Fußball-Euphorie in Norwegen: Rudern ins kollektive Glück
Mit dem Erfolg gegen Brasilien erreicht die eh schon große Begeisterung in Norwegen ein neues Level. Der Gemeinsinn ist stärker denn je.
„Was für ein verrückter Abend, vielleicht der verrückteste der norwegischen Geschichte“: Erling Braut Haaland geizt schon wieder nicht mit großen Worten, und warum auch. Gerade hatte Norwegens Superstar seine Mannschaft mit zwei Toren ins WM-Viertelfinale geschossen. Gegen Brasilien! Historisch, historisch, historisch: Das Wort hat in diesem Fußballmärchen nun aber wirklich Hochkonjunktur.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Es ist sehr viel lauter als sonst in dem derzeit wahrscheinlich glücklichsten Land der Welt. Wie es klang, als Torwart Ørjan Håskjold Nyland den brasilianischen Elfmeter hielt, zeigt ein Video der Zeitung Verdens Gang. Man sieht die Menschenmassen nicht, die sich auf der zentralen Flaniermeile Karl Johan tummeln oder im Ullevaal-Stadion vor den großen Bildschirmen. Man sieht Gebäude und Himmel. Stille. Und dann schallt der Jubel durch die Nacht.
Zweimal noch dürfte es dort so geklungen haben, bei Haalands Treffern. Und nach dem Schlusspfiff natürlich, da hörte es kaum noch auf. „Glaubt ihr, dass ihr den König mit eurem Jubel wecken könnt?“, fragte die Reporterin des norwegischen Rundfunks NRK Fans vor dem Schloss: „Wir hoffen es!“. Der König war gar nicht zu Hause, er und die Königin schickten Glückwünsche vom königlichen Sommerhaus.
Einer aber ließ sich aus dem Schloss locken: Kronprinz Haakon saß in der Nacht plötzlich in der Menschenmenge auf der Straße. Er machte mit beim großen Luft-Rudern, „Ro! Ro! Ro!“. Nicht nur die Fans in den US-Stadien tun es, nicht nur die Mannschaft auf dem Feld: Überall in Norwegen rudern sie sich seit Wochen immer wieder synchron in Stimmung. Geniale Idee für das PR-Gesamtkunstwerk, das Norwegen bei dieser WM hinlegt, könnte man meinen. Dabei ist längst klar geworden, dass es hier nicht nur um die Außenwirkung geht.
Neues Level an Gemeinschaftsgefühl
Das kleine Land, dem es ja an sich sowieso schon nicht schlecht geht, erlebt beim kollektiven Rudern ein ganz neues Level an Gemeinschaftsgefühl. In Deutschland kennt man das von früher: wie irgendwann alle von der Begeisterung angesteckt werden, auch die, die sonst mit Fußball nichts am Hut haben. Plötzlich sind die Trikots der Nationalmannschaft heiß begehrte Ware, plötzlich fühlen sich alle miteinander verbunden, plötzlich ist das Dasein von einer merkwürdigen, allgemeinen guten Laune durchdrungen.
„Das war die 28-jährige Wartezeit wert“, schrieb Haaland nach dem Brasilien-Spiel auf Instagram. Das dazugehörige Bild zeigt ihn mit geschlossenen Augen, Arme und Gesicht selig gen Himmel gestreckt. 28 Jahre war Norwegen nicht zur WM gefahren. Mehrere der jetzigen Stars, darunter Haaland, sind Söhne von damaligen Nationalspielern.
Auch die Vätergeneration hatte Brasilien besiegt. Angeblich hat man seit damals sämtliche Anfragen zu Freundschaftsspielen gegen Brasilien abgelehnt, um die schöne Statistik nicht zu gefährden – so hatte es jedenfalls der Trainer-Held des aktuellen Sommermärchens, Ståle Solbakken, vor dem Achtelfinale erzählt.
Der Sieg damals gelang in Gruppenphase, das Turnier endete für Norwegen 1998 im ersten K.-o.-Spiel. Zwei von denen haben sie jetzt schon gewonnen. Die Party gehe noch eine Woche weiter, musste Solbakken feststellen – er sorge sich langsam um die Gesundheit der feiernden Norweger.
Übertrifft alle Träume
Die Qualifikation für diese WM hatte dem Land einen Vorgeschmack auf die Kraft eines kollektiven Freudentaumels gegeben. Seitdem müssen auch die Spieler mit immer neuen Glücks-Eskalationsstufen umgehen. „Was für ein Tag, um norwegisch zu sein!“, schrieb Nationalspieler Oscar Bobb nach dem Achtelfinale auf Instagram. Kapitän Martin Ødegaard sagte dem NRK: „Was wir hier machen, übertrifft alles, wovon man hätte träumen können.“
Von Träumen sprach auch der gerührte Haaland. Sie müssten sich nun Brasilien zum Vorbild nehmen: Dort träumte jedes fußballspielende Kind davon, einmal das Nationalmannschaftstrikot zu tragen. Für ihn als Kind habe das noch keine große Rolle gespielt. Das müsse sich ändern: „Es sollte das Erste sein, woran du denkst, wenn du mit dem Fußball anfängst: Dass du für Norwegen spielen willst. Dass du diesen Stolz hast“, sagte er – und in Norwegen kommt das gut an.
Es ist nicht so, dass dort bislang Mangel an Heimatliebe herrschte. Was aber offenkundig auch Haaland in diesen Wochen besonders bewegt, ist das Gemeinschaftsgefühl. Schon nach dem Sieg über die Elfenbeinküste hatte er von dem Zusammenhalt gesprochen, den zu erschaffen ihnen mit Fußball gelungen sei. Das werde Norwegen für immer verändern, hatte er gesagt.
Die Euphorie wird sicher nicht enden, wenn gegen England im Viertelfinale Schluss sein sollte. Schon ab dem letzten Gruppenspiel gegen Frankreich, als das Weiterkommen besiegelt war und Solbakken die komplette Bank zur Startelf machte, war für Norwegen alles nur noch Bonus. Lockermachen und genießen, nannte Haaland den Auftrag. Nach dem jüngsten Bonus-Sieg sprechen sie im Land schon über die Frage der Zukunft: Wo warst du, als Norwegen Brasilien schlug?
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