Frühkindliche Bildung in Berlin: Kita ist mehr als die Schule der Kleinen
Initiativen und Träger fordern, dass das überarbeitete Bildungsprogramm für Kitas Vielfalt und Teilhabe betont. Der Senat setzt vor allem auf Deutsch.
In der Kita lernen Kinder, sich in der Welt und in ihrer Umgebung zu orientieren. Dazu gehört beispielsweise, dass sie lernen, Mengen zu erleben. Also etwa zu merken, dass der Sandeimer schwerer ist als das Glas Wasser. „Und das ist dann eine Voraussetzung dafür, um auch gut rechnen zu lernen“, sagt Babette Sperle, Sprecherin des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden e. V. (DaKS).
Einen wichtigen Orientierungsrahmen dafür stellt das Berliner Bildungsprogramm für Kitas dar. Es soll Erzieher*innen „ein Grundverständnis davon vermittelt, wie sie Kinder darin begleiten, zu wachsen und stark zu werden und mit welchem Verständnis sie da rangehen“, sagt Sperle. Das Bildungsprogramm sei weniger starr als ein Rahmenlehrplan, aber trotzdem eine verbindliche Grundlage. So bestimmt es etwa die Bildungsbereiche, die Kitas in Berlin abdecken sollen.
Die Bildungsverwaltung ist aktuell dabei, das Programm zu überarbeiten. Einen ersten Entwurf allerdings hatten Initiativen und Träger im vergangenen Jahr massiv kritisiert und abgelehnt, vor allem, weil die Themen Vielfalt, Inklusion und Kinderrechte kaum berücksichtigt worden seien. Seit wenigen Tagen erst ist der aktuelle Entwurf im Umlauf, nachdem die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) eine Kurzfassung davon einzelnen Medien am Montag vorgestellt hatte. Der Bildungsausschuss wird das Berliner Bildungsprogramm für Kitas am Donnerstag beraten. Grüne und Linksfraktion hatten eine Anhörung angemeldet unter der Überschrift: „Überarbeitung des Berliner Bildungsprogramms – dem Roll-Back im frühkindlichen Bildungsverständnis begegnen“.
Das Berliner Bildungsprogramm für Kitas kam erstmals 2004 heraus und war 2014 leicht angepasst worden. Berlin war damals eins der ersten Bundesländer mit so einem Programm. Der neue Entwurf sei kein Paradigmenwechsel, sondern eine Überarbeitung, betonte Günther-Wünsch. Sie hatte laut Medienberichten besonders die Deutschförderung und die Rolle von Kitas als Vorbereitung auf die Schule herausgestellt.
Eigener Bildungsbegriff
Gerade diese Fixierung auf die Schule kritisiert Petra Wagner vom Bündnis Vielfalt verankern. Sie arbeitet beim Institut Kinderwelten für diskriminierungskritische Bildung. „Kitas haben in den vergangenen 20, 25 Jahren einen klaren eigenen Bildungsbegriff entwickelt, der vom Kind her gedacht ist und es dabei unterstützt, wo es steht in der Welt“, sagt sie. Das gehe über eine Vorbereitung auf die Schule hinaus. Sich allein auf „gutes Deutsch“ und „Schuhe zubinden zu können“ zu konzentrieren, „das kommt da so rein wie alter Wind aus alten Löchern“, sagt sie.
Einige Kritikpunkte habe die Senatsverwaltung tatsächlich berücksichtigt, so Wagner, etwa dass im neuen Entwurf Inklusion nun klar als Querschnittsthema benannt sei, in dem Sinne, dass allen Kindern Teilhabe ermöglicht werden solle. „Doch da, wo es im Programm darum geht, was handlungsrelevant ist, also wie Erzieher*innen das umsetzen, da kommt der Begriff kaum mehr vor“, kritisiert sie. Auch tauche Teilhabe und Inklusion noch mal als eigenes Kapitel über Behinderung auf – „da wird klar, dass Kinder mit Behinderungen vorher wenig mitgedacht waren“.
Babette Sperle, DaKS
Das Bündnis Vielfalt verankern meldet daher auch an dem neuen Entwurf Kritik an. Am Donnerstag, vor dem Ausschuss, wollen sie vor dem Abgeordnetenhaus demonstrieren und der Senatorin eine Petition übergeben. Diese fordert die Verwaltung dazu auf, sich bei der Überarbeitung des Entwurfs „an den Kinderrechten, an wissenschaftlichen Erkenntnissen und an demokratiepädagogischen Prinzipien zu orientieren“ und dabei Fachpraxis, Familien, Träger und Wissenschaft „gleichermaßen“ einzubeziehen in einen „transparenten und partizipativen Überarbeitungsprozess“.
Brandenburg macht's besser
„Nach unserem Eindruck hat die Verwaltung die Kritik auf den ersten Entwurf gehört, und es ist einiges mehr eingeflossen, als es im ersten Entwurf der Fall war“, sagt auch Sperle vom DaKS. „Aber das Bildungsprogramm bleibt doch in den Bereichen „Diverse Lebensentwürfe“ hinter dem zurück, was frühere Versionen adressiert hatten. Berlin hat hier eine Chance vergeben, sich „anders und neu zu erfinden“, findet sie.
Besonders im Vergleich zum Brandenburger Kita-Bildungsplan falle die Berliner Überarbeitung deutlich ab. „Brandenburgs Programm ist viel weniger theoretisiert und abstrakt, es macht richtig Lust darauf, das zu lesen“, sagt Sperle. In ihren Augen spielt auch eine Rolle, dass in Berlin mit dem Tod der Bildungswissenschaftlerin Christa Preissing eine große Lücke entstanden sei. „Sie war die zentrale Autorin, die Verwaltung, Wissenschaft und Praxis verbunden hatte und es geschafft hat, das Kitasystem hinter einem Programm zu versammeln“, sagt sie. „Wir waren da ein Leuchtturm und Vorreiter, und das haben wir verloren.“
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