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Führung zu queerer Kunst„Die Guides geben den Touren einen persönlichen Touch“

Erotische Gött*innenbilder, Homosexualität und Zweiväterfamilien: Einmal im Monat gibt es in Hamburgs Kunsthalle eine Führung mit queerem Blick.

Interview von

Berenike Oldenburg

taz: Jenny Saitzek, warum ist Queerness nicht nur ein Trend?

Jenny Saitzek: Queerness gab es schon immer – nur nicht unter diesem Namen. Gleichgeschlechtliches Begehren sowie vielfältige Identitäten und Lebensweisen hat es in allen Zeiten gegeben. Früher wurden sie nur anders oder gar nicht bezeichnet.

taz: Welche Bedeutung hat und hatte das Queersein in der Kunst?

Saitzek: Queersein hat in der Kunst eine große Bedeutung – früher wie heute. Queerness bedeutet auch Gemeinschaft: Künst­le­r*in­nen haben sich oft zusammengeschlossen und tun dies auch heute noch, um sich gegenseitig zu unterstützen. Außerdem prägen queere Künst­le­r*in­nen und Ally-Artists die Kunst mit ihren Themen und Perspektiven. Ihre Werke sind ein wichtiger Teil der Kunstgeschichte und der Gegenwart.

Im Interview: Jenny Saitzek

42, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Bildung und Vermittlung der Hamburger Kunsthalle. Sie hat die queere Führung mit einem kleinen Team entwickelt.

taz: Sie bieten ja eine Tour in der Hamburger Kunsthalle an, wobei Sie zu diesem Thema Kunstwerke beleuchten. Wie kann man sich diese Tour vorstellen?

Saitzek: Die Tour ist eine dialogische Führung über queere Perspektiven in der Kunstgeschichte. Das heißt, das Publikum wird angeregt, in den Dialog mit den Kunst­ver­mitt­le­r*in­nen etwa zu queerer Geschichte und queeren Identitäten zu gehen. Die wechselnden Guides geben den Touren jeweils einen persönlichen Touch. Die inhaltlichen Schwerpunkte orientieren sich hierbei an der Symbolik von Binarität, erotische Ausdrücke in Gött*innenliebschaften, die Homosozialität und Homosexualität in Freundinnen- und Heiligenbildern sowie den neuzeitlichen Auseinandersetzungen zu Queerness und dem sozialen Geschlecht. Die Spannbreite erstreckt sich über acht Jahrhunderte Kunstgeschichte bis in die Gegenwart.

Unsere Führungen schaffen einen Ort, an dem sich queere Menschen gesehen fühlen

taz: Sind da Kunstwerke dabei, die durch ihre Geschichte besonders herausstechen?

Saitzek: Ja, zum Beispiel das „Selbstbildnis mit der Pflegetochter Lina Gröger und dem Maler Heinrich Jakob Aldenrath“ von Friedrich Carl Gröger von 1804. Das Gemälde veranschaulicht die oft unbenannte Queerness in der Kunstgeschichte. Zu sehen sind zwei Hamburger Maler und deren Pflegetochter. Oft liest man über die beiden Zuschreibungen wie „Männerfreundschaft“ und man muss ein wenig recherchieren, um dann herauszufinden, dass sie ein offen schwules Leben geführt und als Regenbogenfamilie gelebt haben. Bei vielen sorgt gerade dieses Bild deswegen für einen Aha-Moment.

taz: Kann Queerness in der Kunst heute wesentlich offener gelebt werden?

Saitzek: Ja, ich würde sagen, insgesamt ist Queerness in der Kunst heute sichtbarer und kann oft offener gelebt werden als früher. Gleichzeitig ist Offenheit keine Selbstverständlichkeit und nicht überall gleichermaßen gegeben. Deshalb bleibt es wichtig, queere Perspektiven sichtbar zu machen, darüber zu sprechen und sie aktiv zu unterstützen. Kunst kann dazu beitragen, Vielfalt sichtbar zu machen und gesellschaftlichen Dialog zu fördern.

Führung

We´re not just a trend: Kunst war schon immer auch queer, monatliche Führung durch die Hamburger Kunsthalle, wieder am 29.7., 16 Uhr, Lichtwarkgalerie

taz: Warum ist es heute relevant, einen Kontext zu queerer Geschichte herzustellen?

Saitzek: Queere Geschichte ist Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Dennoch werden queere Perspektiven auch heute noch oft übersehen oder bewusst ausgeblendet. Unsere Führungen schaffen einen Ort, an dem sich queere Menschen gesehen fühlen, und laden gleichzeitig Menschen ohne Berührungspunkte dazu ein, sich mit queerer Geschichte auseinanderzusetzen. Kunst kann Brücken bauen und für unterschiedliche Lebensrealitäten sensibilisieren. Gerade in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Gegenwind wieder stärker wird, ist es wichtig, Haltung zu zeigen.

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