Kirchturm der Nikolaikirche in leipzig

Foto: Rüttimann/imago

Gemeinden sollen fusionieren:Leipziger Kirchenkampf

Bernhard Stief will nicht, Pfarrerin Britta Taddiken lehnt auch ab. Doch Nikolai- und Thomaskirchen-Gemeinde sollen fusionieren. Zeit für Widerstand.

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22.11.2021, 13:54  Uhr

Die Nikolaikirche bietet die bequemsten Kirchenbänke von ganz Leipzig – geschwungen, glatt und weiß wie Elfenbein. Man kann lange darin verweilen und den Blick schweifen lassen zu den zartgrünen Palm­wedeln oben an der Decke. Selbst an einem trüben Novembertag erscheint die Kirche geradezu transparent. Vor gut zweihundert Jahren wurde diese älteste und größte Kirche der Stadt im Stil der Zeit umgekrempelt.

Doch das klassizistische Schauspiel ist es nicht, was die Nikolaikirche weit über Sachsen hinaus berühmt gemacht hat. In den achtziger Jahren war sie eines der Zentren der DDR-Opposition. Die montäglichen Friedensgebete waren die Keimzelle der Leipziger Montagsdemonstrationen, die am 9. Oktober 1989 die SED-Herrschaft ins Wanken und wenig später zum Einsturz brachten.

Seit dem Herbst 1989 ist die Nikolaikirche ein begehbares Denkmal von nationalem Rang. Höhepunkt der Erinnerung ist die alljährliche „Rede zur Demokratie“, ein weltlicher Gottesdienst mit viel Prominenz. Neulich erst predigte hier Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew. Der Zwei-Meter-Mann, kampferprobt im Ring und bei der Revolution des „Euro-Maidan“, hielt keinen akademischen, sondern einen praxisnahen Vortrag. Es war wie eine Anleitung zum Kampf: „Ohne echten Kampf gibt es keinen wirklichen Sieg!“

Bernhard Stief dürfte es dabei in den Ohren geklungen haben. Denn der Pfarrer der Nikolaikirche steht im Kampf um den Fortbestand seiner Gemeinde, da kann er Hinweise vom Champion gut gebrauchen. Und weil es auch um die berühmte Kirche geht, weckt der Konflikt Erinnerungen an das Jahr 1989. Gegner ist allerdings keine Staatspartei, sondern die eigene Landes­kirche.

Rückbau statt Aufbau

So eine Kirche besteht aus mehr als den Gläubigen und ihrem Bischof. Sie hat Kirchenbeamte, Verwaltungsbezirke und eine eigene Rechtsprechung, beaufsichtigt von Theologen und Juristen im Landeskirchenamt, kurz LKA. Und dieses Amt, durchaus verwandt mit einer Staatskanzlei, spendet nicht nur geistliche Worte, sondern verfügt über reale Macht.

Leipzig erreichte sie in Form eines Schriftstücks. Das LKA in Dresden verfügt darin, dass sich die Nikolaigemeinde Leipzig zum 1. Januar 2022 mit der benachbarten Thomasgemeinde verbinden solle. Dass dieser Bescheid, von dem keiner etwas ahnte, auch noch so kurz vor den Sommerferien hereinplatzte, empfinden viele hier zusätzlich als unfreundlichen Akt. Pfarrer Bernhard Stief hatte Mühe, seinen Kirchenvorstand zu einer Sondersitzung zusammenzubekommen. Der Widerspruch, den die Gemeinde formulierte, umfasst elf Seiten.

Pastor Bernhard Stief steht in der Nikolaikirche

Für die Abgehängten und in Erinnerung an die DDR-Opposition: Pastor Bernhard Stief in der Nikolaikirche Foto: Thomas Victor

Stief ist enttäuscht. Predigt er nicht Sonntag für Sonntag, dass die Christen wie Sauerteig wirken sollen? Dass sie das neue, andere Reich verkündigen und vorleben? Käme der Bescheid vom Finanzamt, wäre keiner erstaunt. Aber er kommt von den eigenen Leuten.

Bernhard Stief bittet in den Gemeindesaal. Hinter ihm hängt ein Gobelin, edel gewirkt, dazu Wandmalerei, verzierte Balken, überhaupt viel Holz. In Jeans und Pulli bildet Stief den Kontrast. Der Pfarrer ist froh, dass es in seiner Gemeinde auch Juristen gibt. Ohne sie wäre es schwierig, sich in das zu vertiefen, was von der Landessynode, dem Kirchenparlament, 2018 beschlossen wurde und nun seine volle Wucht im Leipziger Zentrum entfaltet – das Kirchgemeindestrukturgesetz.

Es gibt Worte, die kennt die Bibel nicht und die wirken dennoch wie Sätze von Paulus. Der hat sich auch mit Gemeindefragen befasst, allerdings mit Fragen des Aufbaus. Hier geht es um Rückbau. Gemeinden sollen zusammenarbeiten, fusionieren, Synergien nutzen. Das Wort Strukturverbindung fällt inzwischen häufiger als die blumigen Begriffe Kirchspiel, Kirchgemeindebund oder Schwesterkirchverhältnis. Zu so einem Schwesterverhältnis werden die beiden Leipziger Gemeinden St. Nikolai und St. Thomas per Ordre aus Dresden verpflichtet. Und die Thomasgemeinde soll die größere Schwester sein und über die Besetzung von Stellen in der Nikolaigemeinde entscheiden. St. Nikolai wäre nicht viel mehr als eine Filiale.

Der Aufbau und die Begrifflichkeiten einer Landeskirche sind längst nicht mehr allen verständlich. Die taz klärt auf:

Die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsen hat etwa 660.000 Mitglieder, Bischofssitz ist Dresden. Die Kirche ist Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die 20 Landeskirchen mit 20,2 Millionen Mitgliedern vertritt.

Eine Synode (griechisch: Zusammenkunft) ist ein Selbstverwaltungsorgan der Kirche aus Hauptamtlichen und Laien. Synoden gibt es auf Ebene der Kirchenkreise, der Regionen, der Landeskirche und der EKD.

Ein Bischof ist der oberste geistliche Repräsentant einer Landeskirche, meist von der Landes­synode gewählt. Einige Kirchen kennen andere Bezeichnungen wie zum Beispiel Präses oder Kirchenpräsident.

Ein Superintendent ist in vielen Landeskirchen ein leitender Pfarrer in einer Region.

Ein Landeskirchenamt ist die oberste kirchliche Verwaltungsbehörde, besetzt mit Juristen und Theologen. In einigen Kirchen heißen diese Ämter Konsistorium, Oberkirchenrat u. a. (thg)

Bernhard Stief macht deutlich, dass es mit der Thomaskirche keine Rivalität gebe. Im Gegenteil, man kooperiere auf vielen Gebieten. Auch die Thomaskirche wolle diese aufgezwungene Verbindung nicht, sie hat ebenfalls Widerspruch angemeldet. Beide Kirchen engagieren sich auf unterschiedlichen Feldern, erklärt Stief. In Nikolai ist es das Andenken an das Ende der SED-Herrschaft. Die montäglichen Friedensgebete werden von verschiedenen Gruppen mit aktuellen An­liegen bis heute fortgeführt. In der Südkapelle erinnert eine Ausstellung an die Geschichte der Friedensgebete. 2009 gründete sich die Stiftung Friedliche Revolution und bündelte Aktivitäten, die das Profil Leipzigs als Zentrum der Bürgerrechtsbewegung schärfen. Die Stiftung ist beim Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal involviert, verleiht einen Filmpreis und plant jetzt ein interkulturelles Orchester.

Bach und die Thomaskirche

Dieses musikalische Unterfangen berührt noch am ehesten den Wirkungskreis von St. Thomas. Die Thomaskirche pflegt als Heimstatt des Thomanerchores das Erbe Johann Sebastian Bachs. Im Chorraum ruhen die Gebeine des Thomaskantors. Die Kirche lebt mit Bach, für Bach und vor allem von Bach, von seinen Motetten, Kantaten und Orgelmusiken, von seinem gewaltigen kirchenmusikalischen Œuvre, das er in Leipzig erschuf.

Was die Pflege der Markenkerne betrifft, sind beide Gemeinden vorbildlich. Doch darüber hinaus hätten sie ihre Profile vertieft, fährt Stief fort. Die Thomaskirche fusionierte 2002 mit einer anderen Gemeinde jenseits des Innenstadtrings, wirkt seitdem in das bildungsbürgerliche Waldstraßenviertel im Westen hinein und hat das Forum Thomanum gegründet, einen Campus mit Kita, Grundschule und Gymnasium für hochkarätige musische Bildung.

Pfarrerin britta Tadikken steht in der Thomaskirche

In der Tradition von Johann Sebastian Bach: Pfarrerin Britta Tadikken in der Thomaskirche Foto: Thomas Victor

Und die Nikolaikirche? Kümmert sich um die Mühseligen und Beladenen. Sie hat sich 2014 mit einer Fusion weit in den Leipziger Osten ausgedehnt, eher kirchliches Ödland, geprägt von sozialen Differenzen, Migration und Armut. Den Grundstein für dieses Engagement legte Stiefs prominenter Vorgänger Christian Führer, der 1991 eine kirchliche Erwerbsloseninitiative gründete und das damals neue Thema Massenarbeitslosigkeit in die Kirche holte.

Kamen vor dem Mauerfall mit den Oppositionellen auch viele Ausreisewillige, oft genug bar jeder religiösen Sozialisation, waren es später Menschen ohne Job, ohne Geld und ohne Halt. Sollte man als Besucher der Thomaskirche schon etwas wissen über den „fünften Evangelisten“ Johann Sebastian Bach, so ist die Schwelle zu St. Nikolai niedriger gelegt. „Nikolaikirche offen für alle“, ein solches Banner hat Christian Führer schon zu DDR-Zeiten an der Kirche befestigen lassen. Heute prangt die Einladung am Fahrradständer vorm Portal.

Bernhard Stief, Pfarrer der Nikolaikirche

„Es kostet Zeit, es kostet viel Kraft und es kostet Geld. Das lähmt. Manchmal fehlen einem die Worte“

Bernhard Stief berichtet über den Kummer freundlich, geradezu mild. Es schleicht sich kein Zorn in seine Stimme. Der Widerspruch beider Gemeinden wurde inzwischen abgewiesen, was bleibt, ist das Gericht. Nikolai und Thomas haben die eigene Landeskirche vor dem kirchlichen Verwaltungsgericht verklagt. „Es kostet Zeit, es kostet Kraft und es kostet Geld. Das lähmt“, sagt Stief dann doch aufgebracht, hält kurz inne und sagt: „Manchmal fehlen einem die Worte.“ Widerstand weht um St. Nikolai.

Ein Schaukasten an der Kirche erzählt von der Geschichte der Friedensgebete. Ab 1988 gab es nach den Gebeten Polizeieinsätze, wurden der Nikolaikirchhof abgeriegelt und Dutzende Kirchenbesucher „zugeführt“, so die DDR-Umschreibung für eine Festnahme, und auf Lastwagen fortgeschafft. Im September 1989 vermochten es die Polizeiketten allerdings immer weniger, den Menschenstrom aufzuhalten.

Nikolaipfarrer Christian Führer war zwar der Hausherr, aber zu der Zeit nicht die treibende Kraft, auch nicht der Organisator. Das waren andere. Allerdings war es Führer, der die Nikolai­kirche nach 1990 so professionell als Marke positionierte, als wäre der Mann mit dem Bürstenschnitt und der Jeansweste nicht Experte für das Reich Gottes, sondern für Marketing. 2008 verabschiedete sich Führer, längst Talkshowgast und Buchautor, in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde der ruhige, ganz nach innen wirkende Bernhard Stief. Christian Führer starb vor sieben Jahren im Alter von 71 Jahren.

Warum beschädigt die sächsische Landeskirche die Nikolaikirche geradezu mutwillig? Wer sich in den Schriftwechsel zwischen Dresden und Leipzig vertieft, erhält zwei Antworten. Die kurze: Weil es das Kirchgemeindestrukturgesetz gibt. Die lange: Die evangelische Landeskirche Sachsens geht den Weg aller Kirchen. Die Mitgliederzahl sinkt und damit der Einfluss, die Relevanz. In der Coronapandemie wurde es schmerzlich spürbar. Im ersten Lockdown waren Bund und Ländern die Kirchen ziemlich egal. Auch Christdemokraten war der ungestörte Verkauf in Baumärkten erheblich wichtiger als der Gottesdienst zu Ostern.

Britta Taddiken hat noch eine dritte Antwort parat. Die Pfarrerin von St. Thomas hält die Tür zum Gemeindehaus offen. Das Gebäude, in dessen Vorgängerbau die Familie Bach lebte, wirkt steinern wie eine Bastion. Drinnen ist es herrschaftlicher als bei St. Nikolai – geschwungene Treppe, Diele, Kamin. Hier haben die Thomaspfarrer, lange mit Halskrause, Hof gehalten. Diese Zeiten sind vorbei. Nicht erst mit Britta Taddiken, aber die Pfarrerin führt konsequent fort, was ihr Vorgänger begonnen hat. Sie hat nichts Sanftmütiges wie ihr Kollege Stief. Es ist viel Entschlossenheit im Blick, auch Schärfe. Es liegt gewiss an ihrem Naturell, Taddiken kommt von der Küste. Aber sie ist auch aus einem anderen Grund angefasst. Taddiken hat eine Krebstherapie überstanden, die Thomas­gemeinde war über Monate geschwächt. Den „Geschwistern“ in Dresden dürfte das bekannt ge­wesen sein, Rücksicht genommen haben sie nicht.

Im Gegenteil. Der Gesprächsprozess wurde einseitig abgebrochen, demokratisch gefasste Beschlüsse der Synode vor Ort übergangen, Vertreter beider Gemeinden zitierte man wie Unter­gebene nach Dresden. So wie es Taddiken aufzählt, wähnt man sich in der Zeit, als der sächsische König noch die Kirche lenkte. „Diese Nichtkommunikation, diese Machtmittel, das ist wirklich krass“, sagt Britta Taddiken. „Und es hat eine gewisse Unanständigkeit, drei Tage vor den Ferien so einen Bescheid rauszugeben. Das ist landesherrliches Kirchenregiment.“

Britta Taddiken, Pfarrerin der Thomaskirche

„Die Nichtkommunikation, diese Machtmittel, das ist krass. Das ist landesherrliches Kirchenregiment“

Dieses Regiment ist mit dem Ende der Staatskirche 1919 eigentlich Geschichte. Aber in Dresden sind aristokratische Traditionen zählebiger als in der Bürgerstadt Leipzig. Dazu gehört auch ein lutherisch geprägter politischer Konservatismus. Schon 1988 betrachtete das Landeskirchenamt die oppositionellen Umtriebe in Leipzig mit Sorge und wollte die Montagsgebete kräftig zurückschneiden. Die Gruppen sollten nicht mehr ihre umstürzlerischen Botschaften verkünden, sondern einzig das Evangelium.

Als ob die Botschaft Jesu nicht immer auch politisch wäre. Für Britta Taddiken hat das Pfarramt eine politische, eine öffentliche Dimension. ­Gegen die AfD und Pegida hat sie sich genauso positioniert wie für den Christopher Street Day, als sie 2016 dessen Botschafterin war. Das Verhältnis zum Landeskirchenamt dürfte generell nicht das innigste sein.

Taddiken und Stief haben in einem Friedens­gebet im Oktober in „Worten der Betroffenheit“ den Druck aus Dresden öffentlich gemacht. Der ganze Vorgang erscheint in der Darstellung wie die Maßregelung, und das Landeskirchenamt tut wenig, das Bild dieser herrschaftsgesättigten Kommunikation abzumildern. Dazu passt, dass selbst Landesbischof Tobias Bilz von dem Vorgang in seinem Hause zuerst aus Leipzig erfuhr.

Der alte und der neue Bischof

Bilz wurde erst im Februar 2020 von der Landessynode zum Bischof gewählt. Mit seiner Einführung endete die schwerste Krise in der neueren Geschichte der sächsischen Landeskirche. Im Oktober 2019 war Bischof Carsten Rentzing zurückgetreten. Der Vertreter einer erzkonservativen Theologie war von seinem publizistischen Frühwerk eingeholt worden, das er als Student verfasst hatte und in dem er den Niedergang der deutschen Nation beklagte und die herrschende „liberale Ideologie“ dafür verantwortlich machte. Außerdem hatte Rentzing seine Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung verschwiegen wie auch seine Nähe zu neurechten Netzwerken.

In Leipzig starteten Gemeindemitglieder daraufhin eine Onlinepetition, in der sie den Rücktritt forderten. Doch auch Rentzings Unterstützer machten mobil. Sie klagten in einer eigenen Petition über „einen kleinen, aber lautstarken Teil der Landeskirche“ und forderten Rentzings Verbleib. Vergeblich. Der Bischof nahm seinen Hut, bei seinem Abschied wetterte er aber noch einmal heftig über Rufmord und Verleumdung in der eigenen Kirche.

Bischof Tobias Bilz versucht seitdem, die Wunde zu schließen. Es scheint manchmal, als ob es zwei sächsische Kirchen gäbe. Hier das großstädtische Milieu, weltoffen, liberal, links, sein Zentrum ist Leipzig. Und dort die konservativen, pietistisch geprägten Kreise, die die offene Gesellschaft als Zumutung begreifen, sich davon abgrenzen und auch Fremdes eher ablehnen. Ihr Kernland ist das Erzgebirge, es reicht aber weit ins Tiefland. Irgendwo dazwischen liegt die Bischofs- und Landeshauptstadt Dresden.

„Tobias Bilz ist klar auf unserer Seite“, vermutet Britta Taddiken. Vielleicht. In Leipzig gilt der Bischof jedenfalls als Kenner der örtlichen Verhältnisse. Aber hat er auch Rückhalt? Bilz ist ein freundlicher, zugewandter Mann. Das ist beim Zoom-Gespräch zu spüren. Am Rande der Landessynode Mitte November äußert sich Bilz zum Konflikt mit den beiden Leipziger Gemeinden und lässt Distanz zu den Juristen in seinem Hause anklingen. Diese haben eine juristische Position, er habe eine andere. Und deswegen wolle er mit dem Leipziger Superintendenten ein Gespräch beginnen. Der Superintendent, wie Bernhard Stief Prediger an der Nikolaikirche, „steht ein wenig abseits“, wie Bilz betont. Das Gespräch solle offen sein. Welches Ziel ihm vorschwebt, daran lässt Bilz keinen Zweifel. „Der juristische Prozess ließe sich jederzeit stoppen“, bekräftigt er. „Ich würde mich freuen, wenn das gelänge.“

Nach der Thomasgemeinde hat auch die Nikolaigemeinde am 5. November ihre Klage gegen die Landeskirche beim kirchlichen Verwaltungsgericht eingereicht. Im Kern wollen sie eine Ausnahme von der Pflicht zum Zusammenschluss erwirken, die im Strukturgesetz zwar vorgesehen, bisher aber nie eingeräumt worden ist. Solange kein Urteil feststeht, bleibt die Fusion ausgesetzt.

Es gibt nicht wenige in Leipzig, die glauben, in diesen Konflikt wirke das Zerwürfnis um den Rücktritt von Bischof Rentzing nach. Ein Pfarrer im Leipziger Süden, wo vier Gemeinden schon in einem Schwesterkirchverhältnis leben, teilt diese Vermutung. Er sagt aber auch, die Grundfrage sei, wohin die Reise für die Kirche überhaupt gehen solle. Für das Jahr 2040 prognostiziert die sächsische Kirche nur noch 420.000 Mitglieder. Derzeit sind es rund 650.000. In Deutschlands Osten kommt zum allgemeinen Bedeutungsverlust der Kirchen noch das Erbe der DDR hinzu. Mit einem aggressiven Atheismus hat es die SED vermocht, die Bindung an die Kirchen zu zerstören.

In Leipzig mit seinen knapp 600.000 Einwohnern zählen sich noch 11 Prozent zur evangelischen Kirche.

Die Stadt allerdings wächst. Ob Neuankömmlinge den Weg in die Kirche finden, hängt auch von der Attraktivität ihrer Gemeinden ab. Ehrenamtliche aus St. Nikolai berichten, dass sie angesichts der Anordnung aus Dresden über einen Rückzug nachdenken, gar von Kirchenaustritt ist die Rede. Mitarbeiter, etwa aus dem Kindergarten, bangen um ihre Zukunft. Die Nikolaigemeinde, derzeit 2.600 Mitglieder, verzeichnet seit Jahren Zuwachs. Die Thomasgemeinde mit ihren 4.700 Mitgliedern auch. Bis jetzt.

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