Fußball in der Türkei: Wie die Stars angelockt werden
Nun spielt Portugals Rafael Leão bei Galatasaray in der Süper Lig. Vor ihm kam schon Mo Salah zu Trabzonspor. Ökonomisch vernünftig ist das nicht.
Foto: imago/Zuma Press Wire
A ls ich mich vor drei Monaten über die Leute lustig gemacht habe, die Transfergerüchte schreiben und lesen, war ich vielleicht etwas zu leichtsinnig. Damals hielt ich die Vorstellung, dass der portugiesische Flügelspieler Rafael Leão in die Türkei wechseln könnte, für ziemlich unrealistisch.
Die Tausende Galatasaray-Fans, die am Samstag am Atatürk-Flughafen auf die Absperrgitter kletterten, würden mir heute ins Gesicht lachen – oder mir ins Gesicht spucken. Leão verließ nämlich den AC Mailand nicht wie erwartet in Richtung Premier League, sondern wechselte zu Galatasaray. Gala-Fans sind euphorisch, Fenerbahçe-Fans neidisch, ich bin ratlos.
Die Süper Lig war schon immer ein Ziel für alternde Stars. So spielt etwa der 34-jährige Premier-League-Star Mohamed Salah für Trabzonspor. Für ein Jahresgehalt von 17 Millionen Euro netto würde sogar ich nach Trabzon umziehen. Noch kurioser ist jedoch, dass sogar Spieler, die noch in den Topligen spielen könnten, an den Bosporus strömen. Dušan Vlahović zu Beşiktaş, Mason Greenwood zu Fenerbahçe und schließlich Rafael Leão zu Galatasaray.
Das ist ein relativ neues Phänomen. Über 20 Jahre lang lag der Rekord für den teuersten Transfer in die Süper Lig bei 17 Millionen Euro. In den vergangenen drei Jahren wurde diese Marke jedoch gleich 15-mal übertroffen. Man könnte argumentieren, dass es andere Gründe dafür gibt, dass diese Spieler die Topligen verlassen. Eines ist jedoch sicher: Geld war die treibende Kraft. Leãos Gehalt von rund 6 Millionen Euro brutto in Mailand wird verdoppelt.
Und dann klinkt sich Erdoğan in die Transfergespräche ein
Die Türkei ist jedoch nicht Saudi-Arabien: Sie ist kein rohstoffreiches Land, das so viel Geld ausgeben könnte, um mit Klubs der Premier League um große Namen zu konkurrieren. Doch auch die türkische Regierung mischt sich, wie in Saudi-Arabien, aktiv in den Fußball ein. Dabei spreche ich noch nicht einmal davon, dass sich Erdoğan persönlich in den Transfer von Mo Salah eingeschaltet hat.
Mit einer gemeinsamen Verschuldung von 1,4 Milliarden Euro vor der jüngsten Ausgabenorgie müssten die drei größten Klubs der Türkei eigentlich pleite sein. Ihre hohen Schulden im Verhältnis zu den Einnahmen haben ihnen immer wieder Uefa-Sanktionen wegen Verstößen gegen Financial Fairplay eingebracht. Wenn es also keine unbekannte Ölreserve gibt, sollten sie, statt astronomische Summen für Spieler mit einer großen Karriere vor sich zu bieten, ihre Kosten senken. Denn wessen Geld geben sie hier eigentlich aus?
Leão bekommt von Galatasaray rund 12 Millionen Euro netto. Gala zahlt auch die Steuern des Spielers. Mehr noch: Galatasaray bekommt einen Teil der für Leão gezahlten Steuern zurück. Diese Ausgaben werden also geradezu vom Regime gefördert. Ein großer Teil der Schulden liegt zudem bei türkischen Banken.
Ein weiteres Bild zeichnet der im Februar veröffentlichte Uefa-Bericht. Demnach stiegen die Einnahmen der Süper Lig im Jahr 2024 um 64 Prozent mehr als in allen anderen der 20 größten Ligen. Treiber waren Eintrittsgelder, kommerzielle Einnahmen und „sonstige Einnahmen“. Die höheren Eintrittseinnahmen bei unveränderter Stadionkapazität bedeuten, dass die Fans deutlich mehr für ihre Mannschaften bezahlen.
Bemerkenswert sind auch die kommerziellen Einnahmen. Der höchste Anteil entfällt ausgerechnet auf Galatasaray (57 Prozent), Fenerbahçe (55 Prozent) und Beşiktaş (53 Prozent). Ist dieser Anteil nur deshalb so hoch, weil angemessene TV-Erlöse und andere Einnahmequellen fehlen? Oder weil regierungsnahe Unternehmen oder andere Geschäftsinteressen Geld in ein eigentlich scheiterndes Geschäft pumpen?
Der dritte und kurioseste Anstieg der Einnahmen betrifft die „sonstigen Einnahmen“: plus 267 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland stiegen die sonstigen Einnahmen um 0 Prozent. Hierbei handelt es sich um einmalige Subventionen, Zuschüsse und Spenden, also nicht wiederkehrende Einnahmen.
Ob vom Staat oder etwas noch Illegalerem – es hinterlässt das Gefühl, dass den Menschen etwas geraubt wird. Vielleicht erklimmen die Fans deshalb Zäune am Flughafen, um die Stars zu sehen, weil dies der einzige Ort ist, an dem sie diese zu Gesicht bekommen.
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