Gedenkstätte für Hatun Sürücü: Wo immer frische Blumen liegen
Vor mehr als 20 Jahren wurde Hatun Sürücü von ihrem Bruder getötet. Der Bezirk Spandau wird ihre Grabstätte nun dauerhaft als Ehrengrab erhalten.
Foto: Soeren Stache/dpa
Can Sürücü sagt nur wenige Sätze, als er an das Mikro tritt. „Ich bedanke mich bei allen, die dafür gesorgt haben, dass das Grab bleibt“, sagt er. Ein leichter Geruch nach Weihrauch hängt in der Luft, er kommt von Räucherstäbchen, die neben dem noch verhüllten neuen Stein im Boden stecken. Es ist das erste Mal, dass Sürücü bei einer Gedenkveranstaltung an seine Mutter Hatun Aynur Sürücü auch selbst spricht. Beim Gedenken an ihrem Todestag im Februar hatte er still teilgenommen.
Doch in den Ansprachen der anderen Redner*innen ist Can Sürücü umso mehr präsent. „Eine sehr wichtige Stimme ist deine, lieber Can, du beeindruckst mich sehr, wie du mit deiner Geschichte umgehst“, sagt etwa der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der neben dem Spandauer Bezirksbürgermeister und der Frauenrechtlerin Seyran Ateş bei der Einweihung des neuen Ehrengrabs für Hatun Sürücü spricht. Berlin brauche mehr Frauenhausplätze und er wolle sich weiter für die elektronische Fußfessel einsetzen, sagt Wegner. „Aber besonders wichtig ist die gesellschaftliche Debatte, dass wir Femizide und sogenannte Ehrenmorde ächten“, sagt Wegner.
Hatun Sürücü, die sich selbst noch den Beinamen Aynur gegeben hatte, war 2005 von ihrem jüngsten Bruder in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung in Tempelhof erschossen worden. Die Familie hatte es nicht ertragen, dass sie ihr Leben selbstbestimmt lebte. Sürücü hatte sich aus einer Zwangsheirat in der Türkei befreit, zog ihren damals fünfjährigen Sohn Can allein auf und machte nebenbei eine Ausbildung.
Sürücü war damals auf dem Landschaftsfriedhof Gatow beigesetzt worden, damals noch Berlins einziger Friedhof mit muslimischen Grabfeldern. Das Nutzungsrecht für ihr Grab lief im vergangenen Jahr aus, 20 Jahre nach ihrem Tod. Politiker*innen der Grünen und der Spandauer CDU hatten sich dafür eingesetzt, das Grab dauerhaft zu erhalten. Für die Idee, es zu einem Berliner Ehrengrab zu erklären, erfüllte es nicht die Kriterien, hieß es. Ein Antrag der Grünen im Abgeordnetenhaus, dass der Senat dauerhaft die Kosten für die Grabpflege übernehmen sollte, scheiterte im November – unter anderem auch an der fehlenden Zustimmung der Landes-CDU.
CDU-Stadtrat setzte sich für das Ehrengrab ein
Dass das Grab nun erhalten werden kann, liegt auch daran, dass sich Thorsten Schatz (CDU), Spandauer Stadtrat für Bauen und Umwelt, konsequent dafür eingesetzt hat. Spandau hat es zu einem bezirklichen Ehrengrab erklärt, für das die Regelungen anscheinend lockerer sind. Dafür wurde das Grab von seiner ursprünglichen Stelle in den vorderen Teil des Friedhofs verlegt, direkt an den Hauptweg, und mit einem neuen Stein versehen. Der Bezirk trägt auch die Kosten von rund 10.000 Euro dafür und für die Grabpflege in den kommenden 20 Jahren. Er rechne damit, dass auch danach der Bestand des Grabes gesichert sei, sagt Stadtrat Schatz.
Thorsten Schatz, Baustadtrat von Spandau
„Es hat mich auch sehr bewegt, wie viele Menschen Unterstützung angeboten haben, auch finanziell, als unklar war, wie es mit dem Grab weitergeht“, sagt Schatz. Er betont, dass die Grabstätte für ganz Berlin bedeutsam sei. „Das Grab wird besucht, es liegen immer wieder frische Blumen und auch Erinnerungsstücke dort“, sagt Schatz. Selbst in der Zeit der Umbettung und auch mitten im Winter hätten Besucher*innen Blumen abgelegt.
Die neue Grabstelle ist nun mit Vergissmeinnicht bepflanzt und mit Frauenmantel: „Der steht seit Jahrhunderten für Schutz und Würde“, erklärt Schatz in seiner Ansprache, in der er auch insbesondere seiner Mitarbeiterin Anna Lehmann dafür dankt, wie sie den Beschluss am Ende umgesetzt habe. „Erinnerung lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen“, sagt er.
Auch er wendet sich an Can Sürücü. „Ich hoffe, dass Sie das Gefühl haben, dass wir hier einen würdevollen Ort für sie gefunden haben“, sagt Schatz. Auf dem am Mittwoch enthüllten neuen Grabstein steht: „Stellvertretend für alle Frauen, die sich Zwang und Unterwerfung widersetzten, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollten und aufgrund dessen Opfer von Gewalt wurden.“
Plötzlich hing eine Halskette am Grab
Unter den Menschen, die zu der Gedenkfeier gekommen sind, ist auch Helga Ingrid Meyer-Rath. Sie hat ein einfaches Schild aus Blech dabei. „Hatun Sürücü“ steht darauf, und ihre Lebensdaten „17.01.1982 – 07.02.2005“. Meyer-Rath erzählt, dass sie den Prozess gegen Sürücüs Brüder damals im Gericht verfolgt hatte. Der Fall habe sie sehr bewegt. Das Schild hatte sie dann am Grab aufgestellt, bevor der Grabstein fertig war. Mit einer Freundin sei sie mehrmals im Jahr dorthin gekommen, um es zu pflegen, „weil wir wussten, dass die Familie es wohl nicht tut“, sagt sie.
Eines Tages sei eine Halskette um das Schild gebunden gewesen, erzählt Meyer-Rath. Sie hätten sie erst dort gelassen, dann aber beides mitgenommen, als der Steinmetz schließlich den Namen in den Grabstein gemeißelt hatte. Das Schild übergibt sie nun an Can Sürücü, zusammen mit einer Kette, ein dreieckiger Anhänger an einem schlichten Band. Sie habe seiner Mutter gehört, sagt Can Sürücü bewegt und streicht mit der Hand immer wieder über den Anhänger. Er habe von der Kette gewusst, und sei sehr froh, sie nun bekommen zu haben.
„Gedenk- und letzte Ruhestätte Hatun Sürücü“ steht jetzt auf der Tafel an dem großen Stein, der auf dem neu eingeweihten Ehrengrab liegt. Und es ist, als ob diejenige, die hier geehrt wird, sich auch 21 Jahre nach ihrem Tod noch den Erwartungen und Vereinnahmungen entzieht. Denn sie selbst hatte sich ja Aynur genannt, wohl um den kurdischen Teil ihrer Identität zu betonen und vielleicht auch, um sich dem Zugriff ihrer Familie zu entziehen.
Auf dem früheren Grabstein prangte dieser Name ganz oben, noch über dem Schriftzug Hatun Sürücü und den Lebensdaten. Aynur bedeutet Mondschein. Alle, die ihr nahestanden, haben wohl auch diesen Namen weiter im Kopf, wenn sie an sie denken.
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