Galerie im ehemaligen Knast: Aufgesperrte Zellen der Kunst
Im ehemaligen Frauengefängnis in Berlin-Lichterfelde ist zu spüren, wie eng es da im Knast zuging. Heute gibt es in den Zellen queere Kunst zu sehen.
Das ist unerwartet: In einem ehemaligen Frauengefängnis ist eine Ausstellung über „Mut, Sichtbarkeit, Identität“ zu sehen, die den Titel „fluid Femininity“ trägt. Rund 50 Künstler:innen sind beteiligt, die Bandbreite ist erstaunlich. Zur Vernissage waren rund 430 Leute aus der ganzen Stadt und der unmittelbaren Nachbarschaft da.
Das ist bemerkenswert. Spricht das doch dafür, dass es kaum Berührungsängste gibt, hier in Berlins Südosten, einer ruhigen Villengegend. Die hippen Innenstadtbezirke sind weit weg. Dennoch hat sich in dem zweistöckigen Baudenkmal 2022 das prideART-Atelierhaus angesiedelt, eins der wohl größten queeren Kunst- und Kulturzentren der Stadt. Als nicht kommerzielle Galerie geht es nicht um Profit, sondern um die Förderung von Kunst.
Kulisse für Film und Fernsehen
Das ehemalige Frauengefängnis in Lichterfelde wurde von 1906 bis 2010 als solches genutzt. Die Zellen sind um ein ovales Atrium mit überdachtem Lichthof angelegt, im Innern ist es schön hell, die Akustik ist beeindruckend. Unter Denkmalschutz stehend, entspricht der mehrflügelige Gebäudekomplex in großen Teilen dem ursprünglichen Bestand. Alles wurde aufwändig restauriert.
Die Denkmalpflege machte strenge Auflagen – mit einer Ausnahme: Die Wände der Zellen sind für die Nutzung als Ausstellungsbetrieb freigegeben. Neue Beleuchtungskörper zum Beispiel aber mussten mobil angebracht werden.
Die Besonderheit
Das ehemalige Frauengefängnis ist schon seit 2010 für Kunst und Kultur bestimmt. Die Betreiber des Hotels The Knast, das gleich nebenan liegt, haben das weitläufige Areal mit großem Garten in Erbpacht übernommen. Das Boutiquehotel soll in diesem Jahr öffnen, hier lässt sich dann teils in ehemaligen Zellen übernachten. Restaurant und Bar im Kuppelsaal, dem ehemaligen Betsaal, sind schon in Betrieb.
Das Zielpublikum
Leute, die sich für Kunst und Architektur interessieren. Die aktuelle Ausstellung ist bis 12. April zu sehen, (Zutritt ab 18), Information: prideart.de.
Hindernisse auf dem Weg
Die Anfahrt. Dorthin an den Rand der Stadt geht es nur mit dem Bus; Lichterfelde liegt im Südosten Berlins.
Am Ende entpuppte sich das als ein Vorteil: Sie lassen sich leicht und schnell abnehmen, sodass hier drinnen alles so aussieht wie vor 100 Jahren. Eine perfekte Kulisse für historische Aufnahmen. In der Tat wurde hier schon gedreht, etwa Teile des Films „Monuments Men“ von und mit George Clooney oder Szenen für Fernsehserien wie „Babylon Berlin“ (ARD) und „Im Knast“ (ZDF).
Die offen stehenden Zellen werden für die aktuellen Ausstellungen als Minigalerie genutzt. Und hinter den verschlossenen Türen liegen Ateliers, bei einigen lässt sich durch den Türspion linsen und ein Blick auf eine Staffelei erhaschen. Manche der Ateliers sind aber auch begehbar, die Künstler:innen nutzen die Chance der Ausstellung, mögliche Käufer:innen zu locken.
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Die Zellen auf drei Ebenen, 40 an der Zahl, sind alle gleich groß – also eher klein: nur rund 7,5 Quadratmeter. Das ist bedrückend eng, wenn man sich vorstellt, hier eine längere Strafe zu verbüßen (lange her). Aber groß genug für ein preislich erschwingliches Atelier für eine Monatsmiete von 235 Euro sind die Zellen. 15 Künstler:innen haben sich eingemietet; derzeit gibt es drei leere Räume. Günstige Atelierräume sind in Berlin absolute Mangelware.
Neben den Kunstwerken erzählt auch das Gebäude viel. In Zelle 37 etwa sind die Decke und der Linoleumboden des schmalen Raumes picobello saniert, die Wände erscheinen aber in einem etwas ramponierten Zustand. Der Farbe in einem Ockerton trägt deutliche Spuren der Zeit – ist das die alte Ölfarbe? Es gibt Flecken und Risse, hier und da blättert etwas ab, auch verputzte Areale sind zu sehen. „Das darf alles so sein“, sagt Henning von Berg, der durch das prideART-Atelierhaus führt. „Es handelt sich um die Originalfarbe.“
Träger ist der prideART Berlin e. V., dessen 65 Mitglieder mehrheitlich aus dem queeren Spektrum kommen.
Diversität ist gewünscht
„Wir diskutieren und entscheiden im Team“, sagt Henning von Berg, der 1. Vereinsvorsitzende, „was hier passiert.“ Es finden neben Kulturevents mit Oper oder Akrobatik auch Workshops und andere Formate sowie jährlich bis zu vier große Ausstellungen statt. Dann sind jeweils rund 200 Kunstwerke von etwa 50 Künstler:innen aus aller Welt zu sehen.
Bekannte Namen sind darunter, ebenso Hobbymaler aus Stadtbezirken wie Wedding oder Neukölln. Das hier soll ein „safe place for queer artsy visions“ sein. Der Verein ist dabei offen für alle, sagt von Berg, „willkommen sind alle Kreativen, queer und queerfriendly, Diversität ist gewünscht, wir wollen die Mischung.“
Die Vermieter wollen ausdrücklich queere Kunst und Kultur befördern, erzählt Henning von Berg – „das ist toll“, finanziert sich der prideART Berlin e. V. doch selbst und kommt bislang noch ohne Fördermittel aus.
Deshalb werden Fördermitgliedschaften und Sponsoren gesucht. Mit dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf, in dem der Ortsteil Lichterfelde liegt, gab es erste, bisher fruchtlose Gespräche über eine mögliche Förderung – ein schwieriges Thema in Zeiten klammer öffentlicher Kassen.
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