21. Todestag von Hatun Sürücü: Ihr Sohn Can nimmt am Gedenken teil
In Tempelhof erinnern Menschen aus Politik und Zivilgesellschaft an Hatun Sürücü. Sie machen auf die zunehmende Gewalt an Frauen aufmerksam.
Foto: Beritan Dik
Ein eisiger Freitagvormittag im Februar, der an einen kaltblütigen Femizid erinnern soll. Dazu haben die Bezirksämter Tempelhof-Schöneberg und Neukölln gemeinsam zum dritten Mal eingeladen. Um die 20 Menschen stehen in dicken Jacken und langen Mänteln in der Tempelhofer Oberlandstraße am Gedenkstein für Hatun Aynur Sürücü, die heute vor 21 Jahren an diesem Ort von ihrem Bruder erschossen wurde. Unter den Anwesenden ist auch ihr Sohn Can Sürücü.
Can Sürücü kommt langsam auf die Menschengruppe zu. Sofort umgeben ihn Kameras und Menschen, die Fotos von ihm machen oder Gespräche mit ihm führen wollen. Doch er möchte heute nicht öffentlich sprechen, sondern seiner Mutter gedenken.
Seine Mutter Hatun Aynur Sürücü wurde mit 16 Jahren zwangsverheiratet, von ihrem erzwungenen Ehemann wurde sie geschlagen. „Sürücü wurde zum Objekt gemacht“, sagt der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD).
Doch Sürücü wollte selbstbestimmt leben, wollte wieder zum Subjekt ihres Lebens werden. Nach einem erneuten Streit mit ihrem Ehemann floh sie, brachte ihr Sohn Can auf die Welt, holte ihren Hauptschulabschluss nach und fing eine Lehre als Elektroinstallateurin an, erinnert die Staatssekretärin für Gleichstellung, Micha Klapp (SPD), in ihrer Rede. „Als ihr Bruder sie umbrachte, stand sie kurz vor ihrer Gesell:innenprüfung.“
Ein Symbol für viele andere Frauen
Das Gedenken an Sürücü sei weiterhin nötig, um auf die zunehmende Gewalt an Frauen aufmerksam zu machen, betont die Gleichstellungsbeauftragte von Tempelhof-Schöneberg, Julia Selge, gegenüber der taz. Leben und Tod stehen für die vielen anderen getöteten Frauen, deren Namen nicht in den Medien stehen, für die es keine Jahrestage gibt, sagt Fatma Keser der taz. Sie ist Vorsitzende des Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance e. V., der Verein arbeitet unter anderem zu Gewalt im Namen der Ehre.
Auch Sürücüs Tod wurde erst als Ehrenmord bezeichnet. Keser findet es jedoch wichtig, diesen Begriff weiterhin zu verwenden, um die spezifische Gewalt sichtbar zu machen. Jeder Ehrenmord sei ein Femizid, aber nicht jeder Femizid ein Ehrenmord. „Wenn wir das Motiv der Ehre nicht nennen, werden spezifische Macht- und Gewaltstrukturen unsichtbar gemacht.“ Für Selge und Meinhold sei dabei weiterhin wichtig, dass das Wort nicht instrumentalisiert wird, um rassistische Narrative zu reproduzieren. „Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, finden überall statt“, sagt Meinhold.
Während die taz mit den drei Frauen über das Gedenken und Begriffe spricht, während die Staatssekretärin Micha Klapp in ihrer Rede politische Maßnahmen zum Schutz von Frauen vorstellt und andere Blumen niederlegen, schaut Can Sürücü die meiste Zeit nachdenklich auf dem Boden.
Am Ende steht er allein vor dem Gedenkstein für seine Mutter. Weder Gedenken noch die richtigen Begriffe bringen seine Mutter zurück. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die unersetzbare Arbeit der Zivilgesellschaft und der Gleichstellungsbeauftragten weiterhin mehr Frauen schützt. Damit nicht weitere Frauen ermordet werden, weil sie Frauen sind.
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