Geflüchtete Kinder in Berlin: In der Schule, aber nur unter sich
Obwohl aktuell kaum Kinder in Notunterkünften leben, will der Senat sie weiter dort beschulen. An der Hasenheide entsteht sogar eine neue Flüchtlingsschule.
Geflüchtete Kinder gehen länger in die sogenannten Willkommensschulen, als es nötig wäre. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine schriftliche Anfrage der Politikerin Franziska Brychcy (Linke) hervor. Demnach besuchten im Juni 137 Kinder und Jugendliche die Willkommensschule in Tegel, davon gingen 42 Schüler*innen in die dortige Grundstufe und 95 in die Sekundarstufe I. Gleichzeitig waren nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung nur noch 13 schulpflichtige Kinder und Jugendliche in der Notunterkunft untergebracht.
Ähnlich verhält es sich mit der Willkommensschule in der Notunterkunft auf dem Tempelhofer Feld. Im Juni 2026 gingen dort 52 Kinder und Jugendliche in die Willkommensschule, 29 von ihnen in die Grundschule und 23 in die Sekundarstufe I. In der Notunterkunft in den Hangars auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof waren derweil nur 7 Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren und ein Kind im Alter von 16 Jahren untergebracht.
Damit gehen zunehmend Kinder und Jugendliche auf die an Notunterkünfte und Ankunftszentren angedockten Schulen, obwohl sie dort gar nicht mehr untergebracht sind. Die Bildungsverwaltung begründet das damit, dass Familien das Recht haben, ein Schulverhältnis fortzuführen, das dies also wohl dem Wunsch der Eltern entspreche. Und obwohl der Bedarf an solchen Schulplätzen zahlenmäßig stark zurückgegangen ist, will der Senat Anfang Oktober noch eine weitere Willkommensschule mit 75 Schulplätzen eröffnen. Sie befindet sich in der neuen Flüchtlingsunterkunft Hasenheide, die bald fertiggestellt sein soll. Dort sollen 900 Menschen unterkommen, darunter auch viele unbegleitete Minderjährige.
Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg hatte außerdem schon im Februar beschlossen, dass die Kinder und Jugendlichen, die künftig in der Hasenheide untergebracht werden, bevorzugt auf die Schulen in Kreuzberg und Neukölln gehen sollten.
Aus pädagogischer Sicht müsse eine Beschulung an den bezirklichen öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in jedem Fall Vorrang vor einem zentralen Beschulungsangebot in der Unterkunft haben, heißt es in dem Beschluss. Der Bezirk werde dafür Plätze in Willkommensklassen vorhalten, es sei auch denkbar, dass die Kinder und Jugendlichen direkt in Regelklassen gehen. Der Bezirk habe mit der Bildungsverwaltung bereits ein Einvernehmen erzielt. Demnach sei eine Willkommensschule an der Hasenheide nur eine „Rückfalllösung“, falls die Plätze im Bezirk nicht reichen.
Senat hält an Schule in der Unterkunft fest
Die Bildungsverwaltung argumentiert nun damit, dass diese Plätze nicht sicher seien. „Einzelne rechnerische Überkapazitäten in Nordneukölln reichen nicht aus, um eine verlässliche und dauerhafte Aufnahme aller Kinder sicherzustellen“, heißt es dazu in der Antwort auf die schriftliche Anfrage. Daher wurde vereinbart, die Kinder und Jugendlichen zunächst direkt in der Unterkunft zu beschulen.
Auch die Willkommensschulen in Tegel und Tempelhof will der Senat aufrechterhalten, trotz der aktuell deutlich geringeren Schüler*innenzahlen. Die Bildungsverwaltung begründet das damit, dass so Kinder und Jugendliche schnell Zugang zu „schulischer Bildung, Sprachförderung und sozialer Integration“ bekommen.
Berlin hatte die Willkommensschulen eingerichtet, um neu nach Berlin geflüchtete und zugewanderte Kinder direkt beschulen zu können. Sie gehören organisatorisch als sogenannte Filialen zur Nelson-Mandela-Schule in Wilmersdorf. Zwischenzeitlich lernten etwa in Tegel rund 250 Kinder an der dortigen Willkommensschule.
Franziska Brychcy, bildungspolitsche Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus
„Der Bildungsverwaltung geht es beim Festhalten an den sogenannten ‚Willkommensschulen‘ nicht um fehlende Schulplatzkapazitäten, sondern ums Prinzip“, kritisiert Franziska Brychcy, die bildungspolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Anders lässt sich nicht erklären, warum sie am neuen Standort in der Hasenheide festhält, obwohl die bezirklichen Wartelisten faktisch leer sind und es auch im unmittelbaren Umfeld freie Schulplatzkapazitäten gibt“, erklärt sie. Statt „Segregation“ in räumlich getrennten Schulen bräuchten geflüchteten Kinder und Jugendlichen soziale Kontakte zu anderen Kindern in der regulären Schule.
Der Flüchtlingsrat kritisiert ebenfalls die unveränderten Pläne für die dritte Willkommensschule. „Der Senat hält an einem teuren, diskriminierenden und segregierenden Parallelsystem fest, obwohl die Voraussetzungen, mit denen es ursprünglich begründet wurde, längst entfallen sind“, sagt Sabine Speiser, Vorstandsmitglied im Flüchtlingsrat Berlin. Statt weitere Schulstandorte in Unterkünften aufzubauen, müssten geflüchtete Kinder von Anfang an wohnortnah in den regulären Schulen lernen können, fordert sie.
Sabine Speiser, Flüchtlingsrat
Aus Sicht des Flüchtlingsrats verletzt Berlin damit auch Vorgaben des kürzlich verabschiedeten Gemeinsamen europäischen Asylsystems (Geas). Demnach müssen geflüchtete Kinder spätestens nach zwei Monaten Zugang zum regulären Bildungssystem bekommen und sie sollen grundsätzlich in reguläre Schulen gehen. Das sieht die Bildungsverwaltung anders: Diese argumentiert, dass die Willkommensschulen „Filialstandorte bestehender Regelschulen“ sind und damit zu den regulären Schulen zählen.
„Die europäischen Vorgaben lassen wenig Interpretationsspielraum: Beschulung im Regelsystem ist der Regelfall“, hält Andreas Haefner vom Berliner Netzwerk für besonders Schutzbedürftige (BNS) dagegen. „Dass die Bildungsverwaltung hier etwas anderes behauptet, ist schwer nachvollziehbar. Hält sie dennoch an segregierten Strukturen fest, wird dies rechtlich zu klären sein“, sagt Haefner. Dass Berliner Schulgesetz sehe sogar die Beschulung ab Tag 1 des gewöhnlichen Aufenthalts in Berlin vor.
„Gemeinsames Lernen von Beginn an ist die Grundlage für ein gelingendes Ankommen und gleichberechtigte Bildungschancen“, heißt es vom Flüchtlingsrat und weiteren Organisationen. Gemeinsam fordern sie den Senat auf, auf den geplanten dritten Standort in der Hasenheide zu verzichten, die beiden bestehenden Schulen in Tempelhof und Tegel umgehend zu schließen und die dort lernenden Kinder und Jugendlichen in Regelstrukturen zu überführen. Die dort tätigen Lehrer*innen und Erzieher*innen sollten an Regelschulen konsequent für die Beschulung neu zugewanderter Kinder genutzt werden.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert