigkeit des Staates gemacht werden. Wenn man aber das Gefühl hat, der Staat ist nicht handlungsfähig, die Zukunft wird schlimmer als die Gegenwart und dann werden Erwartungen enttäuscht, die auch noch vorher selbst erzeugt wurden: Das ist was ganz anderes. Deswegen würde ich sagen, dass alle relevanten Akteure, also nicht nur in Politik, sondern auch in Rechtssystem, Journalismus und Wissenschaft, in dieser veränderten Situation eine neue Praxis entwickeln müssen, nämlich eine Praxis, in der das geschwächte Vertrauen systematisch berücksichtigt wird.

taz FUTURZWEI: Was können seriös sein wollende Medien ändern?

El-Mafaalani: Ich würde sagen, dass innerhalb der Medien zu wenig Medienkritik geübt wurde und wird, also systeminterne Kritik, sowohl gegenüber der eigenen Berichterstattung als auch der Berichterstattung insgesamt. Das erkennt man daran, dass Medienkritik ein Hauptgeschäft alternativer Medien ist. Sie suchen täglich die professionellen Medien danach ab, was sie als Fehler kritisieren können. Bei der Wahl der Bundesverfassungsrichterin hat man gesehen, dass die Akteure aktiv versuchen, auch das Misstrauen in das Rechtssystem zu verstärken. Wahrscheinlich müssen auch im Rechtssystem Dinge künftig anders funktionieren, denn wenn dem Rechtssystem irgendwann wirklich nicht mehr vertraut wird, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Ich würde daher sagen, dass im Prinzip alle professionellen Akteure ihr Verhalten an die neue Lage anpassen müssen. Sie sind unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gezwungen, eine zunehmend misstrauische Öffentlichkeit anders zu adressieren, auf deren Vertrauen alles basiert. Das ist eine echt große Herausforderung.

🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema „Die AfD interessiert uns nicht“. Jetzt bestellen im taz Shop.